Archivierter Artikel vom 29.07.2021, 07:00 Uhr
Altenburg/Kreis Ahrweiler

Team prüft Standsicherheit von Fluthäusern: Rote Kreuze bedeuten nicht direkt den Abriss

In Altenburg sind viele Häuser besprüht, nicht etwa mit Graffiti, sondern mit roten Kreuzen neben Eingängen oder Fenstern. Manche tragen nur ein rotes Kreuz, andere drei rote Kreuze mit einer Datumsangabe und dem Vermerk „THW“. Im Ort sind bereits Gerüchte aufgekommen, dass jedes Haus, das ein rotes Kreuz trägt, automatisch abgerissen würde. Totaler Quatsch, sagt Ortsbürgermeister Rüdiger Fuhrmann am Mittwoch am Ort des Geschehens.

Von Tim Saynisch

Drei Kreuze an der Fassade bedeuten „nicht mehr standsicher“ und besiegeln nicht automatisch den Abriss eines Gebäudes – das entscheiden die Besitzer selbst.
Drei Kreuze an der Fassade bedeuten „nicht mehr standsicher“ und besiegeln nicht automatisch den Abriss eines Gebäudes – das entscheiden die Besitzer selbst.
Foto: Tim Saynisch

Dass manche Häuser ein rotes Kreuz tragen, hätte rein gar nichts mit dem Abriss von Gebäuden zu tun: „Das sind Markierungen, die von den Suchmaßnahmen stammen. Trug ein Haus ein einzelnes Kreuz, so bedeutete das, dass sich darin niemand mehr befindet“, erklärt Fuhrmann. Die drei Kreuze seien Markierungen des THW, die anzeigen sollen, dass die Standfestigkeit des Hauses nicht mehr gewährleistet ist. Gebäude, die drei rote Kreuze tragen, werden aber auch nicht einfach so abgerissen. In Absprache mit den Besitzern können sie aber abgebrochen werden.

Ein Team, bestehend aus Mitarbeitern der Kreisverwaltung, einem Baufachberater des THW und dem ortskundigen Feuerwehrmann Matthias Lang als örtlichem Ansprechpartner ist derzeit in Altenburg dabei, mit den Besitzern der schwerbeschädigten Häuser in Verbindung zu treten. „Bei diesen Häusern wurde eine Sicherheitsgefahr festgestellt, sie sind gesperrt. Die drei Kreuze als Markierung bedeuten: nicht mehr standsicher. Außerdem ist immer vermerkt, wer die Markierung angebracht hat (THW) und wann“, erklärt Lang.

Die vorrangige Aufgabe des Feuerwehrmanns ist es, den Kontakt zu den Hausbesitzern herzustellen: „Ich schaue gemeinsam mit den Leuten vom Kreis und dem Bauchfachberater: Wem gehört das Haus? Meist kenne ich die Leute und habe auch ihre Telefonnummern.“ Oft wären zwei bis vier Statikexperten dabei, die alle Schäden genauestens dokumentieren und die Hausbesitzer dann über den Zustand ihrer Immobilie aufklären. „Es ist wichtig, dass die Menschen eine vernünftige Meinung bekommen“, meint Lang. Nachdem die Hauseigentümer anschließend Rücksprache mit ihrer Versicherung gehalten haben, falls vorhanden, wird in einem Gespräch, das von Notfallseelsorgern begleitet wird, entschieden: Soll abgerissen werden oder bleibt das Haus stehen?

„Bisher war es immer so, dass die Häuser nach Absprache abgerissen wurden. Häufig ist es die wirtschaftlichste Lösung“, bilanziert Lang. Er weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass jeder Hausbesitzer die Wahl hat: „Es wird nicht über irgendjemanden hinweg entschieden. Alles passiert nach Rücksprache.“ Lediglich in der Akutphase des Hochwassers, als das Wasser noch meterhoch in den Straßen stand, seien einige Häuser vom THW zwangsweise abgerissen worden, „hierbei handelte es sich aber um Gebäude, die Hilfskräfte hochgradig gefährdet haben.“

Ein Team aus Mitarbeitern der Kreisverwaltung, einem Baufachberater des THW und einem Feuerwehrmann sondiert in Altenburg die Lage und kontaktiert die Eigentümer.
Ein Team aus Mitarbeitern der Kreisverwaltung, einem Baufachberater des THW und einem Feuerwehrmann sondiert in Altenburg die Lage und kontaktiert die Eigentümer.
Foto: Tim Saynisch

Dass sich bisher viele Altenburger Hausbesitzer schweren Herzens für einen Abriss entschieden haben, kann Lang verstehen: „Wenn sie sich jetzt dafür entscheiden, ist es kostenfrei und die Entsorgung wird übernommen.“ Andernfalls werde die Kreisverwaltung die Besitzer in naher Zukunft kontaktieren, die dann per Gutachten die Standsicherheit ihres Hauses nachweisen müssten. „Viele haben weder den Willen noch die Ressourcen dafür“, meint der Feuerwehrmann.

Wie lange die Besitzer nun Zeit haben, sich zu entscheiden, das ist laut Lang nicht festgelegt. Die Baufachberater könnten aber auch „nicht Monate warten“. Ein abbrucherfahrener Baggerfahrer begleitet das Prüfteam ständig. Denn ist sich jemand frühzeitig sicher, dass sein Haus nicht stehen bleiben soll, wird keine Zeit vergeudet.

An dem 44-Jährigen Lang, der im normalen Leben Archäologe ist, sind die vergangenen Tage nicht spurlos vorbeigegangen: „Ich kenne die Betroffenen, und man möchte es ihnen ja so einfach wie möglich machen.“ Die Bäckerei am Ortseingang sei schon abgerissen worden. „In dem Gebäude hatte der Besitzer noch wichtige Dokumente. In Absprache mit den Statikern bin ich dann über eine Leiter hineingeklettert und habe sie ihm geholt, damit er die wenigstens noch hat“, erzählt Matthias Lang. Auch bei einem Gebäude in der Dorfstraße hätte sich der Baggerfahrer besonders viel Zeit gelassen, damit eine Enkelin noch einige Dinge aus diesem Haus holen konnte, das ihren Großeltern gehört hatte.

Die Kreisverwaltung teilt mit, dass das Bauamt zusammen mit Statikern heute vom Hochwasser beschädigte Gebäude in Bad Neuenahr in Augenschein nehmen will, am Freitag werden Gebäude in der Kreisstadt und in Heimersheim begutachtet, am Montag in Heimersheim und Heppingen. Es würden keine Wirtschaftlichkeitsbewertungen oder Wiederaufbauempfehlungen geleistet. Wo danach weiter geschaut wird, will der Kreis frühzeitig bekannt geben.