Archivierter Artikel vom 27.07.2021, 07:00 Uhr
Bad Neuenahr-Ahrweiler

„Samariter“ bringen Experten aus Übersee ins Ahrtal: Hilfsorganisation ist seit Jahrzehnten katastrophenerfahren

Neben den Tausenden Privatleuten, die den Einsatzkräften im Katastrophengebiet beistehen, engagieren sich mittlerweile auch immer mehr nicht staatliche Hilfsorganisationen und unterstützen. Dazu zählt beispielsweise der Verein „Samaritan’s Purse – Die Barmherzigen Samariter“. Die „Samariter“ sind ein christliches Hilfswerk, das es in Deutschland seit 1963 gibt, in dem sich mehr als 10.000 Freiwillige engagieren und das vielen Menschen wohl durch die jährlich organisierte Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ bekannt ist. Nach Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo die „Samariter“ momentan eingesetzt sind, bringen sie allerdings keine Geschenke in 20 mal 30 Zentimeter großen Kartons, sondern Manpower. Laut Pressesprecherin Jessica Martens ist man täglich mit etwa 150 Freiwilligen im Einsatz, teilweise kommen die Helfer sogar aus den USA, wo die Mutterorganisation der „Samariter“ zu Hause ist.

Von Tim Saynisch

Vor allem an der Dr. von Ehrenwall'schen Klinik hilft die Organisation „Samaritan's Purse“ derzeit beim Aufräumen. In den kommenden Tagen wollen die Helfer auch in anderen Orten im Ahrtal anpacken.
Vor allem an der Dr. von Ehrenwall'schen Klinik hilft die Organisation „Samaritan's Purse“ derzeit beim Aufräumen. In den kommenden Tagen wollen die Helfer auch in anderen Orten im Ahrtal anpacken.
Foto: Samaritan's Purse

Basislager an der Dr. von Ehrenwall'schen Klinik

Jessica Martens sitzt, als wir sie am Samstagmorgen treffen, auf einer Bierbank in der Nähe des Ahrtors, im Park der Dr. von Ehrenwall’schen Klinik. Seit ihrem Eintreffen in der Kreisstadt am Dienstag haben die „Samariter“ vor allem im Fachkrankenhaus gewirkt. „Die Mitarbeiter der Klinik halten täglich eine Krisensitzung ab“, erklärt Martens. Bei dem Blick aus dem Fenster seien sie auf die Mannschaft von „Samaritan’s Purse“ aufmerksam geworden. „Der Besitzer der Klinik war zu dieser Zeit noch in der Schweiz. Dort hat er wohl einen Zweitwohnsitz“, beschreibt Martens die Lage am Dienstag. Deshalb seien die „Samariter“ erst einmal durch die Straßen der Altstadt gegangen und hätten mit den Hauseigentümern gesprochen und gefragt, wo man helfen könne. Am Mittwoch sei der Klinikbesitzer dann eingetroffen. „Er hat uns Zugang zu allen Räumen verschafft, und dann haben wir auch da losgelegt“, erklärt Martens.

Neben der Bierbank, auf der die Pressesprecherin sitzt, steht unter einigen sattgrün belaubten Kastanien, die den Fluten standgehalten haben, auch ein Tisch, auf dem Dutzende Halbliterflaschen Wasser und Cola stehen, außerdem Pizzabrötchen in einer Plastiktüte. Es ist das Basislager der „Samariter“. Eine Gruppe von fünf Jugendlichen kommt, denen man den Einsatz aufgrund ihrer verschlammten Pullover und Jeanshosen bereits am Vormittag ansehen kann. „Dürfen wir uns hier was nehmen?“, fragt eine von ihnen schüchtern. „Na klar, greift zu!“, ruft Jessica Martens zurück. Offenbar sind die „Volunteers“, wie die von den „Samaritern“ rekrutierten freiwilligen Helfer innerhalb der Organisation heißen, noch nicht sehr katastrophenerfahren. Überwiegend handelt es sich bei den Freiwilligen in Bad-Neuenahr um Mitglieder einer freikirchlichen Gemeinde aus Köln und Helfer der christlichen Mission „To all Nations“ aus Bornheim, die morgens mit Shuttlebussen an ihren Gemeindezentren abgeholt und in das Katastrophengebiet gebracht werden. Wer mitmachen will, müsse sich lediglich per Registrierungsformular im Internet anmelden, erklärt Martens.

Damit die „Volunteers“ nicht ohne Betreuung dastehen, gibt es beispielsweise Noah aus Köln, den wir ebenfalls im Basislager vor der Dr. von Ehrenwall’schen Klinik treffen. Der junge Mann ist einer der Koordinatoren der Organisation, die die Gruppen von Freiwilligen zu ihren Einsatzorten leiten. Alle tragen sie orangefarbene Warnwesten, mit dem Logo von „Samaritan’s Purse“. Am Samstag werden die meisten Helfer bei einem Mietshaus in der Altstadt gebraucht – die Tiefgarage ist vollgelaufen. „Eigentlich bin ich Student, aber da ich momentan vorlesungsfreie Zeit habe, bin ich da so reingerutscht“, erklärt der junge Mann und winkt drei Mädchen, ausgestattet mit Spaten, zu sich: „Ich zeige euch, wo ihr hinmüsst.“ Im Entenmarsch geht es durch die engen Straßen hinter dem Ahrtor, an einem Innenhof macht die Gruppe halt. „Hier ist es“, erklärt Noah und übergibt seine Schützlinge an den nächsten Koordinator, Eduard Mertens, ebenfalls aus Köln. Er leitet die schätzungsweise dreistellige Zahl an Helfern in diesem Innenhof an: „Es ist ein ganz schön weiter Weg mit den Schubkarren. Ihr könnt auch hinten rausfahren“, ruft er einigen Männern zu, die in Reih‘ und Glied mit Schubkarren bereitstehen, um Schlamm wegzufahren. In der Tiefgarage, deren Zufahrt am Ende des Innenhofs liegt, hat sich wiederum eine Menschenkette gebildet, die sich die Auffahrt hinaufzieht. Einen nach dem anderen, geben die Helfer sich mit Schlamm befüllte Eimer in die Hand, die wiederum in die Schubkarren zum Abtransport gekippt werden. Alles läuft wie ein Uhrwerk.

Die 25-jährige Alicia aus den USA war schon an vielen Katastrophenorten. Das Schicksal der Menschen im Ahrtal bewegt sie dennoch sehr.
Die 25-jährige Alicia aus den USA war schon an vielen Katastrophenorten. Das Schicksal der Menschen im Ahrtal bewegt sie dennoch sehr.
Foto: Tim Saynisch

Damit Abläufe so gut funktionieren können, haben die „Samariter“ für gewisse Bereiche, wie Logistik oder medizinische Versorgung, Experten, die eigens in Krisengebiete eingeflogen werden. Solche Experten, vorrangig aus den USA, sind nun auch an der Ahr eingesetzt. „Wir haben eine sogenannte DART-Gruppe, die aus mehr als 2000 Experten rund um den Globus besteht und im Katastrophenfall eingeflogen wird, um schnell zu reagieren“, erklärt Jessica Martens. DART, das stehe für „Disaster-Assistance-Response-Team“. Damit die Mitglieder des DART schnell vor Ort sein können, haben die Samariter ein eigenes Flugzeug. „Es handelt sich um eine Douglas DC-8, die mit Spenden finanziert wurde“, sagt Martens. Bis zu 52 Tonnen könne die Maschine bewegen. Einer der letzten Einsätze eines DART-Teams, vor der Ahrtal-Katastrophe, sei beispielsweise bei der Explosion im Hafen von Beirut gewesen, schildert Martens. Um zur DART-Gruppe gehören zu dürfen, muss man sich bei den „Samaritern“ offiziell bewerben. „Dabei werden Vorerfahrungen abgefragt und auch, ob die Bewerber schon einmal in einer Leitungsfunktion waren“, erklärt Martens. Die Mitglieder würden dann, neben ihrem eigentlichen Beruf, bei „Samaritan’s Purse“ in ihrem Fachgebiet eingesetzt. Obwohl es mittlerweile auch neun deutsche Mitglieder im DART-Team gebe, kämen viele von ihnen aus den USA, sagt Jessica Martens.

Auch Alicia, die wir, tippend und an ihrem Laptop sitzend, im Hauptquartier der „Samariter“ in der Kreisstadt treffen, kommt aus den USA, genauer aus North Carolina, wo das „Headquarter“, also das Hauptquartier der Organisation ist. Seit mehreren Jahren ist sie bei „Samaritan’s Purse“. Die 25-jährige College-Absolventin hat schon viel gesehen, war unter anderem in Honduras nach einem Hurricane und hat in Italien auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie ein Feldlazarett mit aufgebaut.

Körperliche und emotionale Unterstützung anbieten

Über die Ahrtal-Katastrophe sagt sie, es sei schwer, Orte, an denen sich Katastrophen ereignet haben, miteinander zu vergleichen. Sie sei sich aber sicher, dass es für alle Familien an der Ahr momentan eine herzzerreißende Situation sei. Wenn man die Weinberge sehe, könne man sich vorstellen, wie wunderschön es hier wohl einmal war. Die emotionale Belastung, das nie wieder in der alten Form sehen zu können, sei für die Familien unbeschreiblich. Ihr Einsatz in Ahrweiler und der der ganzen Organisation hat nach Ansicht der 25-Jährigen zwei Ziele: Durch Hilfe bei den Aufräumarbeiten die Anwohner körperlich zu entlasten und gleichzeitig emotionale Unterstützung zu liefern. Man habe außerdem schnell gelernt, mit den Behörden vor Ort gut zusammenzuarbeiten. „Our goal is helping, not hurting the situation“, sagt Alicia. Sinngemäß: Das Ziel sei zu helfen und nicht, Abläufe zusätzlich zu behindern. In den kommenden Tagen wollen die „Samariter“ auch in anderen Gemeinden im Ahrtal tätig werden. Wie lange sie noch bleiben werden, auch mit den internationalen Helfern? „As long as we are needed“, sagt Alicia – so lange, wie sie gebraucht werden.