Archivierter Artikel vom 18.07.2021, 19:08 Uhr
Kreis Ahrweiler

Nur langsam wird das Chaos beherrschbar: Retter sind in die Gemeinden an der Mittelahr vorgestoßen

Als die Flut am Mittwochabend kam, verließ die dreiköpfige Familie fluchtartig das Haus. Sie klingelte beim Nachbarn, musste die Frau und ihren schwerstbehinderten Mann im Rollstuhl mit Engelszungen überreden, sich in Sicherheit zu bringen. Auf einem Bügelbrett schleppten die vier den 86-Jährigen in einen Berghang und blieben dort die ganze Nacht. Erst am Donnerstagmittag wurden sie mit einem Hubschrauber aus dem komplett überfluteten Altenahrer Ortsteil Altenburg geflogen. Eines von vielen dramatischen Geschehnissen, die sich während der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal ereignet haben. Und noch immer ist die Lage dramatisch und übersichtlich.

Von Uli Adams, Beate Au, Frieder Bluhm, Silke Müller, Christian Koniecki, Uwe Sülflohn, Judith Schumacher, Mirjam HageböllingUli Adams

Dieses Luftbild der Polizei Thüringen von den Altenahrer Tunnels zeigt einmal mehr eindrucksvoll die Zerstörungskraft des Wassers. Foto: Polizei Thüringen/Twitter

Allein die Schäden der Infrastruktur sind enorm: Die Wassermassen haben Teile B 266 bei Heimersheim weggespült. Foto: Christian Koniecki

Lagebesprechung bei den Aufräumarbeiten in der Ahrweiler Altstadt. Fotos: Uwe Sülflohn

Uwe Sülflohn

Das weitläufige Gelände der Ehrenwallschen Klinik mit seinen Parks und historischen Bauen wurde schwer getroffen.

112 Todesopfer und mehr als 670 Verletzte haben die Ordnungskräfte bisher gezählt. Und noch immer gelten viele Hundert Menschen als vermisst. Seit Samstagabend liegt die Einsatzleitung für den Katastropheneinsatz im Kreis beim Land. Landrat Pföhler hat das Land gebeten, die Einsatzleitung zu übernehmen. Der Einsatz wird nun von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) als zuständiger Landesbehörde für den Katastrophenschutz wahrgenommen. „Das ist das erste Mal, dass sich in Rheinland-Pfalz eine Naturkatastrophe in dieser Größenordnung ereignet hat. Wir werden alles Erdenkliche tun, um die Folgen der Katastrophe gemeinsam zu bekämpfen. Die Kräfte des Landes und des Landkreises arbeiten eng zusammen“, so ADD-Präsident Thomas Linnertz.

Und vor Ort fehlt es weiter am Nötigsten. Strom, Gas, Wasser, elektronische Kommunikationsmöglichkeiten gibt es entweder überhaupt nicht oder nur zeitweise. Laut Michael Zimmermann, Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Kreises, hatte die Kreisstadt mit ihren rund 30 000 Einwohnern am Sonntag eine Wasserversorgung von 10 bis 20 Prozent. Dem Zweckverband Eifel-Ahr ist es gelungen, die Transportleitung zum Pumpwerk Dorsel in Betrieb zu nehmen. Seitdem werden die Hochbehälter Dorsel und Hoffeld gefüllt, sodass neben diesen Orten auch Wirft und Kirmutscheid wieder aus der zentralen Wasserversorgung gespeist werden. Kalenborn und Altenahr sind wieder angeschlossen. Der Zweckverband bittet weiterhin alle Bürger, die Zugang zu einer intakten Wasserversorgung haben, die Entnahme auf das Notwendigste zu beschränken, da auch aus diesem System Trinkwasser für die übrigen Bereiche entnommen werden muss. Da, wo es kein Leitungswasser gibt, wird die Bevölkerung durch die Bundeswehr mit Wasser versorgt.

Mittlerweile haben es die Rettungskräfte jetzt auch aus allen Richtungen geschafft, mit schwerem Räumfahrzeug von Bundeswehr und Technischem Hilfswerk in die Gemeinden Mayschoß, Rech und Dernau zu gelangen. Viele verlässliche Nachrichten gibt es aus der Region immer noch nicht. Eine kommt aus Dernau. Das Weindorf beklagte am Samstag 13 Todesopfer der Flutwelle, 90 Prozent des Dorfes sind in Mitleidenschaft gezogen. Ob Evakuierte für Aufräumarbeiten wieder zu ihren Häusern dürfen, ist in den Ortschaften unterschiedlich, weil zum Teil noch die Baufachberater unterwegs sind, um die Gebäude zu bewerten. Erst wenn sie ihr Okay geben, können die Anwohner mit dem Aufräumen beginnen.

Derweil drängen immer mehr Freiwillige ins Tal, die helfen wollen. Und auch immer mehr Schaulustige kommen. In alle Richtungen herrschte am Sonntag ein regelrechtes Verkehrschaos. Der Krisenstab bitte darum, nicht eigenständig ins Katastrophengebiet einzureisen. Wenn freiwillige Hilfskräfte gebraucht werden, will man rechtzeitig dazu informieren. „Die wenigen intakten Rettungswege müssen unbedingt für die Einsatzkräfte freigehalten werden“, heißt es von der Pressestelle des Landes. Doch davon war am Sonntag nichts zu spüren. Endlose Autoschlangen und Verkehrschaos waren die Folgen.

Auch die Sachspenden übersteigen bei Weitem das, was zurzeit gebraucht oder tatsächlich abgeholt wird. Mittlerweile sind große Lager am Nürburgring, in Sinzig, Bad Breisig und andernorts überfüllt. Die Menschen werden gebeten, Geld auf die bekannte Spendenkonten Hochwasser an der Ahr bei der Kreissparkasse und der Volksbank RheinAhrEifel zu überweisen.

Auch wenn immer noch nach vermissten Menschen gesucht wird, immer noch Tote gefunden werden, haben die Menschen an der Ahr mit den Aufräumarbeiten begonnen. Dorfgemeinschaften helfen sich, Verwandte springen ihren betroffenen Familienangehörigen zur Seite, wildfremde Menschen stehen plötzlich vor Betroffenen und fragen: Kann ich helfen?“

Doch es gibt auch jene, die sich im Stich gelassen fühlen, sich mehr Hilfe von allen Seiten erfleht hatten. Die Nerven liegen bei vielen blank, wo die Existenz bedroht sind. Und bei vielen schwingt beim Schlammschippen der Gedanke mit, ob sie in diesem Haus überhaupt noch einmal schlafen wollen. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch einmal kann. Bei jedem noch so harmlosen Regentropfen werde ich denken: Rollt jetzt die nächste Sintflut der Ahr in mein Haus?“

Aus dem Katastrophengebiet berichten Uli Adams, Beate Au, Frieder Bluhm, Silke Müller, Christian Koniecki, Uwe Sülflohn, Judith Schumacher, Mirjam Hagebölling