Archivierter Artikel vom 28.07.2021, 19:42 Uhr
Kreis Ahrweiler

Noch 1700 Menschen ohne Strom: Auch Versorgung mit Trinkwasser und Gas bleibt schwierig

Gas, Wasser, und Strom sind – neben Lebensmitteln – überlebensnotwendig und müssen nach einer Naturkatastrophe wie im Ahrtal gewährleistet werden. Auf verschiedensten Ebenen wird fieberhaft daran gearbeitet, die betroffenen Gebiete wieder ans Netz zu bekommen. Hier eine Übersicht über den aktuellen Stand der Wiederherstellung.

Von Tobias Lui / Christian Koniecki
Die Flut hat das Erdgasnetz in Bad Neuenahr-Ahrweiler teilweise völlig zerstört, wie dieses Bild zeigt, das in Höhe der ehemaligen Kurgartenenbrücke entstanden ist.
Die Flut hat das Erdgasnetz in Bad Neuenahr-Ahrweiler teilweise völlig zerstört, wie dieses Bild zeigt, das in Höhe der ehemaligen Kurgartenenbrücke entstanden ist.
Foto: enm

Strom: Die Auswirkungen der Unwetterkatastrophe sorgen weiterhin für Unterbrechungen in der Stromversorgung. Nach Angaben von Versorger Westnetz sind derzeit noch die Hausanschlüsse für die Versorgung von rund 1700 von ursprünglich 200.000 betroffenen Menschen ohne Strom. Besonders betroffen sind die Orte Altenahr, Dernau und Mayschoß im Ahrtal. Nach Unternehmensangaben sind derzeit immer noch etwa 800 Kollegen in den technischen Einheiten, Leitstellen und an der Hotline im Einsatz: „Sie arbeiten mit Hochdruck an der Wiederversorgung mit Strom.“

Westnetz sorgt über die Verteilnetze für die Wiederherstellung der Stromversorgung bis zum Hausanschlusskasten. Dies sei bereits bei vielen gelungen. „Dennoch kann es sein, dass die wiederversorgten Menschen in ihren Häusern tatsächlich weiterhin keinen Strom haben“, warnt das Unternehmen. „Das liegt an Schäden in der Hausinstallation oder entfernten Sicherungen.“ Diese Fragen zur Hausinstallation müssten mit örtlichen Installateuren geklärt werden, so Westnetz. Auch alle von der Unwetterkatastrophe betroffenen Umspannanlagen seien inzwischen geprüft, teilweise gereinigt und fast vollständig wieder in Betrieb genommen worden.

Der Netzbetreiber hat auch noch einen dringenden Appell an die Bewohner der Krisengebiete: „Unsere Mitarbeiter sind durch alle Straßen und von Haus zu Haus gegangen und haben viele Anschlüsse schon wieder startklar gemacht. Bitte nehmen Sie Ihre Hausinstallation nicht ohne Überprüfung durch eine Elektrofachkraft wieder in Betrieb.“ Wenn Hausanschlusskästen beschädigt worden seien, warnt der Versorger, oder noch nicht komplett getrocknet sind, „besteht Gefahr für Leib und Leben durch einen elektrischen Schlag oder einen Brand“. Elektrische Geräte wie Fotovoltaik-Anlagen und Batteriespeicher sollten nach einer Überflutung oder nach dem Kontakt mit Wasser von einer Elektrofachkraft überprüft und gegebenenfalls außer Betrieb genommen werden. Westnetz rät dringend davon ab, Anlagen selbst zu überprüfen und einzuschalten. „Hier besteht die Gefahr eines Stromschlags.“ Überflutete Räume, in denen Wechselrichter, Batteriespeicher oder andere Installationen der Solaranlage noch unter Spannung stehen, dürfen auch nicht betreten werden, so das Unternehmen abschließend.

Wasser: Die Trinkwasserversorgung im Katastrophengebiet macht ebenfalls Fortschritte – auch wenn längt noch nicht alle Orte und Ortsteile entlang der Ahr mit frischem Wasser aus den Hausanschlüssen versorgt werden können. Angesichts der großen Zerstörungen mit fort- oder aufgerissenen Straßen samt den darunterliegenden Versorgungsleitungen ist das auch knapp zwei Wochen nach dem Hochwasser verständlich. So gibt es überall noch große Versorgungsdefizite. Nachdem vor zwei Tagen in Bad Neuenahr-Ahrweiler nach Auskunft des Krisenstabs erst rund 20 Prozent der Haushalte wieder ans Trinkwassernetz angeschlossen waren, hat sich die Situation inzwischen deutlich verbessert. Probleme gibt es nach Angaben der Stadt noch im Bereich Lindenstraße, untere Post- sowie Telegrafenstraße sowie zwischen Piusbrücke und Max-Planck-Straße. Zudem ist der Wasserdruck im höher gelegenen Bereich am Johannisberg sehr schwach. Außer in Ramersbach und Kirchdaun muss das Wasser vor dem Verzehr gründlich abgekocht werden.

Im Mittelahrtal war es schon in der vergangenen Woche gelungen, unter anderem Altenahr, Kalenborn, Wirft und Kirmutscheid wieder an das Leitungsnetz anzuschließen. Allerdings wird für einige stark betroffene Orte keine schnelle Abhilfe erwartet: Dort ist das Transport- und Verteilsystem in Teilen nahezu vollkommen zerstört. Ein Wiederaufbau ist in angemessener Zeit nicht möglich. Dort werden weiterhin Wasserfässer und -container sowie mobile Aufbereitungsanlagen eingesetzt. Ein Abkochgebot gilt auch dort.

Gas: Die Experten der Energienetze Mittelrhein (enm) arbeiten mit Hochdruck daran, die Erdgasversorgung in den betroffenen Gebieten wiederherzustellen. Insgesamt sind nach Firmenangaben rund 8000 Netzanschlüsse von den Folgen der Naturkatastrophe betroffen. Die Gemeinden der Grafschaft (außer Bengen) sind bereits seit der vergangenen Woche wieder versorgt. In Bad Neuenahr-Ahrweiler hingegen ist das Erdgasnetz teilweise völlig zerstört, sodass es dort zum größten Teil komplett neu errichtet werden muss. Aktuell prüft die Netzgesellschaft, welche Möglichkeiten es gibt, die Versorgung zumindest provisorisch wiederherzustellen.

In der Stadt Sinzig sowie in Bad Bodendorf sollen nach Unternehmensangaben die letzten Häuser im Lauf dieser Woche noch besucht werden. Alle Eigentümer, die nicht angetroffen werden konnten, sollten sich schnellstmöglich unter Tel. 0261/299.922.290 oder per E-Mail an hochwasser@enm.de melden, damit auch sie wieder mit Erdgas versorgt werden können.

Unterdessen hat ein eigenes Team damit begonnen, den Neubau der im Ahrtal zerstörten Erdgasleitungen zu planen. „Das ist keine triviale Aufgabe, weil hier viele Faktoren zusammenkommen. Hier müssen Aufräumarbeiten, Straßenbau, der Bau von Versorgungsleitungen sowie viele andere Arbeiten koordiniert werden. Wir gehen aber davon aus, dass alles Hand in Hand laufen wird, damit die zerstörte Infrastruktur so schnell wie möglich wiederhergestellt werden kann“, erläutert Marcelo Peerenboom. Insgesamt werden die Arbeiten einige Monate in Anspruch nehmen.