Archivierter Artikel vom 03.08.2021, 19:36 Uhr
Sinzig/Heimersheim

Von Artgenossen in Löhndorf begrüßt: Das Findelhuhn von Heimersheim findet neue Heimat

Es ist einer der ersten Tage dieser Flutkatastrophe, an dem in Heimersheim das Gröbste raus ist. Die Freunde aus dem Weinfestdorf an der Ahr, deren Grundstück und Haus abgesoffen sind, melden sich erstmals. „Land in Sicht, aber endlich ein heißer Kaffee, das wäre toll“, wünschen sie sich auf die Nachfrage aus Sinzig. Hier, im vom Hochwasser verschonten Haushalt, läuft die Kaffeemaschine heiß; die Schwägerin steuert noch zwei Thermoskannen bei. Auf der Wunschliste sind zudem noch ein Dutzend ordentlich belegte Leberkäsbrötchen für die Bundeswehreinheit, die gerade bei den Schwiegereltern schöpft und schippt.

Von Frank Bugge
Ein beherzter und fachmännischer Griff, dann ist das Heimersheimer Findelhuhn reif für die Tour im Umzugskarton nach Löhndorf.
Ein beherzter und fachmännischer Griff, dann ist das Heimersheimer Findelhuhn reif für die Tour im Umzugskarton nach Löhndorf.
Foto: Frank Bugge

In Heimersheim wird die herzhafte Verpflegung von den Soldaten begeistert entgegengenommen. Ein paar Häuser weiter erfährt die Kaffeelieferung größte Entzückung. Die Hausfrau hat beim Räumen, Spülen und Putzen seit Tagen die Unterstützung von Freundinnen. Allein: Es fehlte bislang ein heißer Kaffee, da es keinen Strom gibt, das Aggregat eine Kaffeemaschine nicht schafft und ein Gaskocher fürs heiße Wasser zum Überbrühen einfach nicht vorhanden ist.

Die heiße schwarze Lieferung aus Sinzig sorgt für eine entspannte Kaffeepause auf der einst so schmucken Terrasse. Von dort schweift der Blick auf den vom Hochwasser demolierten Garten mit großem Teich. Auf einmal erblickt jemand auf der anderen Seite ein weißes Huhn. Das sei seit der Katastrophennacht immer wieder mal da, berichtet die Hausherrin. Um zu ergänzen, dass sie und ihr Mann meinen, das Huhn müsse weg und zu anderen Hühnern gebracht werden. Nur kurz und ohne Ergebnis wird die Frage erörtert, ob es denn aus der Nachbarschaft kommen könne. Sie habe sogar schon ein Ei gefunden, berichtet eine der eifrigen Helferinnen.

Ein glückliches Ende für diesen Katastrophentag

Während das Huhn seinen Weg durch den kaum wiederzuerkennenden Garten macht, reift in der kleinen Runde der Entschluss: einfangen und woanders unterbringen. Das mögliche Ziel bei einem Bekannten, der ahraufwärts Hühner hält, wird schnell verworfen: Wie hinkommen? Gibt es da überhaupt noch Hühner? Von den Sinzigern kommt der Vorschlag, mit dem noch einzufangenden Huhn doch heimwärts durch Löhndorf oder Westum zu fahren, um dort nach einem passenden Gehege zu suchen. Gegenüber vom Spielplatz in Löhndorf gibt es Hühner. Das wäre ideal, ist man sich schnell einig. Jetzt muss nur noch das Huhn eingefangen werden.
Während die Hühnerjäger auf der dicken Schlammschicht im Garten gut vorankommen, erweist sich das Federvieh als ebenso flink und flott und entkommt immer wieder. Das Fängerquartett will aufgeben, denn es gibt hier und heute ja viel Wichtigeres zu tun. Doch da: Das Huhn flattert in eine ausweglose Zaunecke. Mit einem fachmännischen Zugriff wird es gefasst und unter seinem lauten Protest in einen Umzugskarton gesetzt. Der kommt ins Auto, und gleich machen sich die Sinziger auf.

Kurzer Halt in Löhndorf. Man solle es einfach über den Zaun ins Gehege mit dem anderen Federvieh werfen, sagt die Hühnerbäuerin. Gerade so, als ob sie jeden Tag ein Hochwasser-Findelhuhn bekommt. Das duckt sich erst ab, wird aber bald von anderen Hühnern begrüßt, und macht sich offenbar froh gelaunt auf eine erste Runde über die grüne Wiese. Ein glückliches Ende für diesen Katastrophentag. Nicht nur für das weiße Huhn ...
Frank Bugge