Ahrtal

Invasion der Helfer trifft auf gestählte Ehrenamtler: Gemeinden haben sich früh selbst organisiert

Die Menschen in den Dörfern an der Ahr waren nach der Flutkatastrophe zunächst auf sich allein gestellt, haben als Dorfgemeinschaft irgendwie funktionieren müssen. Es ist ihnen gelungen, mit dem, was sie zur Verfügung hatten, eine Basis für das Überleben aufzubauen – auch wenn die Wegweiser aus beschrifteter Pappe sind. Jetzt kommt Tag für Tag mehr professionelle Hilfe an und trifft auf improvisierte Strukturen, die sich irgendwie bewährt haben. Aber nicht immer hat der Treck, der aus den Eifelbergen ins Tal rollt, auch das geladen, was wirklich gebraucht wird. Vieles wird als noch unkoordiniert wahrgenommen.

Von Beate Au

Die Fleischerei Ahsenmacher aus Andernach ist mit ihrem Cateringservice in der Grundschule Ahrbrück eingezogen und bietet Nudeln mit Hackfleischsoße an.
Die Fleischerei Ahsenmacher aus Andernach ist mit ihrem Cateringservice in der Grundschule Ahrbrück eingezogen und bietet Nudeln mit Hackfleischsoße an.
Foto: Beate Au

Ahrbrück zeigt Flagge im Kampf gegen die Folgen der Sintflut. Auf der inzwischen wieder passierbaren Brücke weht die Fahne der Gemeinde im Wind. Ein kleines Zeichen der Hoffnung in deprimierender Umgebung: zwei durch die Flut eingestürzte Häuser, zwei, bei denen ein Notabriss ansteht, und vier bis acht Objekte, die wahrscheinlich nicht stehen bleiben können. Das Bett der Ahr ist deformiert. Hinzu kommen etliche Vermisstenfälle.

„Mein Mann hat es mit seinem Netzwerk gesteuert, dass diese Bücke so schnell wieder aufgebaut wurde. Am Samstag stand sie bereits“, sagt Jennifer Winterscheidt. Sie ist mit ihrer Bekannten unterwegs zum Helfen im Ort und will als Erklärung für dieses jähe Handeln noch etwas loswerden: „Wir waren ja auf uns allein gestellt.“ Ihre Sorge für die Zukunft: Hoffentlich bremst jetzt nicht die Bürokratie dieses Engagement aus. Sie befürchtet, dass jetzt von oben herab ein neuer Plan aufgestellt wird, ohne das bisher Bewährte von ehrenamtlichen Helfern zu übernehmen. „Es ist jetzt keine Zeit für Kompetenzgerangel“, findet sie.

Dass vorerst nicht alles rund läuft beim Lenken eines riesigen Helferheeres, bekommen auch die Einsatzkräfte im Tal zu spüren und reden darüber. Wenn auf Laufzetteln die Antworten notiert würden auf die Frage, was gebraucht wird, und der Benefit gleich Null sei, sorge das für Frust. Und Kopfschütteln löst es auch aus, dass einige der auswärtigen Hilfstruppen sich in Eigeninitiative auf den Weg nach Ahrbrück gemacht haben anstatt auf einen Marschbefehl zu warten.

In Insul steht die Panzerschnellbrücke bereits.
In Insul steht die Panzerschnellbrücke bereits.
Foto: Beate Au

Was die Ehrenamtlichen geschaffen haben, zeigt sich in der Kesselinger Straße. Hier gibt es die Denntal-Grundschule. Sie ist so etwas wie eine Oase. Hier hat man die schrecklichen Kulissen nicht im Blickfeld. Hier treffen Menschen ihre Nachbarn, erzählen, was sie erlebt haben, trösten sich und machen sich froh damit, dass sie doch überlebt haben. Es gibt hier Mittagessen, Lebensmittel, Getränke, medizinische Versorgung, sogar Physiotherapie für erschöpfte Helfer und ein Zelt, in dem Kinder betreut werden. „Heute Nachmittag werden speziell geschulte Kinderpsychologen mit Therapiehunden erwartet“, berichtet Florian Ulrich von der Einsatzleitung in Ahrbrück. „Schon am Tag eins nach der Flut stand die Frage im Raum: Wie werden wir uns verpflegen? Was klein angefangen hat, ist zu einem kompletten Nahversorgungszentrum geworden“, erzählt er.

Die Versorgungssituation habe man in den Griff bekommen, so der Wehrleiter von Ahrbrück, Torsten Claesgens. Die Hilfsorganisation Navis für schnelle Hilfe ohne Grenzen aus Moosburg an der Isar hat bereits am Montag die Trinkwasseraufbereitung für Ahrbrück aufbauen können. Das kostbare Nass wird auch in das normale Netz, da wo es funktioniert, eingespeist. Und am dritten Tag stand dank der Telekom das Handynetz. Bis auf die zerstörten Häuser sei ganz Ahrbrück durch Westnetz am Strom. „Der Digitalfunk ist allerdings ein Desaster. Der Hauptfunkmast ist ausgefallen“, berichtet Claesgens.

Nicht nur auf der Umgehung von Hönningen türmen sich die Schuttberge.
Nicht nur auf der Umgehung von Hönningen türmen sich die Schuttberge.
Foto: Beate Au

Vorfahrt haben an der Oberahr derzeit die schweren Räumfahrzeuge und Schuttlaster. Torsten Claesgens erklärt: „Hauptaufgabe ist es jetzt, mit schwerem Gerät die Zuwegungen so schnell wie möglich auszubauen. Die verschüttete Straße in Richtung Kesselinger wurde ziemlich schnell geräumt. Außerdem sind unfassbare Mengen an Schutt von der Straße abzubaggern.“ Hinter Dümpelfeld und auf der Umgehung des Ortes türmen sich gewaltige Schuttmassen zu hohen Halden. Inmitten dieser Geröllwüste ist jedoch eine stille Zuversicht zu spüren, wie Claesgens bemerkt. Die Menschen seien gefasst, wohl wissend, dass sie noch eine sehr lange Wegstrecke vor sich haben.

Das lässt sich kaum verdrängen, wenn man die Ahr in Richtung Hönningen und Liers weiterfährt. Bei Liers ist im Ahrbett ein Bergepanzer der Bundeswehr im Einsatz. Überall sollen die Soldaten so schnell wie möglich für neue provisorische Brückenverbindungen sorgen.

In Insul gibt es einen solchen Übergang bereits und führt hinüber zum Neubaugebiet, das zum Glück noch steht. Auch in Insul ist am Dorfgemeinschaftshaus in der Alten Schule ein Nahversorgungspunkt entstanden. Auch hier gibt es Lebensmittel, Mahlzeiten, Grundversorgung, sogar Mülltrennung. Auf einer Art schwarzem Brett werden vor allem praktische Nachrichten ausgetauscht über das, was fehlt, wer etwas braucht oder wer ein Angebot wie einen Fahrdienst macht. Bürgermeister Ewald Neiß versucht, mit aller Kraft zu regeln, was täglich auf ihn zukommt. Und das ist viel. So sollen in der Ortsgemeinde bereits Plünderer mit T-Shirts der Energieversorgung Mittelrhein (EVM) unterwegs sein. „Diese Betrüger sind keine Mitarbeiter der EVM. Wir verurteilen aufs Schärfste, wie die Plünderer die Not der Menschen ausnutzen, um sich selbst zu bereichern“, erklärt EVM-Unternehmenssprecher Christian Schröder. Ständig klingelt das Handy des Ortsbürgermeisters, der sich gefühlt tausend Problemen stellen muss, darunter auch der Frage des für diesen Abschnitt eingeteilten Feuerwehrmanns, ob er ein mobiles Impfteam aktivieren soll, damit die Bevölkerung gegen Tetanus oder andere Infektionskrankheiten geschützt ist. Denn was die Ahr an Fäkalien und anderen Einträgen mit sich führe, sei nicht zu unterschätzen. Gegen Erreger im zu Staub geworden Schlamm empfiehlt der Feuerwehrmann Masken.