Dernau/Kreis Ahrweiler

Versorger wagen keine Prognose: Aufbau der Infrastruktur könnte monatelang dauern

Wer an Tag Sechs nach der Katastrophe durch die zerstörten Straßenzüge der Ahrtaldörfer geht, dem bietet sich oft ein ähnliches Bild. Egal ob in Dernau, Rech oder Mayschoß: Viele Straßen und Gassen, die ehemals so romantisch anmuteten, sind faustdick mit Schlamm bedeckt.

Von Tim Saynisch

Im Abstand von etwa 50 Metern findet sich an der Dernauer Uferpromenade ein Dixi-Klo, am THW-Sammelplatz sind weitere aufgestellt. Diese werden von Anwohnern wie Einsatzkräften und Helfern gleichermaßen benutzt.
Im Abstand von etwa 50 Metern findet sich an der Dernauer Uferpromenade ein Dixi-Klo, am THW-Sammelplatz sind weitere aufgestellt. Diese werden von Anwohnern wie Einsatzkräften und Helfern gleichermaßen benutzt.
Foto: Tim Saynisch

Nicht selten finden sich in modrigen Pfützen auch schimmernde Ölrückstande und mancherorts muss der ABC-Trupp der Feuerwehr in orangefarbenen Anzügen und mit Gasmaske anrücken, weil die Flutwelle den Tank mit Pflanzenschutzmitteln des benachbarten Winzers aus der Verankerung gerissen hat. Es sind schlimme, äußerst unhygienische Zustände, die viele Menschen im Kreis Ahrweiler momentan erleben müssen. Noch schlimmer ist es, wenn man dann nicht einmal seine Grundbedürfnisse angemessen befriedigen kann. In den Katastrophengebieten ist momentan nicht daran zu denken, wie gewohnt auf Toilette zu gehen, sich unter fließendem Wasser die Schlammreste von fünf Tagen aus dem Gesicht zu putzen oder auch einfach nur das Handy zu laden, um sich bei Verwandten oder Freunden zu melden. Vielerorts fehlt es nach wie vor an fließendem Wasser, Strom aus der eigenen Steckdose und auch Gas, weil die Leitungen teilweise gerissen sind. Dass die Wiederherstellung von Wasser-, Strom- und Energieversorgung in den am schwersten betroffenen Gemeinden so lange dauert, liegt vor allem daran, dass die ursprüngliche Infrastruktur teilweise gar nicht mehr vorhanden ist.

Prüfen, reparieren oder ganz neu bauen?

„Unsere Trupps sind momentan im Versorgungsgebiet unterwegs, um zu prüfen, ob eine Inbetriebnahme unserer Anlagen wieder möglich ist. Andernfalls prüfen unsere Mitarbeiter, ob eine Reparatur denkbar ist. Mancherorts, wie beispielsweise in Dernau, wo wir momentan ersatzweise eine mobile Trafostation aufstellen, sind die vorherigen Schritte einfach nicht durchführbar. Denn an der alten Station ist keine Reparatur nicht mehr möglich“, erklärt Michael Dötsch, Leiter des Regionalzentrums Rauschermühle des Energieversorgers Westnetz. Zahlreiche Stromanlagen der Westnetz, wie beispielsweise die genannte Trafostation, existieren schlicht und ergreifend nicht mehr, und noch vorhandene Anlagen könnten laut Unternehmensangaben erst nach und nach, mit sinkendem Wasserpegel inspiziert werden. Der Energieversorger stellt den Anwohnern der Landkreise Mayen-Koblenz, Cochem-Zell, Ahrweiler und des Vulkaneifelkreises Strom zur Verfügung.

Im Vulkaneifelkreis konnte das Unternehmen die von den Fluten verursachten Stromausfälle bereits beheben. „Die Versorgung vonseiten des Netzbetreibers ist dort wieder hergestellt“, versichert Dötsch. Dies liege daran, dass die Orte im Vulkaneifelkreis weit weniger betroffen waren als jene im Ahrtal. „In diesen Gemeinden sprechen wir von immensen Schäden“, berichtet Dötsch. Auf eine Prognose, wie lange es dort noch dauern kann, bis wieder Strom aus der Steckdose kommt, will er sich nicht einlassen: „Da das Schadensbild von Ort zu Ort unterschiedlich ist, ist eine pauschale Aussage nicht möglich.“

Auch in Sinzig rollten wegen fehlender Wasserversorgung bereits am Samstag Lkw mit insgesamt 48 mobilen Toiletten an.
Auch in Sinzig rollten wegen fehlender Wasserversorgung bereits am Samstag Lkw mit insgesamt 48 mobilen Toiletten an.
Foto: Tim Saynisch

Die Westnetz ist darum bemüht, in allen Orten ihres Versorgungsgebietes wieder eine grundlegende, oft auch provisorische Stromversorgung herzustellen. „Wir können nicht drei Monate lang warten, bis wir eine ordentliche Leitung legen können“, skizziert Dötsch. Wo der Aufbau einer stabilen Leitung nicht möglich ist, installiert das Unternehmen Stromaggregate oder versucht mit vorhandener Infrastruktur wenigstens Teile von Ortschaften wieder ans Netz nehmen zu können. Dafür seien 200 eigene Mitarbeiter und auch Angestellte von Partnerunternehmen wie Syna (Frankfurt) und Mitnetz (Sachsen-Anhalt) im Einsatz. Rund 60 Aggregate laufen derzeit im Katastrophengebiet. „Damit schaffen wir es, je nach Größe, sogar ganze Orte provisorisch zu versorgen“, erklärt Mario Retterath, Leiter der Netzplanung im Westnetz Regionalzentrum Rauschermühle und federführend mit dem Wiederaufbau betraut.

Höchste Priorität hat für den Energieversorger bei der Wiederaufnahme der Versorgung die Sicherheit. Auch ein Faktor, warum es länger dauern kann, bis wieder Strom fließt. „Wir betreuen ein Gut, wo es in höchstem Maße um Sicherheit geht. Die Sicherheit geht vor Wiederversorgung“, sagt Retterath. Nur, wenn die Anlagen die Spannung halten und eine sichere Stromführung gewährleistet sei, würde eine Freigabe erfolgen. Retterath fügt außerdem an, dass in Trafostationen, wie es sie in fast jedem Ort gibt, Mittelspannungen von rund 20.000 Volt auf 400 Volt für das Hausnetz transformiert würden. Bereits 50 Volt können für einen tödlichen Stromschlag ausreichen.

Probleme bereiten der Westnetz, wie auch den Wasser- und Energieversorgern auch die Zuwegungen. Nicht selten sind die Haupteinfallstraßen zerstört oder aufgrund von Unterspülung instabil. Ungeachtet dessen können die Bonner Stadtwerke (SWB), die 10.000 Haushalte in den Verbandsgemeinden Adenau und Altenahr mit fließendem Wasser versorgen, immerhin kleine Erfolge vermelden. Wie bei der Westnetz, sind es auch hier vor allem die Eifelorte, die zuerst wieder versorgt werden konnten. Seit Samstag befülle man die Hochbehälter in Hoffeld und Dorsel, sodass die umliegenden Gemeinden wieder Wasser haben, heißt es in einer Pressemitteilung. In einigen Orten sei allerdings nur eine Versorgung von Hochbehältern per Tankwagen möglich, da die Zuleitungen beschädigt sind. Wo die Hochbehälter nicht nutzbar sind, bringe man Wasserfässer und -container sowie mobile Aufbereitungsanlagen in die Orte und verbinde sie, wenn vorhanden, mit intakten Leitungsabschnitten. Hierbei würden auch benachbarte Wasserversorgungsunternehmen oder Unternehmen mit Tankfahrzeugen aushelfen, teilt eine SWB-Sprecherin mit.

An fließendes Wasser ist in Dernau noch nicht zu denken, auch die Stromversorgung ist noch nicht ansatzweise wieder hergestellt. Am Montag waren die Mitarbeiter der Westnetz und ihrer Partnerunternehmen vor allem mit der Schadenssondierung beschäftigt.
An fließendes Wasser ist in Dernau noch nicht zu denken, auch die Stromversorgung ist noch nicht ansatzweise wieder hergestellt. Am Montag waren die Mitarbeiter der Westnetz und ihrer Partnerunternehmen vor allem mit der Schadenssondierung beschäftigt.
Foto: Tim Saynisch

„Wiederaufbau in angemessener Zeit nicht möglich“

Die Bilanz der Bonner Stadtwerke zum Wiederaufbau der Versorgung in den besonders betroffenen Ortschaften klingt vernichtend: „Ein Wiederaufbau ist in angemessener Zeit nicht möglich.“ Der Wasserversorger kommt zu diesem Urteil, da die Transport- und Verteilersysteme oft nahezu vollkommen zerstört seien. Sowohl Altenahr als auch Dernau, Rech, Mayschoß, Ahrbrück, Hönningen, Liers, Ortsteile von Kirchsahr, Insul, Schuld, Antweiler und Müsch sind laut SWB weiterhin von der öffentlichen Wasserversorgung abgeschnitten. „Das veränderte Ortsbild und die Aufschüttungen von Müll und Unrat“ erschwere die Reparaturarbeiten hier sehr, erklären die SWB. In den Straßen der genannten Orte finden sich mittlerweile oft reihenweise Dixi-Klos, damit die Menschen, Anwohner wie Helfer, wenigstens ihre Notdurft verrichten können. Deren Aufstellung koordiniere federführend das THW, dafür „sind wir als Wasserversorger nicht zuständig“, teilt eine Unternehmenssprecherin der SWB auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Dass die Bilder von komplett zerstörten Orten und menschlichen Schicksalen, die man dort zwangsläufig erlebt, durchaus Potenzial haben, die Mitarbeiter zu traumatisieren, dem sind sich die SWB bewusst. Man unterstütze die vor Ort tätigen Mitarbeiter „selbstverständlich mit Sonderurlaub und anderen intern eingerichteten Hilfsangeboten“, beteuert der Wasserversorger auf RZ-Anfrage. Auch die Westnetz hat nach eigenen Angaben betriebsinterne psychologische Betreuungsangebote eingerichtet.