Archivierter Artikel vom 29.07.2021, 20:47 Uhr
Kreis Ahrweiler

Kritik von allen Seiten: Wie gut ist der Krisenstab an der Ahr wirklich?

Hat sich die Lage im Ahrtal stabilisiert? Gibt es Fortschritte? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Gerüchte über einen Abzug der Helfer machen die Runde und sorgen für Verunsicherung. Wir geben einen Überblick über die Lage entlang der Ahr.

Von unseren Redakteuren
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Foto: dpa

„Wir haben in der Gesamtlage eine gewisse Stabilität erreicht. Das heißt, die Aufgaben verändern sich nicht mehr so stark von Tag zu Tag.“ So beschrieb Thomas Linnertz, Leiter des Krisenstabes an der Ahr, am Donnerstag die Lage bei der täglichen Pressekonferenz und sprach von einigen Gebieten, in denen man große Fortschritte mache.

In Sinzig habe man eine relativ stabile Lage erreicht. „Viele Arbeiten sind dort soweit erledigt“, erklärte Linnertz. Auch die Stromversorgung sei in Sinzig „annähernd zu 100 Prozent wiederhergestellt, in Bad Neuenahr-Ahrweiler auch zu großen Teilen.“ Als „prekär“ beschrieb Linnertz die Lage weiterhin in der VG Altenahr. In der Kreisstadt bereitet unter anderem die Wasserversorgung dem Krisenstab noch Sorgen. Als weitaus besorgniserregender empfindet der Bürgermeister der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, Guido Orthen, die Arbeit des Krisenstabes.

Bis heute, Tag 16, nachdem der Tsunami die Ahr herunterrollte, habe der Krisenstab die Lage in der Kreisstadt völlig verkannt. 25.000 der rund 30.000 Bürger seien betroffen. Noch nicht einmal die Versorgung der Menschen mit warmen Mahlzeiten habe der Krisenstab in ausreichender Form bis heute bewerkstelligen können. „Vieles, was wir hier in den vergangenen Tagen geschafft haben, einschließlich des Baus der Brücke an der Landgrafenstraße gemeinsam mit dem THW, ist unter dem Radar des Krisenstabes passiert“, so Guido Orthen. Fast stündlich treffe er immer noch Entscheidungen, die eigentlich über seine Kompetenz hinausgehen. Noch immer gebe es keinen Vertreter des Krisenstabes vor Ort, der Einsicht in die Verhältnisse aus eigenem Augenschein habe und dann auch entsprechend die Kräfte von Bundeswehr und THW einsetzen könne.

Wie die Einsatzkräfte in den kommenden Tagen organisiert werden sollen, hat jetzt die Einsatzleitung des Krisenstabs mitgeteilt, nachdem sie am Mittwoch angekündigt hatte, dass die Hilfskräfte zum Wochenende hin angepasst werden sollen. Konkret heißt das, dass nicht zwingend weniger Helfer, sondern jetzt vermehrt Spezialkräfte an der Ahr gebraucht werden, sagt Einsatzleiter Hans-Peter Plattner. Laut Plattner braucht es einen „Mix von Fähigkeiten“ zur Bewältigung der Katastrophe.

„Man kann feststellen, dass sich das Tätigkeitsgebiet aufspreizt, wir haben zum einen Spezialtätigkeiten zu erledigen, auf der anderen Seite brauchen wir nach wie vor bei den Aufräumarbeiten zur Wiederherstellung der Infrastruktur helfende Hände“, bilanziert Plattner bei der Pressekonferenz des Krisenstabs am Donnerstag. Zu den Spezialaufgaben zähle das Räumen mit schwerem Gerät durch das THW, das Brückenschlagen durch die Bundeswehr und die Ölschadensbekämpfung durch THW und Feuerwehr. Insgesamt seien 5974 professionelle Helfer im Einsatz.

In der Bevölkerung kursierende Gerüchte, dass THW oder Bundeswehr sich ab dem Wochenende teilweise aus der Region zurückziehen würden, sind unwahr. Der THW-Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland erklärt auf RZ-Anfrage, dass man weiterhin Präsenz zeigen will und nicht die Absicht bestehe, Fahrzeuge und Mannschaften aus den Flutgebieten abzuziehen. Aus der Pressestelle des Landeskommandos Rheinland-Pfalz der Bundeswehr heißt es, dass man vorhat, solange im Katastrophengebiet zu bleiben, wie man angefordert ist. Im Lagebericht am Donnerstagmorgen sei nicht die Rede davon gewesen, sich aus dem Krisengebiet zurückzuziehen.

Die Zeit der blau-weißen Radlader, Räumpanzer und Lkw in Camouflage scheint also noch nicht vorbei zu sein. Einzelne Hilfsmannschaften haben aber schon ersatzlos die Heimreise angetreten. Die Einsatzleitung spricht hier von Wasserrettern und Kräften der Hubschrauberhöhenrettung, die in den ersten Tagen der Katastrophe bei der Personenrettung eingesetzt waren und mehr als 330 Menschen aus der Luft in Sicherheit brachten.

Laut Aussage von Einsatzleiter Plattner hat sich die Lage sowohl im Einsatzabschnitt Adenau als auch im Einsatzabschnitt Sinzig „stabilisiert“. Dort werde bereits wieder der Feuerwehrgrundschutz durch die örtlichen Kräfte gewährleistet: „Hier normalisiert sich das Einsatzgeschehen, und es sind noch geringe Zahlen von Einsatzkräften zu Bewältigung der Unwetterlage tätig.“ Die Einsatzschwerpunkte lägen nach wie vor in den Einsatzabschnitten Altenahr und Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Und obwohl mehr und mehr Spezialkräfte gefordert sind, auch Spontanhelfer brauchen die professionellen Helfer weiterhin als Unterstützung, aber nur, wenn sie koordiniert anreisen, sagt Plattner: „Hier ist das Angebot zu nutzen, sich an Sammelplätzen zu treffen und von dort gezielt in das Einsatzgebiet gefahren zu werden.“ Mittlerweile ist der bislang ehrenamtliche Helfershuttleservice offiziell vom Krisenstab beauftragt, verkündete Krisenmanager Thomas Linnertz am Donnerstag.

Aus dem Katastrophengebiet berichten Uli Adams, Tim Saynisch, Beate Au, Nicolaj Meyer, Silke Müller, Tobias Lui, Sandra Fischer, Reinhard Kallenbach, Michael Stoll