Archivierter Artikel vom 26.01.2022, 15:24 Uhr
Bad Neuenahr-Ahrweiler

Neu durchstarten an der Ahr: Im Lenné-Schlösschen wird wieder Hochzeit gefeiert

Die weiße Fassade des Lenné-Schlösschens in Bad Neuenahr fällt auf inmitten der von der Flut noch immer aufgewühlten Umgebung. Während die Wassermassen im Erdgeschoss gewütet haben, ist der Veranstaltungsraum im ersten Stockwerk weitgehend verschont geblieben. Am 3. Juni soll hier wieder eine Hochzeit gefeiert werden.

Von Beate Au
Fast wie ein Solitär wirkt das Lenné-Schlösschen am Ahrufer von Bad Neuenahr. Die Pächter, Aniko und Torsten Schweigert, hatten noch Glück. Die oberste Etage blieb weitgehend verschont von der Flut. Doch sie sorgen sich um all die Gewerbetreibenden, die ums Überleben kämpfen.
Fast wie ein Solitär wirkt das Lenné-Schlösschen am Ahrufer von Bad Neuenahr. Die Pächter, Aniko und Torsten Schweigert, hatten noch Glück. Die oberste Etage blieb weitgehend verschont von der Flut. Doch sie sorgen sich um all die Gewerbetreibenden, die ums Überleben kämpfen.
Foto: Vollrath

Die Pächter, Aniko und Torsten Schweigert, haben verglichen mit vielen anderen aus der Gastrobranche noch Glück gehabt. Die Stadt als Eigentümer wird sich um die Gebäudeschäden kümmern und will dafür sorgen, dass das Umfeld so schnell wie möglich wieder attraktiv aussieht. Doch auch sie haben mit einem Problem zu kämpfen, das vielen Gewerbetreibenden den Neustart schwer macht. Und das macht ihnen Sorgen.

Die Flut hat große Teile des Veranstaltungsinventars, das die Pächter des Lenné-Schlösschens im Erdgeschoss gelagert hatten, mit Schlamm überzogen und unbrauchbar gemacht. Ohne Versicherung sind sie jetzt auf die Wiederaufbauhilfen angewiesen. Sie hatten gehofft, dass das unbürokratisch und schnell gehen würde. „Doch wir sind beim Ausfüllen des Antrags bereits auf der zweiten Seite gescheitert“, so Torsten Schweigert.

Werden die Reperaturkosten erstattet?

Die Krux für alle unversicherten Gewerbetreibenden: Der Staat erstattet 80 Prozent des Zeitwerts. Pech für diejenigen, die ihr Mobiliar bereits weitgehend abgeschrieben haben. Die Schweigerts haben das Schlösschen 2016 aus dem Dornröschenschlaf geholt und auch einen hohen Betrag an Eigenmitteln in die Ausstattung und Renovierung investiert. Deren Zeitwert dürfte nach sechs Jahren bei null liegen, so Torsten Schweigert.

Um den wirtschaftlichen Wert zu ermitteln, könnten auch die Preise für vergleichbare Güter auf Zweitmärkten herangezogen werden. Steuerberater recherchierten als Gutachter dann beispielsweise bei Ebay im Internet. „Während betroffene Privatpersonen für einen Ein-Personenhaushalt pauschaliert mit 13.000 Euro rechnen konnten, gilt das für uns nicht“, so Torsten Schweigert. Seine letzte Hoffnung: Die Reparaturkosten für noch Vorhandenes können erstattet werden. „So haben wir den Passus auf dem Formular jedenfalls interpretiert“, sagt der Gastronom, der ebenso wie seine Frau aus dem Ahrtal stammt und mit den drei Kindern auch bleiben will.

Retten, was zu retten ist

Beide sind jetzt froh darüber, dass sie nach dem 14. Juli nicht alles weggeworfen haben. Es gebe wohl eine Methode, zumindest die Lederstühle mit Trockeneis aufzuarbeiten. Vielleicht ließen sich auch die Hochtische aus Polyrattan renovieren. Sie wollen retten, was zu retten ist. Doch vieles wie Tischwäsche oder Deko muss neu angeschafft werden, damit am 3. Juni die erste Hochzeit stattfinden kann.

Die beiden denken nicht nur an ihre eigene Zukunft, sondern auch an die der vielen Gastronomen, Hoteliers und Einzelhändler, die diese Stadt wieder bunt machen sollen. Ein bisschen wollen sie auch Sprachrohr für diejenigen sein, die wieder für eine attraktive Infrastruktur sorgen. „Viele sind im Trocknungsblues angekommen und realisieren erst jetzt, was sie alles neu kaufen müssen“, so Torsten Schweigert. Dabei seien viele durch die Corona-Pandemie an ihrem finanziellen Ende angelangt. „Sie sind am Anschlag. Und man bekommt auch keinen Kredit, wenn man nicht weiß, welches Geschäftsmodell im Ahrtal dann auch wieder funktioniert“, so Aniko Schweigert. „Ich mache mir Sorgen, dass irgendwann das böse Erwachen kommt.“

Dabei sei es so wichtig, das Tal attraktiv zu halten, damit es sich nicht leert und Familien nicht wegziehen. Sicher müsse es Richtlinien für die Auszahlung von Beihilfen und Einkommensausfälle geben. Doch sie seien festgelegt worden in einer anderen Zeit. Nach sechs Monaten seien die meisten noch weit entfernt davon, wieder Einnahmen zu generieren. Nur so lange wird nach EU-Recht aber Beihilfe gewährt. „Wir leben jetzt in einer Zeit des Klimawandels. Es wird ähnliche Katastrophen geben“, so Torsten Schweigert. Von der Politik wünscht er sich, dass die besondere Situation auch besonders behandelt wird. Beide hoffen, dass die regionale und internationale Politik in diesem Sinne kreativ und aktiv wird.