Archivierter Artikel vom 30.07.2021, 20:07 Uhr
Kreis Ahrweiler

Malu Dreyer sichert Menschen im Ahrtal Unterstützung zu: „Wir lassen Sie nicht allein!“

Den Blick nach vorn beschwören Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Freitag, als sie vor die Presse treten, um über die aktuelle Lage im Katastrophengebiet namens Ahrtal zu sprechen.

Fortschritte gibt es bei der Wasserversorgung: Bei Antweiler ist am Freitag ein etwa 300 Meter langes Stück einer Haupttransportleitung provisorisch ersetzt worden.
Fortschritte gibt es bei der Wasserversorgung: Bei Antweiler ist am Freitag ein etwa 300 Meter langes Stück einer Haupttransportleitung provisorisch ersetzt worden.
Foto: privat

Vorweg schickt Dreyer: Auch wenn der volle Fokus im Tal darauf gerichtet ist, tagein, tagaus Trümmer zu beseitigen, die Infrastruktur wiederherzustellen und Grundlagen für den Wiederaufbau zu schaffen: „Die Toten sind nicht vergessen“, sagt Dreyer. 135 sind es mittlerweile, 59 Frauen und Männer werden noch vermisst.

Vergessen sei auch nicht, betont die Ministerpräsidentin, dass überall im Tal Existenzen vernichtet wurden. Ihr sei klar, dass all die Betroffenen entlang der Ahr unglaublichen seelischen und körperlichen Belastungen ausgesetzt sind, da seien „Schmerz, Trauer und furchtbares Leid.“ Es sind mitfühlende Worte an alle jene, in deren Leben seit zweieinhalb Wochen nichts mehr so ist, wie es vor dem 14. Juli war. All diesen Menschen sagt Dreyer am Mikrofon in der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung in Ahrweiler zu: „Ich versichere Ihnen – und zwar im Namen des ganzen Kabinetts: Wir lassen Sie nicht allein.“ Bei ihren Besuchen im Tal, jüngst in Mayschoss, habe sie eine latente Angst bei den Menschen vernommen, dass sich das Land langsam aus dem Kata-strophengebiet zurückziehe. Dem setzt Dreyer entgegen: „Das tun wir nicht.“ Der volle Fokus sei darauf gerichtet, den Betroffenen schnell, konkret und unbürokratisch zu helfen.

Das Kabinett habe daher am Freitag beschlossen, die Soforthilfen des Landes Rheinland-Pfalz für Kommunen um 10 Millionen Euro auf 60 Millionen Euro zu erhöhen. Der Bund wird sich laut Dreyer mit Mitteln in Höhe von 50 Prozent an den Soforthilfen beteiligen, der Betrag ist vorerst auf 400 Millionen Euro gedeckelt. Ein Nationaler Aufbaufonds, an dem sich Bund und Länder beteiligen, sei in Vorbereitung.

Vor dem von der Flut malträtierten Peter-Joerres-Gymnasium liegt Schutt. Dass die Schule nach den Ferien öffnen kann, ist mehr als unwahrscheinlich.
Vor dem von der Flut malträtierten Peter-Joerres-Gymnasium liegt Schutt. Dass die Schule nach den Ferien öffnen kann, ist mehr als unwahrscheinlich.
Foto: Nicolaj Meyer

Die Soforthilfen stünden bereit, um zügig im Tal dafür sorgen zu können, zerstörte Infrastruktur im Tal wiederaufzubauen. „Das Geld ist da, um den Gemeinden einen maximalen Handlungsfreiraum zu geben, um Unternehmen zu beauftragen, Maßnahmen für den sofortigen Wiederaufbau angehen zu können.“ Vom Mobilnetz bis zum Abwasser, von der Gasleitung bis zu kommunalen Verwaltungen und vieles mehr. Das Geld wird in Pauschalbeträgen an alle Städte und Kommunen gezahlt, die in Rheinland-Pfalz vom Hochwasser betroffen sind – oder wie der Kreis Ahrweiler von der verheerenden Sturzflut. Weil an der Ahr die Zerstörung so massiv ist, erklärt Innenminister Lewentz, fließt hier auch das meiste Geld von den 60 Millionen Soforthilfe hin: gut 42,5 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die nächsthöchste Summe geht an den Landkreis Bernkastel-Wittlich mit 6,1 Millionen Euro.

Vom für den Wiederaufbau im Ahrtal so wichtigen Geld einmal abgesehen: Das Land, skizziert Dreyer, schafft zudem die Strukturen, um diesen Wiederaufbau überhaupt koordinieren zu können. Innenminister Lewentz konkretisiert: Das Kabinett habe neben der Aufstockung der Soforthilfen ebenfalls beschlossen, innerhalb des Innenministeriums einen Wiederaufbaustab einzurichten. „Dieser soll ressortübergreifend arbeiten, sprich, dort sollen die Fäden zusammenlaufen, wenn es sowohl um den Wiederaufbau von beispielsweise Schulen, dem Gesundheitswesen, Verwaltungsstrukturen, Energie, Pflege, Wasser oder dem Mobilen Netz geht. Lewentz betont: Für den Wiederaufbau werde ein langer Atem nötig sein, „aber wir können ihn als Chance verstehen, die Region für die Zukunft aufzustellen und nachhaltig zu erneuern“.

Die Aufräumarbeiten sind laut ADD-Präsident Thomas Linnertz – die ADD und damit das Land Rheinland-Pfalz koordiniert den Einsatz im Ahrtal – vor allem in Adenau und Sinzig vorangekommen: „Man sieht Fortschritte“. Schwieriger gestalte sich die Arbeit der Einsatzkräfte noch in der VG Altenahr, „aufgrund der Topografie und weil viele Orte sehr schwer erreichbar sind“. Hier läge der Fokus derzeit etwa auf der Entsorgung sowie darauf, Ölschäden zu bereinigen. So hätten 150 Feuerwehrleute am Freitag diverse Keller ausgepumpt, um mit Heizöl kontaminierten Schlamm zu entfernen. Laut Linnertz sind gut 5500 Frauen und Männer von Bundeswehr, THW, Feuerwehr, aus Rettungs- und Sanitätsdienst und der Polizei im Einsatz. In Bad Neuenahr-Ahrweiler liegt der Fokus auf Aufräumarbeiten und der Versorgung der Bevölkerung.

Bei allen Anstrengungen, die noch bevorstehen, zeigt sich bei den Handwerksbetrieben im Kreis ungebrochene Solidarität: „Da gibt es große Unternehmen, die wollen 15 Mitarbeiter samt Fahrzeugen und Werkzeug schicken“, berichtet Frank Wershofen. Der Kreishandwerksmeister macht damit vielen Menschen Mut.

Mut wird nötig sein. Nur eines der Beispiele der Zerstörung ist das Casino in der Kurstadt. „Das Verwaltungsgebäude ist ein Totalschaden und bereits abgerissen. Die Räume für das Automatenspiel wurden bis zur Decke geflutet“, erklärt Geschäftsführer Michael Seegert. Lediglich das Obergeschoss sei unberührt geblieben.

Neben den Gebäuden und der Infrastruktur ist auch die Psyche von Kindern oft angeschlagen. Denn Kinder, die in den Hochwassergebieten leben, haben unvergessliche Bilder gesehen. Die RZ hat mit Daniela Lempertz gesprochen, einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Unkel. Sie rät: Kinder müssen nicht über das Erlebte sprechen, sondern das sollen sie nach ihrem eigenen Bedürfnis und in ihrem eigenen Tempo machen. „Wenn sie etwas erzählen wollen, ist das okay. Danach soll wieder eine Reorientierung in den Alltag erfolgen.“

Aus dem Katastrophengebiet berichten Anke Mersmann, Uli Adams, Annika Wilhelm, Beate Au, Silke Müller, Nicolaj Meyer, Reinhard Kallenbach und Michael Stoll.