Archivierter Artikel vom 02.08.2021, 19:39 Uhr
Grafschaft

Kitas zerstört: Grafschaft hilft Nachbarn

Die Flutkatastrophe hat auch zahlreiche Kindertagesstätten zerstört. Allein in Bad Neuenahr-Ahrweiler und in Dernau sind acht Einrichtungen mit mehr als 1000 Kindern betroffen. Mit der Organisation von Notbetreuungsangeboten will die Grafschaft jetzt unbürokratisch helfen.

Von Horst Bach
Auf dem Grundstück im Innovationspark Rheinland an der Lise-Meitner-Straße will die Gemeinde Grafschaft einen Drei-Gruppen-Notkindergarten in Modulbauweise einrichten. Foto: Ramona Maerz
Auf dem Grundstück im Innovationspark Rheinland an der Lise-Meitner-Straße will die Gemeinde Grafschaft einen Drei-Gruppen-Notkindergarten in Modulbauweise einrichten.
Foto: Ramona Maerz

In seiner jüngsten Sitzung in der Sporthalle des Studienhauses St. Lambert in Lantershofen sprach sich der Gemeinderat geschlossen für ein Zeichen der Solidarität aus: Der Rat gab grünes Licht dafür, dass vom August an im Haus des Dorfes in Leimersdorf 50 der 80 Kinder aus der Kindertagesstätte St. Pius in Ahrweiler untergebracht werden können. Das Gremium hat auch die rund 60 Kinder aus der integrativen Kindertagesstätte St. Hildegard in Bachem im Blick. Nach einigen Umbaumaßnahmen soll der Dorfgemeinschaftshof Birresdorf Ende August für die Notbetreuung zur Verfügung stehen.
Nach einigem Hin und Her mit dem Kreisjugendamt wird auch die Betreuung von Kindergartenkindern aus Dernau in der Alten Schule und dem ehemaligen Jugendheim in Holzweiler immer wahrscheinlicher. Dem Bau einer neuen Kita in Modulbauweise hatte der Rat bereits vier Tage nach der Hochwasserkatastrophe in einer Dringlichkeitssitzung zugestimmt.

Nachfrage ist groß

„Wir können helfen an drei Stellen und mit Errichtung einer neuen Kindertagesstätte in Modulbauweise, insbesondere für unversorgte Kinder aus der Kreisstadt“, so der Grafschafter Bürgermeister Achim Juchem. Die Nachfrage sei groß, denn nicht nur der Kreis Ahrweiler sei durch Flutschäden betroffen. Mit Blick auf die Verkehrsinfrastruktur, die Arbeitsplätze vieler Eltern im Großraum Bonn oder in den beiden Gewerbegebieten in Gelsdorf und Ringen sowie die Verfügbarkeit von Grundstück und Baurecht bietet sich das rund 4400 Quadratmeter große Areal im Innovationspark Rheinland in der Lise-Meitner-Straße für eine schnelle Umsetzung der Not-Kita förmlich an. „Die Sanitäranlagen müssten allerdings noch angepasst werden“, erklärte Juchem.

Der Kaufpreis für den Mietrückläufer, rund 600 Quadratmeter Fläche für einen Drei-Gruppen-Kindergarten in Modulbauweise, liegt bei 625.000 Euro. Nicht mit eingerechnet sind die Arbeiten für Fundamente, Hausanschlüsse und die Gestaltung der Außenanlagen. Möbel und Spielsachen könnten hingegen überwiegend über Spenden abgedeckt werden. Sollte es erforderlich werden, ließe sich auf dem Grundstück im Innovationspark eine zweite baugleiche Einheit verwirklichen, so Juchem. Schlussendlich erhielt Juchem vom Rat die Handlungsvollmacht, entsprechende Aufträge oberhalb der Entscheidungsgrenze in Höhe von 37.500 Euro im Rahmen des gefassten Deckelungsbeschlusses in Höhe von 1 Million Euro zu vergeben. Darüber hinaus beauftragte das Gremium den Chef der Verwaltung, Aufträge zu vergeben, sofern diese im Zusammenhang mit der zügigen Einrichtung von Notgruppen in den Dorfgemeinschaftshäusern Birresdorf und Leimersdorf notwendig werden.

Mehr als 1000 betroffene Kinder

Die kommunalen Liegenschaften der Gemeinde würden zurzeit fast vollständig zur Bewältigung der Umweltkatastrophe beziehungsweise zur Unterstützung der Einsatzkräfte genutzt, so Bürgermeister Juchem zur derzeitigen Lage. Für alle sechs gemeindlichen Kitas gelte nach Vorgabe des Kreisjugendamtes: keine Überkapazitäten. „Zu sagen, wir nehmen zehn Kinder extra auf, wäre ein pragmatischer Ansatz, funktioniert aber nicht“, so Juchem. Doch angesichts der massiven Flutschäden in den Nachbarkommunen sei Unterstützung dringend geboten. In der Ahrregion seien 20 Kitas nicht mehr in Betrieb. „Wir reden hier über 1000 betroffene Kinder, die jetzt zu versorgen sind – eine Größenordnung, die mit den wenigen zur Verfügung stehenden Kindergärten nicht abgefangen werden können“, schilderte der Bürgermeister die dramatische Situation.

Zudem wies Juchem darauf hin, dass es an Wohnraum mangele. „Wir müssen rasch handeln“, sagt er. Erkennbar sind bereits Lösungen: Die Rettungswache Altenahr wurde kurzfristig in Gelsdorf platziert, die Kreisstädter sind in den Innovationspark gezogen. Konkret wird die Unterstützung der Grafschaft für die Grundschule Dernau. Die sechs Klassen aus Dernau werden auf die drei Grafschafter Grundschulen verteilt. Horst Bach