Archivierter Artikel vom 26.07.2021, 20:14 Uhr
Ahrtal

Nach Flutkatastrophe werden noch 74 Menschen vermisst: 68 der bisher 132 Toten sind identifiziert

Das Grauen, das der Tsunami im Ahrtal an Häusern, Straßen, Brücken und in der Natur angerichtet hat, bekommt jetzt auch ein menschliches Gesicht. 68 der bisher 132 Toten sind identifiziert. Noch gelten 74 Menschen als vermisst, darunter auch 15 Menschen, die nicht in Rheinland-Pfalz leben, und 16 aus dem Ausland. Ob sie unter den Toten zu finden sind?

Von unseren Redakteuren
Ein Müllberg der zum Himmel stinkt, höher als die alte Stadtmauer von Ahrweiler: Die schlammigen Reste der Habseligkeiten Tausender Bewohner müssen schnell entsorgt werden, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern.
Ein Müllberg der zum Himmel stinkt, höher als die alte Stadtmauer von Ahrweiler: Die schlammigen Reste der Habseligkeiten Tausender Bewohner müssen schnell entsorgt werden, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern.
Foto: Christian Koniecki

Fortschritte machen die Aufräum- und Aufbauarbeiten. Und immer öfter hört man von Gruppen die versuchen, die Hilfeleistungen von Feuerwehr, THW, Bundeswehr und medizinischem Personal zu unterlaufen.

Bei der Pressekonferenz des Krisenstabes am Montag standen jedoch gute Nachrichten im Mittelpunkt. Nach dem Chaossamstag, der den Verkehr fast zum Erliegen brachte, konnte man am Sonntag große Fortschritte bei der Beseitigung des Mülls aus dem Ahrtal machen. Mehr als 46.000 Tonnen wurden von Lkw und Traktoren auf die Umladestation „Auf dem Scheid“ bei Niederzissen gebracht. Von dort werden sie dann weitertransportiert auf die Deponie „Eiterköpfe“ im Kreis Mayen-Koblenz. „Der Erfolg ist sichtbar und schafft Platz für ein effizienteres Arbeiten von Bundeswehr und THW oder das Durchspülen der Kanalisation“, so die Leiterin des Krisenstabes, Begoña Hermann, stellvertretende Präsidentin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier.

Auch beim Bau neuer Brücken über die Ahr kommt man voran. In Liers, Insul und Rech wurden provisorische Brücken gebaut, die bis zum Neubau von Brücken den Verkehr aufnehmen sollen. Eine weitere entsteht gerade an der Bad Neuenahrer Landgrafenstraße, die bis Sonntag fertig sein soll. Es wäre dann die zweite tragfähige Brücke neben der Piusstraße in der Kreisstadt. Auch die 31 Servicepunkte entlang der rund 30 Kilometer langen Katastrophenstrecke, wo sich die Bürger mit Lebensmitteln, Trinkwasser und medizinischen Leistungen versorgen können, erweitern ihr Angebot. Hier können Flutopfer mittlerweile auch ihre Anträge für die Soforthilfe des Landes abholen, ausfüllen und gleich wieder abgeben.

Worauf Hermann und der Einsatzleiter Heinz Wolschendorf besonders hinwiesen: „Freiwillige Helfer kommt, die Menschen im Ahrtal brauchen euch. Aber bitte nutzt die Sammelpunkte und kommt nur mit den Shuttlebussen.“ Innenminister Roger Lewentz, der, wie er sagt, seit Tagen in den Gemeinden entlang der Mittelahr ist, zeigt sich begeistert von den Hilfeleistungen der Privaten, den Ehrenamtlichen von THW und Feuerwehr sowie der Bundeswehr. Mayschoß hat seinen eigenen Krisenstab gegründet, der unter anderem dafür gesorgt hat, dass es eine asphaltierte Notstraße zur Außenwelt gibt.

In Ahrbrück schafft es privates Engagement, dass eine von der Flut zerstörte Brücke so schnell wie möglich wieder befahren werden kann. In den betroffenen Orten haben sich Nothelfergemeinschaften gebildet, weil so schnell keine Hilfe zu erwarten war. „Es ist ein kaum vorstellbarer Bürgersinn da, obwohl viele unter den Helfern Tote in den eigenen Familien zu beklagen haben. In Mayschoß sind es bestätigt drei Tote, in Dernau derer 16.

In Altenahr, wo die Verwaltung keinen Computer, kein Bildarchiv über Kanäle, Straßen und Brücken mehr hat, soll jetzt eine Containerlösung geschaffen werden, damit die Behörde wieder arbeiten kann. Ein mobiler Dienst soll nach Altenahr kommen, um Menschen, die in den Fluten ihre Ausweispapiere verloren haben, provisorische Personalausweise auszustellen, versprach Lewentz; und dass erfahrene Beamte, auch Ruheständler, nach Altenahr kommen sollen, um die Verbandsgemeindeverwaltung zu unterstützen. Denn viele Kräfte der Altenahrer Beamten stecken mit ihren Familien selbst im Schlamm und Dreck.

Auch mehr als 200 der rund 550 Mitarbeiter der Kreisverwaltung sind betroffen. Hier gibt es Schützenhilfe von benachbarten Kreisen, von Koblenz und Bonn, so Landrat Jürgen Pföhler während des Pressegesprächs. „Wir in Ahrweiler und der Abfallwirtschaftsbetrieb tun alles in unserer Macht stehende, um die Menschen zu unterstützen. Gewährleistet sei, dass die Menschen ihre in der Flut zerstörten Autos abmelden können, seit Donnerstag habe man mehr als 2,5 Millionen Euro an Soforthilfe des Kreises an betroffene Bürger ausgezahlt“, so Pföhler.

Überlagert werden die guten Nachrichten von Angriffen auf Helfer aus den Organisationen wie THW, Feuerwehr und Bundeswehr. „Das geht dann so weit, dass unsere Helfer beschimpft werden. Wenn sie mit Einsatzfahrzeugen unterwegs sind, werden sie mit Müll beschmissen“, sagte die Vize-Präsidentin des THW, Sabine Lackner, in einem Interview. 4000 THWler aus der ganzen Republik, fast allesamt Ehrenamtler, sind an der Ahr im Einsatz. Auch Einsatzleiter des Krisenstabes, Heinz Wolschendorf, weiß davon: „Ja, es gab Überreaktionen aus der Bevölkerung. Die muss man verstehen, die Menschen sind seelisch und körperlich am Ende. Resignation braucht ein Ventil.“

Aber Wolschendorf weiß auch, dass die Bevölkerung von Provokateuren aus den unterschiedlichsten Lagern aufgewiegelt wird. Neonazis, Querdenker, Reichsbürger und Menschen aus der Prepper-Szene, die sich als Betroffene der Flutkatastrophe ausgeben, machen bewusst Stimmung gegen die Hilfskräfte und hetzen die wirklichen Flutopfer auf. Erfahrungen, die auch die Rhein-Zeitung gemacht hat. In Bad Neuenahr fährt immer noch ein sogenannter Friedensbus durch die Stadt, der per Lautsprecher verkündet, dass alle Helfer abgezogen werden, die Flutopfer allein gelassen werden sollen. THW-Helfern wurde gedroht, sie wegen unterlassener Hilfeleistung anzuzeigen. Es werden Fotoaufnahmen bewusst so gestellt, dass sie das Versagen des Staates dokumentieren sollen. An einigen Einsatzorten seien THW-Mitarbeiter von Unbekannten gefilmt worden, die sich nicht als Presse zu erkennen gegeben hätten, so THW-Vizepräsidentin Lackner. Zum Schutz habe das THW veranlasst, dass die Kollegen ihr Namensschild von der Kleidung abnehmen durften.

Aus dem Katastrophengebiet berichten Uli Adams, Christian Koniecki, Beate Au, Judith Schumacher, Silke Müller, Sandra Fischer, Tim Saynisch, Michael Stoll