Archivierter Artikel vom 24.07.2021, 09:00 Uhr
Koisdorf/Westum

Lichtblick für Kinder in düsteren Zeiten: Privatinitiative ermöglicht Betroffenen eine Freizeitwoche

Ein Lichtblick in düsteren Zeiten für Kinder aus dem Ahrtal, die nach der Flutkatastrophe teilweise noch jede Nacht woanders schlafen mussten, weil sie kein Zuhause mehr haben: Auf riesigen Widerhall ist eine Privatinitiative von Sylvia und Thomas Wittenborg aus Westum gestoßen, die aus dem Stand heraus eine einwöchige Kinderfreizeit für von der Flut betroffene Familien auf dem Koisdorfer Sportplatz organisiert hatten. Pate steht die Spielgemeinschaft (SG) Westum-Löhndorf um Jugendleiter Erwin Ritterrath.

Von Judith Schumacher

Die Sportfreunde Koisdorf gaben sofort ihren Rasenplatz und das Vereinsheim am Koisdorfer Waldrand für das Unterfangen frei.

Judith Schumacher

Die Sportfreunde Koisdorf gaben sofort ihren Rasenplatz und das Vereinsheim am Koisdorfer Waldrand für das Unterfangen frei.

judith schumacher

Die Sportfreunde Koisdorf gaben sofort ihren Rasenplatz und das Vereinsheim am Koisdorfer Waldrand für das Unterfangen frei.

Judith Schumacher

Am vergangenen Sonntagmorgen nach der Katastrophe hatte das Ehepaar Wittenborg die Idee dazu und kontaktierte Erwin Ritterrath von der SG, wo Thomas Wittenborg die E-Jugend trainiert. Gemeinsam fragten sie ab, wo ein Sportplatz zur Verfügung steht. Die Sportfreunde Koisdorf, wo Wittenborg in der Altherrenmannschaft spielt, gaben sofort ihren Rasenplatz und das Vereinsheim am Koisdorfer Waldrand für das Unterfangen frei. „Wir fotografierten unseren Aufruf und stellten ihn ins Netz. Bis zum Abend bekamen wir 30 Rückmeldungen, bis zum nächsten Morgen waren es mehr als 60. Mein Handy stand nicht mehr still“, berichtet Wittenborg. So waren am vergangenen Montag schon die ersten 75 Kinder bei der Freizeit, die von schnell organisierten Elternfahrstaffeln nach Koisdorf gebracht wurden.

Am nächsten Tag waren es schon 92 Kinder, und das Telefon der Organisatoren läutete immer weiter. Rund 20 Betreuer, pädagogische Fachkräfte, Großmütter, Mütter und jugendliche Helfer sorgten mit zahlreichen Aktionen für Spaß, Spiel und Unterhaltung für den Nachwuchs, der sichtlich glücklich war, aus dem Elend heraus gekommen zu sein. Angeboten wurden diverse Gruppen, die sich die Kinder im stündlichen Wechsel aussuchen konnten: eine Fußballgruppe, eine Bingowaldgruppe, ein Werkelgruppe, die mit Stöcken und Steinen etwas erschufen, und auch Tipis konnten gebaut werden.

Weiter im Angebot: Spiel- und Sportgruppen. Hier spielen sie Frisbee, Ball, Wurf-, Sprung- und Gesellschaftsspiele oder Feldhockey. In der Bastelgruppe sind sie mit Perlen, Freundschaftsbändern, Stockfiguren und Windlichtern, Malbildern oder Eis-am-Stil-Kreationen beschäftigt. Zudem gibt es eine Tanzgruppe. Fröhliche Musik schallt über den Platz.

Eine Woche lang nimmt das Freizeitangebot von morgens 9.30 bis 17 Uhr die Kinder auf. „Es sind einige Kinder dabei, die keinen festen Schlafplatz haben und nur temporäre Unterkünfte mit ihren Familien finden, aber auch diejenigen, deren Familien mit Aufräumarbeiten beschäftigt sind“, so Thomas Wittenborg. Er ist beeindruckt von der ungeheuren Hilfsbereitschaft der Menschen. Er selbst hat eine Spendenaktion in seinem alten Heimatort Verl im Kreis Gütersloh losgetreten, wo Feuerwehr oder Schützen und andere Personen Geld spenden, auch ohne dass sie eine Quittung haben wollen. „Die Leute wollen einfach nur helfen“, so Wittenborg. Auch Erwin Ritterrath zeigt sich beeindruckt: „Das ist Hilfe, die sofort ankommt, das warme Mittagessen wollte die Sinziger Pizzeria Fontana sogar umsonst spendieren, aber das können wir als Verein nicht machen, wir werden uns sicher einig.“ Die SG Westum-Löhndorf steht auch aus Versicherungsgründen hinter der Aktion.

Außerdem hat die Spielgemeinschaft ein Angebot eines Vereins aus Erlangen, der eine Gruppe von 25 Kindern abholen würde, um sie ab dem 1. August bei sich aufzunehmen und zu betreuen. „Es ist der Wahnsinn, wie diese Freizeit hier angenommen wird, der Bedarf ist riesig, und das alles zieht große Kreise“, ist Ritterath von der Resonanz überwältigt. „Ein Glücksfall für uns ist, dass uns auch pädagogische Fachkräfte wie Meike Weißenböck, Alexandra Berikakis, Frederike Briel und Daniela Dedenbach aus Westum unterstützen“, sagt Wittenborg.

In der Bastelgruppe sind die Kinder dabei, mit viel Eifer Perlen auf Schnüre zu ziehen, Ketten und Armbänder anzufertigen. Die kleine Lea und ihre Nachbarin Eva kommen mitten aus Ahrweiler. Die Häuser ihrer Familien sind geflutet, die Eltern, Großeltern, Freunde, Bekannte und Fremde sind damit beschäftigt, Schlamm und Müll aus ihrem Zuhause zu entfernen. „Wir haben aber eben kein Wasser und keinen Strom“, sagt Lea. „Der ganze Keller von meinem Opa, wo er selbst geschriebene Bücher und andere Bücher gelagert hat, ist überschwemmt. Da ist alles kaputt“, sagt Eva wütend. „Meine Schule, das Peter-Joerres-Gymnasium, ist auch schwer beschädigt“, ergänzt sie.

Betreuerin Isola Kabaklarin erzählt, dass der Friseursalon ihrer Schwägerin neben der Bad Neuenahrer Klinik Kur-Köln völlig zerstört ist und sie selbst das erste Ausbildungsjahr als Erzieherin auf der Berufsbildenden Schule Bad Neuenahr-Ahrweiler hinter sich gebracht hat. „Eine Lehrerin ist ertrunken, die Schule ist teilweise einsturzgefährdet, und noch ist nicht klar, ob sie abgerissen werden muss oder nicht“, so die Betreuerin.

Von unserer Mitarbeiterin Judith Schumacher