Ahrweiler

Wer sind die Opfer der Sinflut? Polizei hat mittlerweile 117 Tote gefunden – und gerade einmal 40 von ihnen identifiziert

Auf 117 ist die Zahl der Todesopfer nach der Unwetterkatastrophe im Kreis Ahrweiler gestiegen – und gerade einmal 40 von ihnen konnten bislang identifiziert werden. Das hat das Polizeipräsidium Koblenz am Montag bei einer Pressekonferenz mitgeteilt und geschildert, wie schwierig es ist herauszufinden, wer die gefundenen Opfer überhaupt sind.

Von Stephanie Mersmann/Beate Au

Mit welcher Urgewalt die Flutwelle durch das Ahrtal gerollt ist, zeigt sich beklemmend in Altenahr.
Mit welcher Urgewalt die Flutwelle durch das Ahrtal gerollt ist, zeigt sich beklemmend in Altenahr.
Foto: Hans-Jürgen Vollrath

„Das kostet sehr viel Anstrengung“, sagte Stefan Heinz, Leiter der Kriminaldirektion Koblenz. Gerade wenn die Toten aus Schlamm und Geröll geborgen werden, sei es sehr schwierig, sie zu identifizieren. „Wir versuchen, so sorgsam wie möglich vorzugehen, aber das ist sehr schwierig in diesem Einsatzgebiet“, so Heinz. Polizeivizepräsident und Einsatzleiter Jürgen Süs ergänzte, dass man damit rechnet, dass die Zahl der Toten weiter steigt.

Demgegenüber stehen weiterhin 170 Vermisste, von denen die Polizei immer noch ausgeht. „15.000 Anrufe und Anrufversuche mit Hinweisen sind bislang bei uns eingegangen – und dabei ging es vor allem um Vermisste“, berichtete Stefan Heinz. Mittlerweile sind die meisten Fälle abgeschlossen, 640 werden aber noch bearbeitet. Zumindest eine gute Nachricht: Die Zahl der Hinweise, und damit der neuen Vermisstenfälle, ist stark zurückgegangen. 754 Verletzte sind der Polizei zudem bekannt.

Die Katastrophe im Landkreis ist auch für die Polizei eine Ausnahmesituation. Allein an diesem Montag waren tagsüber 1200 Polizeibeamte vor Ort. „Unsere originären Aufgaben sind Gefahrenabwehr und Strafverfolgung“, sagte Polizeipräsident Karlheinz Maron – aber darüber hinaus unterstützen die Polizisten die Einsatzkräfte auch bei zig anderen Arbeiten, die anfallen.

In Ahrbrück laufen Arbeiten, die schwer beschädigte Brücke über die Ahr zu stabilisieren.
In Ahrbrück laufen Arbeiten, die schwer beschädigte Brücke über die Ahr zu stabilisieren.
Foto: dpa

Besonders wichtig ist es Maron, zu betonen, dass die Polizei immer und für alle Bürger ansprechbar ist und man alle Fragen an die Beamten richten kann. Das ist gerade auch vor dem Hintergrund von Gerüchten wichtig, die immer wieder die Runde machen, etwa zu einem angeblichen Dammbruch oder einem Abzug der Bundeswehr – beides ist nicht wahr, verbreitete sich aber schnell und verstörte die Anwohner nur zusätzlich.

Außerdem will die Polizei Präsenz im Katastrophengebiet zeigen, rund um die Uhr und in jedem Ort – auch, um mögliche Plünderer abzuhalten. Ziel ist es, in jeder Gemeinde außerdem eine Informationsstelle einzurichten, in der die Einsatzkräfte präsent sind, kündigte Jürgen Süs an. Kriminalitätsbekämpfung war bislang aber noch nicht nötig, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Harald Kruse bei der Pressekonferenz. Klar sei gleichwohl: „Wir würden mit aller Härte vorgehen.“

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Luftbild

Eine weitere Herausforderung für die Polizei ist es, die Verkehrswege im Kreisgebiet freizuhalten, die noch benutzbar und zurzeit umso wichtiger sind. Immer wieder werden diese von Gaffern blockiert, die die Arbeit der Einsatzkräfte behindern. Die Polizei kritisierte die Schaulustigen bereits deutlich.

Vorrang hat zurzeit weiterhin, das Gebiet abzusuchen, wobei Polizei, Feuerwehr, technische Hilfskräfte und Bundeswehr zusammenarbeiten. Und die dringlichsten Einsätze stehen wohl auch im Vordergrund, bevor eine Frage beantwortet wird, die mittlerweile viele stellen: Wurde zu spät vor dem Hochwasser gewarnt, gab es hier Versäumnisse, die zu der Katastrophe beigetragen haben? Erste Strafanzeigen liegen der Polizei vor, „aber es ist deutlich zu früh, dazu etwas zu sagen“, so der Leitende Oberstaatsanwalt Kruse. Die Frage sei bestimmt berechtigt, ergänzte Jürgen Süs – eine Antwort wird aber noch auf sich warten lassen.

Szenenwechsel in eine Horrorkulisse: Altenahr befindet sich immer noch im Ausnahmezustand – auch wenn über die Autobahn unentwegt eine Armada von Hilfstransporten rollt. Es fehlt teils ganz einfach die Infrastruktur, sie gezielter einzusetzen. Es stinkt in den verschlammten Straßen. Dort, wo die braune Masse getrocknet ist, wirbeln Staubmassen durch die Luft, wenn ein Lkw Sperrmüll, Reste von eingestürzten Häusern und Geröll abfährt. Trümmer überall, die Uferpromenade ist verwüstet, Brücken sind zerstört, die Landschaft ist deformiert. Und obwohl viele Menschen noch immer nicht richtig fassen können, was da über sie hereingebrochen ist, sind viele von ihnen beim Aufräumen und versuchen, wieder nach vorn zu schauen.