Archivierter Artikel vom 16.07.2021, 20:30 Uhr
Kreis Ahrweiler

Orte an der Mittelahr: Von der Außenwelt abgeschnitten

Auch am Tag zwei nach der Sintflut im Ahrtal, dem Freitag, herrscht Chaos entlang des Flusses von Schuld in der Eifel bis Sinzig am Rhein. Strom, Gas, Wasser, Telefon sind in vielen Orten noch nicht stabil vorhanden. Die Zugangswege ins Mittelahrtal von Altenahr bis Ahrweiler sind weitestgehend versperrt. Das Tal ist von der Außenwelt wie abgeschnitten. Mit Hubschraubern und Booten arbeiten sich die Rettungskräfte zu den Menschen in Mayschoß, Rech, Dernau und ihren Ortsteilen vor.

Von Uli Adams, Frieder Bluhm, Jan Lindner, Beate Au, Chrisitan Koniecki, Judith Schumacher, Silke Müller

Bad Neuenahrs Prachtensemble aus Kurhaus und Spielbank. Im Vordergrund schwimmt die Kurgartenbrücke. Fotos: Au, Koniecki, Lindner

Beate

Strom, Gas, Wasser: Das Versorgungsnetz ist überall schwer beschädigt.

Beate

In Dernau sind am Donnerstag und Freitag Menschen mit dem Hubschrauber aus dem abgeschnittenen Ortsteil ausgeflogen worden. Foto: Jan Lindner – Au, Koniecki, Lindner

Au, Koniecki, Lindner

Bei der Unwetterkatastrophe sind bisher 62 Menschen ums Leben gekommen, wie das Polizeipräsidium Koblenz am Freitagmittag mitteilt. Es ist zu befürchten, dass noch weitere Fälle hinzukommen. Darüber hinaus liegt dem Polizeipräsidium die Meldung über insgesamt 362 verletzte Personen vor. Auch hier könnte sich die Zahl noch weiter erhöhen.

Und nach wie vor ist die Menschenrettung oberstes Ziel der Einsatzkräfte, die mittlerweile aus ganz Deutschland im Kreis eintreffen. Gerade der Bereich Mittelahr ist für die Rettungskräfte eine besondere Herausforderung. „Wir fliegen Opfer aus, und wir fliegen Mitarbeiter unseres Teams in die betroffenen Gebiete ein. Die sollen dann vor Ort die Menschen unterstützen und die weitere Hilfe von außen koordinieren“, erklärt der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Kreises, Michael Zimmermann. Denn während in Bad Neuenahr-Ahrweiler beispielsweise das Telefon weitestgehend funktioniert, sind Telefon und Funk in das Krisengebiet nach wie vor weitestgehend gestört.

„Unser Hauptaugenmerk liegt aber weiter auf der Menschrettung und der Betreuung von Leuten, die ihre Häuser und Wohnungen verloren haben. Und wir müssen die Hauptverbindungsstraßen freikriegen, für die medizinische Versorgung der Menschen sorgen“, so Zimmermann.

Nach wie vor gibt es aber auch keine stabile Wasserversorgung für Bad Neuenahr-Ahrweiler, die Verbandsgemeinden Adenau und Altenahr. Der Wasserversorger, SWB Regional, schickt mittlerweile Wasserwagen in die Orte, wo kein Wasser aus den Leitungen fließt. Das Unternehmen bittet die Bürger, das Wasser sparsam zu verwenden und vorher abzukochen, sofern es zum Trinken, Kochen oder zur Zubereitung von Speisen oder Getränken genutzt wird.

„Wir versuchen sukzessive, die Wasserversorgung wiederherzustellen“, sagt Bürgermeister Guido Orthen. Gleiches gelte für die Stromversorgung. „Es wird viele Tagen dauern, bis wir die ganze Stadt wieder am Netz haben. Leben retten, bergen – das geht vor.“

Ein großes Problem sind die zerstörten Brücken. „Da sind wir dran“, sagt Orthen. Experten seien dabei zu prüfen, wo sich Notbrücken installieren lassen. Die einzige intakt gebliebene Brücke – die Piusbrücke – darf ausschließlich von offiziellen Rettungskräften passiert werden. Bei Zuwiderhandlung drohen empfindliche Strafen.

Orthen schätzt, dass 80 bis 90 Prozent der rund 30.000 Kreisstadtbürger von dem Hochwasser betroffen sind. „Wir haben viele Obdachlose“, sagt der Bürgermeister. In der Landskroner Festhalle in Heimersheim, im Dorfgemeinschaftshaus Gimmigen sowie im Dorfgemeinschaftshaus Ramersbach – hier sind noch Plätze frei – wurden Notunterkünfte eingerichtet. Das Dorfgemeinschaftshaus Kirchdaun wird bis auf Weiteres für die Unterkunft von Einsatzkräften freigehalten. Orthen appelliert an alle, die bei Freunden oder Verwandten außerhalb der Stadt untergekommen sind, dort bis auf Weiteres auch zu bleiben. „Alles, was wir in der Stadt an unnötigen Verkehren haben, erschwert die Rettungsarbeiten.“

Eine Herausforderung, mit der auch Krankenhäuser und Altenheime zu kämpfen haben. Die Marienhaus GmbH hat am späten Freitagnachmittag gemeinsam mit DRK und Feuerwehr mehr als 100 Patienten aus dem Krankenhaus Maria Hilf in Bad Neuenahr evakuiert. Hintergrund sind Probleme mit der Wasser-/Abwasserversorgung. „Eine Notfallversorgung wird aber in jedem Fall aufrechterhalten“, versicherte Unternehmenssprecher Dietmar Bochert. Das Krankenhaus verfügt über insgesamt 400 Betten. Die von der Flutwelle schwer getroffenen Dr.-von-Ehrenwall’sche Klinik weist darauf hin, dass zurzeit keine Patienten aufgenommen werden können.

Das Augustinum Bad Neuenahr, eine der großen Senioreneinrichtungen in der Kreisstadt, wurde auf Anordnung der Katastrophenkräfte ebenfalls im Laufe des Freitags vollständig evakuiert. Das Haus war am Donnerstag vom Hochwasser eingeschlossen worden, im Haus wurden Wohnungen in den beiden unteren Etagen unbewohnbar, die dortigen Bewohner sind bereits gestern anderweitig untergebracht worden.

Gestern folgten die rund 340 Bewohner des Hauses an der Ahr, weil derzeit nicht absehbar ist, wann die unterbrochene Versorgung mit Strom, Wasser und Heizwärme wieder hergestellt ist. Die Bewohner wurden mit Bussen in bereits gebuchte Hotels in Bonn oder in andere Einrichtungen des Augustinums gefahren. Bewohner, die auf durchgehende medizinische Betreuung angewiesen sind, werden durch die Rettungskräfte in Krankenhäuser verlegt. Angehörige, die sich nach einzelnen Bewohnern erkundigen wollen, informiert das Augustinum über die zentrale Rufnummer des Hauses Bad Neuenahr,Tel.02641/811.

Währenddessen arbeitet die Westnetz mit Hochdruck daran, die Stromversorgung wieder zu gewährleisten. Am Freitag war die Versorgung in Sinzig und Remagen in großen Teilen wieder hergestellt. In Sinzig fließt der Strom wieder in den Stadtteilen Löhndorf, Koisdorf, Westum, dem Industriegebiet und Großteilen der Innenstadt. Auch in Remagen sind die Menschen wieder am Netz. Westnetz bittet alle Bürger den Energieverbrauch auf ein Minimum zu reduzieren, da die Versorgung vorerst nur provisorisch aufgebaut wurde.

Etliche Ortsteile und Ortsgemeinden im Kreis wurden jedoch durch die Überschwemmungen so stark getroffen, dass die Netzinfrastruktur komplett zusammengebrochen ist und in den nächsten Wochen sukzessive wieder aufgebaut werden muss. Zahlreiche Stromanlagen existieren nicht mehr oder sind stark beschädigt.

Massive Schäden gibt es auch Erdgasnetz. So ist eine Leitung im Bereich der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler gerissen, sodass das komplette Stadtgebiet sowie Orte in der Grafschaft seit Donnerstag nicht mehr mit Erdgas versorgt werden. Für die betroffenen Bürger bedeutet dies, dass sie kein warmes Wasser mehr beziehen können. Mehrere Kilometer Gasleitungen müssen komplett neu gelegt werden. „Wir können aktuell noch nicht abschätzen, wie lange sich diese Arbeiten hinziehen werden“, berichtet Pressesprecher Marcelo Peerenboom. Unterdessen zeichnet sich für einige Orte in der Grafschaft eine Lösung ab- Das Haribo-Werk wird allerdings weiter ohne Gasversorgung bleiben.

Die Strecke der Ahrtalbahn ist weitgehend zerstört. Laut Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz (SPNV) Nord sind im Ahrtal mindestens sieben Eisenbahnbrücken und bis zu 20 Kilometer Streckengleis nicht mehr vorhanden. In Kreuzberg sind zwei Fahrzeuge der DB Regio NRW eingeschlossen. Der heute eigentlich beginnende Neubau des Elektronischen Stellwerks (EStw) fällt aus, da weitgehend keine Infrastruktur mehr vorhanden ist. Ein Schienenersatzverkehr (SEV) ist nicht einrichtbar

Von unseren Reportern Uli Adams, Frieder Bluhm, Jan Lindner, Beate Au, Chrisitan Koniecki, Judith Schumacher, Silke Müller