Archivierter Artikel vom 25.06.2022, 18:00 Uhr
Kreis Altenkirchen

Gemeinsame Interessenvertretung: Landwirte aus der Region schmieden eine Allianz

Landwirte aus dem Westerwald, Siegerland, Sauerland und dem Oberbergischen tun sich zusammen: In einer „Mittelgebirgsallianz“ wollen sie in Zukunft die Interessen der Bauernfamilien im Bergland über Verbände und Ländergrenzen hinweg gegenüber Politik und Gesellschaft stärker vertreten.

Michael Richard (von links), Matthias Müller, Bernd Eichert, Josef Schwan (2. von rechts) und Franz Bellinghausen (rechts) bilden den Vorstand der neuen Allianz.
Michael Richard (von links), Matthias Müller, Bernd Eichert, Josef Schwan (2. von rechts) und Franz Bellinghausen (rechts) bilden den Vorstand der neuen Allianz.
Foto: Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau

Den Auftakt dazu, so steht es in einer Pressemitteilung der Kreisgeschäftsstellen Altenkirchen, Neuwied und Westerwald im Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau, präsentierten sie in dieser Woche bei einem gemeinsamen Termin mit Politikern am Schnittpunkt der Regionen im sauerländischen Wenden-Heid auf der Aussichtsplattform „Om Heid“.

Michael Richard, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Olpe im Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband, hatte den Anstoß zu diesem Treffen gegeben: „Wir haben im Bergland dieselben Bedingungen: Wunderschöne und vom Grünland geprägte Landschaft, Weidetierhaltung und vielfältige Familienbetriebe. Die naturnahe Landwirtschaft prägt unsere Regionen und stellt sich dabei immer wieder auf politische, gesellschaftliche und klimatische Veränderungen ein. Aber viele gesetzliche Rahmenbedingungen passen nicht für unsere Regionen, sie benachteiligen uns in ungerechter Weise. Das wollen wir ändern“, so Richard. Dazu haben die Landwirte fünf konkrete Forderungen herausgearbeitet, um der Landwirtschaft in den Mittelgebirgen auch in Zukunft eine Perspektive zu bieten.

Richard warb für die Ausweitung der „Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete“. „Das ist ein geeignetes und nachvollziehbares Instrument, um naturräumlich und agrar­strukturell benachteiligte Mittelgebirgsregionen zu unterstützen.“ Dieses Instrument solle weiter gestärkt werden, um die natürlichen Bewirtschaftungsnachteile gegenüber den Gunstregionen auszugleichen und so die Landwirtschaft in den Mittelgebirgen zu stabilisieren. „Die Ausgleichszulage ist eine konkrete Hilfe, die passgenau auf den Höfen ankommt. Diese wollen wir erhalten und gestärkt wissen“, erläuterte Richard die Forderung der Mittelgebirgsallianz.

Josef Schwan, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Altenkirchen, richtete an die jeweiligen Landtage die Forderung nach einer regional angepassten Ausnahme von der ab 2025 geltenden Verpflichtung, Wirtschaftsdünger ausschließlich bodennah auszubringen. „Die bodennahe Ausbringung von Wirtschaftsdünger ist mit den erforderlichen großen Schleppschlauchgeräten in unseren Hanglagen vielerorts nicht leistbar. Wir brauchen Ausnahmeregelungen wie etwa in Bayern, um mit kleinerem Gerät unsere hängigen und kleinstrukturierten Flächen fachgerecht und flexibel bewirtschaften zu können.“

Das giftige Jakobskreuzkraut, das sich insbesondere in den Höhenlagen von Westerwald und südlichem Siegerland auf extensiv genutzten Wiesen ausbreitet, ist zu einem sehr ernst zu nehmenden Problem geworden. Die massive Verbreitung dieser Pflanze stelle zunehmend die Futtereignung des Aufwuchses auf extensiv genutzten Flächen in Frage, zumal es bislang an wirksamen und praktikablen Bekämpfungsstrategien mangele.

„Wenn das gewonnene Heu nicht mehr wirtschaftlich zur Tierfütterung verwertet werden kann, droht die Nutzung solcher Flächen von den Landwirten aufgegeben zu werden. Eine Nutzungsaufgabe bedeutet zugleich den Verlust des Kräuterreichtums auf diesen naturschutzfachlich besonders wertvollen Wiesenflächen“, erklärte Matthias Müller, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes des Westerwaldkreises. Er forderte von den Umweltministerien mehr Engagement bei der Erforschung und Umsetzung wirksamer Eindämmungsmaßnahmen des Giftkrautes, welches sich als Folge der staatlich geförderten zunehmenden Extensivierung von Wiesenflächen eingestellt habe.

Auf die ungehinderte Ausbreitung des Wolfes haben die Tierhalter eine eindeutige Antwort: Der Bestand muss kontrolliert werden, eine Wolfsverordnung muss vorangebracht werden. Bernd Eichert, stellvertretender Vorsitzender im Kreisverband Olpe, fand klare Worte: „Wenn die Wolfspopulation weiter wächst, ist die Weidetierhaltung am Ende.“ Dieses Thema dulde keinen Aufschub, „denn der Wolf wartet nicht“, so Eichert. Man wolle keine Ausrottung des Wolfes, aber „eine ehrliche Regulierung des Bestandes“. Dem pflichtete Franz Bellinghausen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Oberberg, bei: „Wenn die Tiere in den Ställen bleiben, verliert die ganze Region an Vielfalt und Attraktivität, auch für den Tourismus.“

Die Regeln der neuen gemeinsamen europäischen Agrarpolitik benachteiligten die Regionen mit einem überwiegenden Grünlandanteil erheblich, führte Georg Jung, Geschäftsführer der Kreisbauernverbände Siegerland-Wittgenstein und Olpe, aus. Die Förderung für die nachhaltige Bewirtschaftung der Flächen sinke ab 2023 um rund 100 Euro pro Hektar.

„Für die Betriebe in unseren Grünlandregionen fehlt es an praktikablen Angeboten, diesen Einkommensverlust über geeignete Ökoregelungen auszugleichen. Hier muss nachgebessert werden, damit die Offenhaltung der Landschaft attraktiv bleibt“, so Jung. Daneben forderte er für die Mittelgebirgsallianz eine Öffnung des bestehenden Verbotes, Grünland umzubrechen: „Um bestehen zu können, brauchen unsere Landwirte Möglichkeiten, unternehmerisch auf veränderte Rahmenbedingungen wie Marktgegebenheiten und Klimawandel reagieren zu können“, betont Jung. red