Archivierter Artikel vom 27.07.2021, 19:31 Uhr
Kreis Ahrweiler

Schuttberge schrumpfen, Infrastruktur wächst: Wiederaufbau im Ahrtal hat begonnen

Nach der Flutkatastrophe mit derzeit 132 Toten, 73 Vermissten und 766 Verletzten sind die Menschen im Ahrtal noch entfernt von einem Leben in Normalität. „Doch ich habe das Gefühl, dass nun etwas Entspannung eingetreten ist“, sagte der Leiter des Krisenstabes, ADD-Präsident Thomas Linnertz, am Montag bei der täglichen Pressekonferenz. Bisher blieb kaum Zeit zum Innehalten. Am Mittwoch soll inmitten der Zerstörung Raum für Stille sein.

Von Beate Au
Das große Aufräumen ist der erste Schritt für den nun anlaufenden Wiederaufbau der Infrastruktur. Die Menschen werden jedoch auf lange Sicht viel Hilfe und Unterstützung brauchen.
Das große Aufräumen ist der erste Schritt für den nun anlaufenden Wiederaufbau der Infrastruktur. Die Menschen werden jedoch auf lange Sicht viel Hilfe und Unterstützung brauchen.
Foto: dpa

Landrat Dr. Jürgen Pföhler ruft um 19.50 Uhr zu einem zehnminütigen Schweigemoment im gesamten Kreis Ahrweiler auf. Alle Bürger des Kreises Ahrweiler werden gebeten, gemeinsam den Opfern der Flutkatastrophe zu gedenken. In den Kirchen sollen die Glocken läuten. Viele Menschen im Ahrtal brauchen jetzt das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden. „Es gibt eine Zusage an das Land. Wir werden so lange mit unseren Kräften und Fähigkeiten zur Verfügung stehen, wie wir gebraucht werden“, betonte der Leiter des THW-Stabes aus Mainz, Jörg Eger, bei der Pressekonferenz des Krisenstabes. Es würden weder dem Land noch den Kommunen Einsatzkosten in Rechnung gestellt.

„Seit zwei bis drei Tagen laufen die Einsätze auf gleichbleibendem Niveau. Dabei geht um die Sicherstellung der Versorgung, die Lieferung von Trinkwasser und Verpflegung und um das Aufräumen, unterstützt von Bundeswehr, THW und Feuerwehr“, so Linnertz. Vor allem der Unrat im Bereich von Entsorgungseinrichtungen müsse vorrangig entfernt werden, damit die Fachleute an die Leitungen herankommen. Um freie Bahn zu haben, seien die Zugangsbeschränkungen für den Individualverkehr mit Ausnahme von Anwohnern und Einsatzkräften bis Ende der Woche verlängert worden. Immer mehr Ersatzbrücken wachsen über die Ahr und verbinden die durchtrennten Kommunen wieder, was wichtig für deren Versorgung ist. Neben Insul, Rech, Liers und in der Nähe von Fuchshofen sei jetzt noch ein fünfter Standort im Visier. Eine Herausforderung sei die Entsorgung von Giftstoffen, die beispielsweise aus Kellern und Lagern weggeschwemmt worden sind.

Das große Heer an 5000 Hilfskräften, allein 2500 vom THW, habe sich gefunden. Alle arbeiteten gut zusammen. 1000 Polizeikräfte sind tagsüber im Einsatz, um die Häuser zu schützen, mehrere Hundert davon haben auch in der Nacht diesen Auftrag. Bisher hätten sich die Straftaten in diesem Bereich jedoch in Grenzen gehalten. „Es gibt hier keinen rechtsfreien Raum“, so Florian Stadtfeld von der Polizei in Koblenz. Oft habe sich bei Hinweisen herausgestellt, dass es die Eigentümer oder Mieter selbst waren, die nachts mit der Taschenlampe noch nachschauten, was zu retten ist.

Für das THW habe sich jetzt die Art der Einsätze etwas verändert, wie Jörg Eger erklärte. Waren es vorher hauptsächlich die Bergung und die Rettung komme zum Aufräumen jetzt das Instandsetzen hinzu. „Wir führen jetzt zunehmend Facheinheiten mit speziellen Kompetenzen und Gerätschaften zu“, so Eger.

Im Blick hat der Krisenstab auch die Seuchengefahr. Bisher habe es in einzelnen Fällen Durchfall und Erbrechen gegeben. Die Bevölkerung sei aufgerufen, weiterhin die Hygienehinweise zu befolgen und kein Wasser aus der Ahr zu trinken. Was nicht vergessen werden dürfe: „Wir haben es noch immer mit der Pandemie zu tun“, so Einsatzleiter Heinz Wolschendorf. Auch wenn die Menschen jetzt andere Probleme im Kopf hätten, sollten sie das nicht vergessen und die ausgeweiteten Impfmöglichkeiten in Anspruch nehmen, betonen die Katastrophenschützer. Allerdings seien bisher auch noch keine stark steigenden Inzidenzen zu beobachten. Von den düsteren Regenwolken, die gestern über die Eifel zogen, dürfte nach Auskunft der Beobachter im Krisenstab keine prägnante Gefahr ausgehen. Entschärft werde die Situation nach Regenfällen auch dadurch, dass inzwischen der Unrat an den Brücken weitgehend entfernt sei. Mit dem Deutschen Wetterdienst ist man in engem Kontakt. Es gibt ein tägliches Update. Warnfahrzeuge waren auch am vergangenen Wochenende in Alarmbereitschaft.

Ein großes Kompliment vom Krisenstab gibt es für die privaten Helfer und Ehrenamtler, die am Anfang viele Krisensituationen gemeistert haben. Sie würden nach wie vor gebraucht, so die Botschaft. Man dürfe diese spontanen Helfer und die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen nicht auseinanderdividieren. „Es ist Wahnsinn, was hier los ist und wie viel Hilfe hier ankommt“, so Linnertz.