Bad Neuenahr-Ahrweiler

THW-Helferin entkommt nur knapp dem Tod: Anrollende Flut schneidet einer Frau fast den Weg ab

Welche Risiken die ehrenamtlichen Helfer der Rettungskräfte für das Gemeinwohl eingehen und dabei über sich hinaus wachsen, wird an einer dramatischen Situation deutlich, der die Angehörigen des THW Bad Neuenahr-Ahrweilers während der Katastrophenflutnacht ausgesetzt waren. Hätte der Zugführer nicht so beherzt eingegriffen, wären die Helfer nahe dem mittlerweile beschädigten Haus des Ortsvereins möglicherweise ertrunken. Die RZ sprach mit dem Zugführer Thomas Wruck und einer THW-Angehörigen.

Von Judith Schumacher
Die THW-Unterkunft in Ahrweiler: In der Katastrophennacht wäre sie beinahe zur tödlichen Falle geworden.  Foto: Jochen Tarrach
Die THW-Unterkunft in Ahrweiler: In der Katastrophennacht wäre sie beinahe zur tödlichen Falle geworden.
Foto: Jochen Tarrach

Wruck erzählt: „Wir waren zuvor noch an der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung (ehemals AKNZ), um Sandsäcke zu befüllen, damit sie noch an die Bevölkerung rausgingen. Wir mussten dort schnell evakuieren, weil die Brücken rasch überflutet wurden und wir auf der falschen Ahrseite waren. Wir sind runtergefahren, um noch Einsatzmaterial rüberzufahren. Wir sind kurz zur Unterkunft des Ortsverbandes (OV) in der Sebastianstraße, um uns zu sammeln, und waren nur wenige Minuten da. Das alles ging ungeheuer schnell. Die Sebastianstraße stand schon unter Wasser, die Feuerwehr rettete aus gegenüberliegenden Häusern Personen. Ich erteilte die Weisung, den Hof sofort zu räumen. Die Helfer haben ihre privaten Pkw stehen lassen und sind umgehend auf zwei Mehrzwecktransportwagen aufgesessen.“ Thomas Wruck vergewisserte sich noch, dass sich niemand mehr im OV-Gebäude befindet.

„Wir sind dann losgefahren und wollten in Richtung Mittelzentrum, dann kam gefühlt eine Wasserwand an, wir sind umgedreht, um in Richtung Osten auf die Sebastianstraße zu flüchten. Dort hatte sich ein Tor verkeilt, wir hätten gegen diesen Wasserdruck das Tor niemals öffnen können. Dann haben wir gesehen, dass eine Helferin in Richtung Westen gefahren ist und dann wieder zurückgetrieben wurde. Ich habe den Lkw an der Tanke geschnappt und gedacht, hoffentlich bekomme ich den noch ans Laufen, eigentlich habe ich keinen Lkw-Führerschein, dann habe ich die abgetriebene Helferin eingesammelt, damit sie nicht unter den Lkw treibt, sie hatte Riesenprobleme einzusteigen. Dann bin ich mit Vollgas an unseren Mehrzweckkraftwagen vorbeigefahren, um das Tor aufzusprengen, was mir glücklicherweise gelang. Dann sind wir auf die Ringener Straße abgebogen.“

Und so hat die brisante Situation eine der beteiligten THW-Angehörigen erlebt: „Eine Helferin kam mit ihrem privaten Pkw angefahren und wurde von dem massiven Druck des Wassers abgetrieben, es kam sofort richtig viel Wasser, unsere privaten Pkw wurden an eine Gebäudewand gedrückt und überflutet. Die Sebastianstraße war plötzlich komplett blockiert durch ein großes Eisentor, was sich auf dem gegenüberliegenden Grundstück gleich neben dem Unternehmen Floßdorf losgerissen hatte. Das Tor stand quer, keiner kam daran vorbei. Unser Zugführer sprang ins Wasser und drang zu unserem großen Einsatzfahrzeug vor, das an der nahe gelegenen Tankstelle stand. Er zog im letzten Moment die zuletzt eingetroffene Helferin in den Lkw und rammte mit Vollgas das Eisentor, sodass unsere Fahrzeuge weiter kamen. Das Schlimmste war, dass das Wasser schon in unserem Wagen stand und der Motor bereits Geräusche machte, als würde er jeden Moment ausgehen, und von hinten Mülltonnen gegen unser Auto prallten, es war eine Situation mit extremer psychischer Belastung. Wäre unser Zugführer nicht so beherzt gewesen und da nicht rausgegangen, wer weiß, da wäre wohl einiges passiert. Später, als das Wasser zurückgegangen war, haben wir gesehen, dass unsere Unterkunft zerstört war und unsere privaten Pkw sich an der Wand zu einem Berg gestapelt hatten.“

Thomas Wruck ist 36 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und seit sechs Jahren Zugführer des THW.