Archivierter Artikel vom 18.05.2016, 18:52 Uhr
Kreis Ahrweiler/Koblenz

Koblenzer Hells-Angels-Prozess: Methoden wie im Unrechtsstaat?

Der Ton im Prozess gegen die Hells Angels Bonn wird immer schärfer: Jetzt hat eine Anwältin das Vorgehen der Staatsanwaltschaft Koblenz mit den Methoden eines Unrechtsstaats verglichen – und die häufigen Festnahmen von Zeugen mit Folter.

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Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

Die Staatsanwaltschaft – so Anwältin Andrea Groß-Bölting – habe ihre Macht massiv missbraucht. Es dränge sich der Eindruck auf, als habe sie Zeugen nicht nur getäuscht und bedroht, sondern ihnen auch systematisch mit Haft gedroht, um Geständnisse zu erzwingen oder Beschuldigungen der angeklagten Hells-Angels-Rocker.

Die Anwältin, die den ehemaligen Sicherheitschef (36) der Hells Angels Bonn vertritt, sagte am 23. Prozesstag: „Die gesetzliche Beschränkung der Macht der Staatsanwaltschaft scheint von der Staatsanwaltschaft Koblenz nicht akzeptiert zu werden. Dies erwartet man in Unrechtsregimen, nicht jedoch unter der Geltung des Grundgesetzes.“

Im Prozess am Landgericht Koblenz sind acht Mitglieder der Hells Angels Bonn angeklagt. Sie sollen eine kriminelle Vereinigung gebildet und einen Krieg gegen die Outlaws Ahrweiler geführt haben. Ihr Klub, dessen Haus im Kreis Neuwied war, wurde im März verboten.

Anwältin Groß-Bölting und einige Kollegen kritisieren unter anderem den Umgang von Polizei und Staatsanwaltschaft mit dem Ex-Chef (27) der Outlaws Ahrweiler. Laut Anklage fuhr er 2013 mit seinem Auto auf eine Rheinfähre und wurde von acht Hells Angels abgepasst – einer zertrümmerte ihm mit einem Baseballschläger die Frontscheibe. Wenig später bedrängten drei Hells Angels den 27-Jährigen und dessen Eltern im Büro von deren Arbeitsstelle – so die Anklage.

Der 27-Jährige erstattete wegen des Baseballschlägerangriffs keine Anzeige. Aber er trat kurz danach bei den Outlaws aus. Dann, anderthalb Jahre später, als er auf Dienstreise in München war, wurde er um 6 Uhr früh in einem Hotel von einem Staatsanwalt und einem Polizisten aus dem Bett geholt, mitgenommen und stundenlang auf dem Revier zu den Begegnungen mit den Hells Angels vernommen.

Jetzt sagte im Prozess der Polizist aus, der den Ex-Outlaw-Chef vernommen hat. Er sagte, der 27-Jährige sei kooperativ gewesen, man habe ihm gegenüber keinen Zwang ausgeübt oder gesagt, dass er mitkommen müsse. Doch der Ex-Outlaw-Chef schilderte dies im Prozess anders: „Mir wurde gesagt, ich bin Zeuge und muss mitkommen.“

Die Anwältin kritisiert, dass die Polizei dem Ex-Outlaw-Chef und allen anderen Zeugen des Verfahrens den falschen Eindruck vermittelte, dass sie bei der Polizei aussagen müssen. Sie wirft den Ermittlern vor, die Zeugen dadurch rechtswidrig beeinflusst zu haben, sodass sie Aussagen machten, die sie andernfalls vielleicht nicht gemacht hätten. Wir werden weiter über den Prozess berichten.