Archivierter Artikel vom 23.07.2021, 07:00 Uhr
Walporzheim

Walporzheimer halten zusammen: Müllentsorgung ist große Herausforderung

Eine Ladung Schrott nach der anderen brachten Lastwagen am Mittwoch aus Walporzheim heraus. Die Hauptverkehrsstraße, die Walporzheimer Straße, wurde vorübergehend zu einer Einbahnstraße umfunktioniert. Koordinator und Unternehmer Dominik Grabowski, der am vergangenen Samstag aus Dormagen angereist ist, wies entgegenkommende Fahrzeuge darauf hin: „Es geht nur in die eine Richtung.“ In Walporzheim, dem kleinen Ortsteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, versuchen die Helfer, nach und nach Herr der Lage zu werden. Doch die Koordination ist eine große Herausforderung.

Von Lars Tenorth

Ein Großteil des Mülls lagert inzwischen an den Straßenrändern außerhalb von Walporzheim. Mit Blick auf den vorhergesagten Regen am Wochenende soll möglichst viel Müll aus dem Ortsteil weggeräumt sein.
Ein Großteil des Mülls lagert inzwischen an den Straßenrändern außerhalb von Walporzheim. Mit Blick auf den vorhergesagten Regen am Wochenende soll möglichst viel Müll aus dem Ortsteil weggeräumt sein.
Foto: Lars Tenorth

„Die Müllentsorgung ist das größte Problem“, sagte Grabowski. Rund zehn Lkws waren am Mittwoch im Pendelverkehr im Einsatz, sie fuhren zur Deponie nach Niederzissen, wie er ergänzte. „Wir brauchen mehr Deponien“, sagte er zerknirscht. Nun sind sie damit beschäftigt, den Schrott erst einmal aus dem Ort zu schaffen. An der Zugangsstraße nach Walporzheim säumten Möbel und auch kaputte Autos den Weg. Extra richteten die Helfer einen eigenen kleinen Schrottplatz ein, um den Müll dort zwischenlagern zu können. „Auf der Walporzheimer Straße war alles zu mit Müll.“ Grabowski trägt seit vergangenem Samstag mit weiteren Unterstützern dazu bei, dass Maßnahmen möglichst koordiniert ablaufen. Gemeinsam unter anderem mit dem Walporzheimer Holger Schneider und Daniel Briel aus Sinzig, der auch aus familiären Gründen im kleinen Ortsteil unterstützt, nahmen sie das Heft des Handelns selbst in die Hand. Sie halfen bei der Organisation und beim Aufbau der Versorgungsstelle am Bahnhof. Hier gibt es eine Wundversorgung und Verpflegung. Zudem können die Menschen dort auf Pakete mit Kleidung zurückgreifen. Auch Dixieklos und Duschzelte wurden aufgestellt. Holger Schneider hatte einen Landwirt auf Dixies angesprochen, schnell wurde alles in die Wege geleitet. Anfangs organisierte Schneider nur einen Grill und stellte diesen am Bahnhof auf: „Dann ist hier nach und nach ein Lager entstanden“, betonte er. Es ist ein Lichtblick nach den ersten frustrierenden Tagen.

Die Eisenbahnbrücke nah der L 267 bei Walporzheim, die über die Ahr führte, ist zerstört. Nach und nach sollen erst die Fundamente aus dem Fluss entfernt und die Brücke dann wieder aufgebaut werden.
Die Eisenbahnbrücke nah der L 267 bei Walporzheim, die über die Ahr führte, ist zerstört. Nach und nach sollen erst die Fundamente aus dem Fluss entfernt und die Brücke dann wieder aufgebaut werden.
Foto: Lars Tenorth

Angespannte Stimmung

Wie Schneider erzählte, fühlten sich die Menschen in Walporzheim in den ersten Tagen nach der Katastrophe im Stich gelassen: „Die Koordination war eine Katastrophe.“ Grabowski, im Ort nur „Dispo“ oder auch der Mann ohne Stimme genannt, erläuterte näher mit weiter angekratzten Stimmbändern, dass die Stimmung ziemlich angespannt ist. Gerade von der Polizei hatten sich viele Walporzheimer mehr Unterstützung erhofft, berichtete er weiter. Die ganze Lage geht an keinem spurlos vorbei, in einer Situation meckerte ein Polizist einen Lkw-Fahrer lautstark an.

Erst seit Montag sind vermehrt Einsatzkräfte der Polizei, Feuerwehr, des THW oder auch der Bundeswehr hinzugestoßen. „Seit Montag gibt es eine Zusammenarbeit“, so Grabowski. Dazu sind viele Unternehmen, Landwirte oder auch Privatleute in die Aufräumarbeiten involviert. Grabowski betont, wie wichtig die Koordination der Helfer ist, damit niemand möglicherweise behindert wird. Eine wichtige Rolle übernimmt aktuell auch der Bundesverband mittelständische Wirtschaft. „Wir danken der Leiterin Sarah Walenta und ihrem Team“, lobte Daniel Briel. Der Verband koordiniert die Beschaffung von Materialien wie Generatoren, bindet dafür Firmen mit ein und fragt Ressourcen ab.

Johann Holtmeier (links) und Thomas Schröder sind aus Schleswig-Holstein nach Walporzheim gefahren, um dabei zu helfen, kaputte Reifen zu flicken. Sie haben einiges zu tun.
Johann Holtmeier (links) und Thomas Schröder sind aus Schleswig-Holstein nach Walporzheim gefahren, um dabei zu helfen, kaputte Reifen zu flicken. Sie haben einiges zu tun.
Foto: Lars Tenorth

Immer wieder erkundigte sich Grabowski bei Einsatzkräften von der Bundeswehr, ob sie Verpflegung brauchen, und schaute allgemein nach dem Rechten. In einer Situation wurde er von einem Feuerwehrmann angesprochen, der Verpflegung Richtung Weinschenke bringen wollte. „Dispo“ erklärte dem Feuerwehrmann den Weg und setzte dabei auch auf Unterstützung durch die Bundeswehr. Informationen sind auch für die Walporzheimer selbst in diesen Tagen ein hohes Gut. Deshalb wurde eine Infostelle, die selbst ernannte Stadtverwaltung, aufgebaut, die Infos sammelt und kommuniziert. Über Durchsagen oder Bekanntgaben im Internet erfahren Bürger mehr über Neuigkeiten zur Strom- oder Wasserversorgung oder auch Soforthilfen.

Diese hält Daniel Briel für sehr wichtig, er hofft aber auch auf eine nachhaltige finanzielle Unterstützung: „Vielen Menschen ist die Existenzgrundlage weggefallen.“ So seien unter anderem Lagerbestände in Weingütern betroffen. „Das ist ein riesiges Problem.“

Foto: Lars Tenorth

Als eine große aktuelle Schwierigkeit machte er die vielen Gerüchte aus, die im Umlauf sind: „Die Querdenker verbreiten viele Gerüchte, viele sind erstunken und erlogen.“ So gab es etwa das Gerücht, dass viele Menschen in der Kapelle St. Josef ertrunken seien, dem widersprach Holger Schneider entschieden und schüttelte den Kopf. Die beiden möchten die Menschen sensibilisieren, sich vor Querdenkern in Acht zu nehmen. Denn jetzt zählt, neben den Aufräumarbeiten vor allem die Infrastruktur langsam wieder in Gang zu bringen. Nicht nur Bagger und Radlager rollten dafür am Mittwoch in und um den Weinort, sondern es war auch ein Panzer mit Schaufel im Einsatz. Eine große Baustelle ist derzeit die L 267 Richtung Marienthal. Denn hier zerstörte die Ahr die Eisenbahnbrücke und auch einen Teil der Straße. Bauunternehmer Marcus Zintel aus dem Saarland wurde durch den LBM, Landesbetrieb Mobilität, beauftragt, die Straße wieder provisorisch instand zu setzen, wie er berichtete. Am vergangenen Freitag traf er ein, verschaffte sich zunächst einen Überblick und versorgte mit seinem Team auch Anwohner an dem Felsvorsprung der Bunten Kuh, die seit der Flutkatastrophe abgeschnitten waren.

Nicht nur Bagger einiger Unternehmen sind im Einsatz, sondern hier auch ein Panzer der Bundeswehr, der zusätzlich mit einer Schaufel ausgestattet ist.
Nicht nur Bagger einiger Unternehmen sind im Einsatz, sondern hier auch ein Panzer der Bundeswehr, der zusätzlich mit einer Schaufel ausgestattet ist.
Foto: Lars Tenorth

Riesige Hilfsbereitschaft

Anschließend ging es zur Hauptaufgabe zurück: „Wir mussten erst die Straße freiräumen.“ Schließlich brachte er mit Unterstützung die Straße in Ordnung, erst für leichtere Fahrzeuge, dann auch für Lkw. „Auch müssen wir das Flussbett verbreitern, sodass sich die Fließgeschwindigkeit der Ahr reduziert, um die Straße zu schützen.“ Steinfundamente der kaputten Eisenbahnbrücke sollen zudem aus dem Fluss entfernt werden, kündigte er am Mittwoch an. Von Freitagmorgen bis Sonntagnachmittag war er nach eigener Aussage fast durchgehend auf Achse, hatte in der Zeit nur rund zwei Stunden Schlaf. Dankbar zeigte er sich für die Hilfsbereitschaft, allen voran von den zahlreichen Pionieren der Bundeswehr. Die Bundeswehr sorgt derzeit auch mit Tankfahrzeugen dafür, dass Lkws und andere Geräte wieder mit Sprit versorgt werden. Doch nicht nur Sprit ist in diesem Tagen wichtig, viele Menschen fuhren sich auch schon einen platten Reifen und wurden dadurch ausgebremst. Daher ist es praktisch, dass Reifenservices in Walporzheim ihre Hilfe anbieten. Einer davon ist Johann Holtmeier, der aus Schleswig-Holstein nach Walporzheim angereist war: „Seit Montagabend sind wir da.“ Von der Ankunft bis Mittwochnachmittag schätzt er, hat Johann Holtmeier mit seinem Team rund 200 Reifen geflickt. „Wir reparieren auch Fahrzeuge, wenn es machbar ist“, erklärte er. Doch dafür fehle oft das Werkzeug.

Die Infostelle, die improvisierte Stadtverwaltung, wie es auf dem Schild heißt, liefert Neuigkeiten etwa zur Wasserversorgung (oben). Am Bahnhof ist die Versorgungsstelle in Walporzheim aufgebaut (unten).
Die Infostelle, die improvisierte Stadtverwaltung, wie es auf dem Schild heißt, liefert Neuigkeiten etwa zur Wasserversorgung (oben). Am Bahnhof ist die Versorgungsstelle in Walporzheim aufgebaut (unten).
Foto: Lars Tenorth

Auf Probleme dieser Art weist derzeit Landwirt Markus Wipperfürth oft hin, der als Lohnunternehmer seine Reichweite in den sozialen Netzwerken nutzt und Probleme nach außen trägt. „Die Probleme, die wir haben, stelle ich online“, sagte er, der selbst in Walporzheim anpackt. Viele Menschen in Walporzheim sind ihm dafür dankbar oder eben auch Johann Holtmeier. Durch diese Akteure gehen die Aufräumarbeiten voran, aber auch durch die Walporzheimer selbst, die in dieses schweren Zeiten funktionieren und ihr Bestes geben. Ein großes Lob äußerte Holtmeier: „Das Besondere ist der Zusammenhalt zwischen den Einwohnern, da bekomme ich Gänsehaut.“ Für das nächste Jahr wurde er schon zum Weinfest eingeladen, sagte er.

Von unserem Redakteur Lars Tenorth