Betzdorf/Neuwied

Arbeitnehmer mit Handicap? Für diese Unternehmen kein Hindernis

Evelin Schmied bedient inzwischen routiniert die neue Textildruckmaschine. Die 45-Jährige ist nahe gehörlos, fühlt sich aber trotz ihrer Behinderung bei der Firma Kreativ-Werkstatt Herwick in Betzdorf sehr wohl.
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Evelin Schmied bedient inzwischen routiniert die neue Textildruckmaschine. Die 45-Jährige ist nahe gehörlos, fühlt sich aber trotz ihrer Behinderung bei der Firma Kreativ-Werkstatt Herwick in Betzdorf sehr wohl. Foto: Arbeitsagentur

Menschen mit Behinderung suchen häufig lange nach einer passenden Stelle – obwohl sie ebenso qualifiziert sind wie ihre Mitbewerber. Dabei spielt die Behinderung in dem angestrebten Job oft gar keine Rolle. Und doch zahlen Arbeitgeber meist lieber eine Abgabe, anstatt Schwerbehinderte einzustellen – und das trotz Fachkräftemangel. Dass die Bedenken, eine Person mit Handicap einzustellen, eigentlich gar nicht berechtigt sind, zeigt die Firma Kreativ-Werkstatt Herwick GmbH aus Betzdorf.

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Bereits vor mehr als 20 Jahren hat das Unternehmen, das auf Digitaldruck spezialisiert ist, die nahezu gehörlose Evelin Schmied zur Malerin/Lackiererin ausgebildet. Die heute 45-Jährige war dann über zwei Jahrzehnte in einer anderen Sparte tätig, bevor sie sich Ende 2020 erneut um eine Stelle bewarb.

Für Geschäftsführerin Sandra Herwick spielte die Behinderung keine Rolle: „Für uns ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiter motiviert und lernbereit sind. Das ist bei Frau Schmied absolut der Fall.“ Manchmal ist es etwas umständlicher, neue Tätigkeiten zu vermitteln, aber es funktioniert – mit deutlichen Lippenbewegungen, Händen oder auch schriftlich.

Inzwischen bedient Evelin Schmied sogar die neue Textildruckmaschine – und ist überglücklich, eine Stelle gefunden zu haben, die ihr so viel Abwechslung bietet. „Ich habe jahrelang nur monotone Arbeiten ausgeführt – hier mache ich immer wieder andere Sachen. Die Kollegen sind unheimlich nett und hilfsbereit, ich fühle mich sehr wohl“, sagt Schmied.

Um sie zu unterstützen, möchte die Chefin einen Sprachcomputer anschaffen, der das gesprochene Wort schriftlich festhält. „Dann kann Frau Schmied unsere Erklärungen einfacher verstehen und gewinnt noch mehr Sicherheit“, so Sandra Herwick.

Ein anderes Beispiel aus Neuwied: Dort hat die Lufapak GmbH, die Lager, Logistik und Fulfillment-Dienstleistungen anbietet, im Juni dieses Jahres gleich zwei junge Frauen eingestellt. Pia Sawatzky ist gehörlos, Malika Harlov leidet unter einer psychischen Beeinträchtigung, die ihr den Kontakt mit Menschen erschwert.

Beide haben im Berufsbildungswerk Heinrich-Haus gGmbH eine Ausbildung zur Logistikerin absolviert. „Beide Damen waren sofort einsatzfähig“, sagt Warehouse-Manager René Gratzki. „Anfänglich waren sie sich gegenseitig eine Stütze, da sie sich bereits aus der Ausbildung kannten. Inzwischen sind sie gut im Team integriert und arbeiten beide in verschiedenen Bereichen.“

Ein Beispiel für erfolgreiche Inklusion aus Betzdorf: Sandra Herwick, Reiner Herwick, Evelin Schmied, Andrea Petri (alle Kreativ-Werkstatt Herwick GmbH) und Thomas Fritsch (Reha-Spezialist der Arbeitsagentur Neuwied).
Ein Beispiel für erfolgreiche Inklusion aus Betzdorf: Sandra Herwick, Reiner Herwick, Evelin Schmied, Andrea Petri (alle Kreativ-Werkstatt Herwick GmbH) und Thomas Fritsch (Reha-Spezialist der Arbeitsagentur Neuwied).
Foto: Arbeitsagentur

Während Malika Harlov für die Kommissionierung von Waren mit dem Stapler zu-ständig ist, verpackt Pia Sawatzky Aufträge für den Versand. „Beide sind in ihren Aufgaben bereits sehr fit“, so Gratzki. Eine Behinderung oder Beeinträchtigung sieht auch er als irrelevant, wenn die Qualifikation und die Bereitschaft stimmen.

„Wir haben hier überhaupt keine Berührungsängste, und unsere beiden Neuzugänge sind nicht die einzigen Mitarbeiter, die ein Handicap haben. Natürlich muss man sich ein wenig darauf einstellen und Rücksicht nehmen. Wir haben gute Erfahrung mit unserem Einarbeitungssystem mittels Paten, die jeder neue Mitarbeiter an die Seite gestellt bekommt, gemacht.“

Auch bei der Firma Herwick in Betzdorf hat Evelin Schmied eine Patin, Andrea Petri, die ihr für alle Fragen zur Verfügung steht und sie in neue Arbeitsprozesse einweist. „Evelin ist immer voll bei der Sache, und mir macht es überhaupt keine Mühe, ihr neue Dinge zu vermitteln“, so Petri.

Alle drei Arbeitnehmer werden für die Dauer von bis zu einem Jahr von der Arbeitsagentur gefördert, sprich, der Arbeitgeber erhält einen Eingliederungszuschuss. Förderhöhe und -dauer hängen immer vom Einzelfall ab. „Am Ende profitieren meist beide Seiten von dem Beschäftigungsverhältnis“, sagt Thomas Fritsch, Reha-Spezialist bei der Arbeitsagentur Neuwied.

„Der behinderte Arbeitnehmer kann seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen und gewinnt Selbstständigkeit, während der Arbeitgeber einen wertvollen Mitarbeiter gewinnt, seinen Beitrag zur Inklusion leistet und nicht zuletzt die gesetzliche Vorgabe erfüllt, dass Unternehmen ab 20 Arbeitsplätzen mindesten fünf Prozent dieser Stellen mit Behinderten besetzen müssen.“ In diesen beiden Fällen verlief die Einarbeitung so erfolgreich, dass einer Weiterbeschäftigung der neuen Mitarbeiter seitens des Arbeitgebers nichts im Wege steht.

Arbeitgeber, die daran interessiert sind, schwerbehinderte Menschen in ihrem Betrieb zu beschäftigen, erhalten von den Reha-Spezialisten in der Arbeitsagentur Neuwied vielfältige Unterstützung, angefangen von Möglichkeiten der finanziellen Förderung in der Einarbeitung bis hin zu Fördermöglichkeiten der notwendigen räumlichen oder technischen Voraussetzungen. Für den Kreis Altenkirchen steht Thomas Fritsch als Reha-Spezialist unter der Telefonnummer 02681/955.737 zur Verfügung.