Archivierter Artikel vom 23.07.2021, 06:00 Uhr
Ahrtal

Hubschrauber, Lkw, Traktoren und private Pkw verteilen Hilfsgüter: Helfer sind überwältigt von der Spendenflut

In vielen Gemeinden türmen sich in den Hallen, die sonst für Festlichkeiten und Veranstaltungen genutzt werden, die Sachspenden für Betroffene der Hochwasserkatastrophe. Die Menschen sind spendenwillig und wollen denjenigen, die durch die Fluten alles verloren haben, aushelfen.

Von Annika Wilhelm

Vom Sinziger Helenensaal aus werden Opfer der Flut mit dem Notwendigen beliefert.
Vom Sinziger Helenensaal aus werden Opfer der Flut mit dem Notwendigen beliefert.
Foto: Judith Schumacher

Aus Platzgründen können der Helenensaal, aber auch andere Lagerkapazitäten in Sinzig keine Sachspenden mehr annehmen. Die positive Nachricht dabei ist: „Grundsätzlich sind die Sachspenden in ausreichender Menge vorhanden“, so Christian Weidenbach von der Stadt Sinzig. Der Bedarf in den betroffenen Gebieten ändert sich aber täglich, sagt er: „Es ist somit eine große logistische Herausforderung, schnell auf den aktuellen Bedarf zu reagieren und die gefragten Artikel aus anderen Lagern in den Helenensaal zu schaffen.“ Kleidung, Schuhe, Haushaltswaren, Tierfutter und Babyartikel sind im Helenensaal zur Genüge da. Was bei Betroffenen vor Ort jedoch gefragt ist, sind vor allem Arbeitsgeräte, Handschuhe, Eimer, Reinigungsutensilien und auch Hygieneartikel.

Viele Freiwillige helfen beim Sortieren und Ausliefern

Damit diese Sachen ihren Weg so schnell und einfach wie möglich zu den Betroffenen finden, ist die Hilfe unzähliger Freiwilliger nötig. Vor Ort arbeiten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung. Zusätzlich helfen Mitglieder der KG Närrische Buben, die den Helenensaal primär nutzen, und viele Freiwillige, die spontan ihre Hilfe anbieten. Sie sortieren die abgelieferten Artikel und machen sie transportbereit. Christian Weidenbach erklärt: „Zurzeit werden vor allen Dingen Versorgungsmittel, wie Getränke, Lebensmittel und Arbeitsmittel in die betroffenen Gebiete geliefert. Das wird organisiert mit einer Vielzahl von privaten Initiativen und Vereinen aus dem Stadtgebiet, die mit Pkw, Traktoren, kleinen Lieferwagen, Sprintern oder ähnlichem mit viel Geduld unterwegs sind.“ Bestimmte Gebiete sind nämlich nur schwer und auf Umwegen zu erreichen.

Der Schwerpunkt des Helenensaals ist das Sinziger Stadtgebiet. Christian Weidenbach erzählt aber: „Zwischenzeitlich werden auch angrenzende, schwer betroffene Nachbarkommunen mit Hilfsmitteln versorgt. Auch hier wieder durch private Initiativen aus dem Stadtgebiet.“ Mit anderen betroffenen Gemeinden und deren Anlaufstellen für Hilfsmittel stehen die Stadtverwaltung und das Helferteam im Helenensaal in unmittelbarem Austausch, sodass sehr kurzfristig auf entstehende Hilfebedarfe eingegangen werden kann.

Ähnlich wie im Helenensaal wird am Nürburgring vorgegangen. Hier ist in der vergangenen Woche laut Pressesprecher Alexander Gerhard ein umfangreiches Logistikzentrum entstanden. Die Verteilungswege laufen vor allem über Hilfsorganisationen. Die blauen Autos des THWs reihen sich entlang der Straße vor dem Nürburgring, um Kleider, Hygieneartikel und vieles mehr in die Gebiete zu bringen, wo sie gebraucht werden. Sogar Helikopter nehmen sogenannte Big Packs mit, um diese zu den Ortschaften zu transportieren, in denen die Straßen durch die Schäden unbefahrbar sind. Gerhard betont: „Die Betroffenen oder deren Angehörige können aber auch selbst hier vorbeikommen und sich mitnehmen, was auch immer sie benötigen.“

Big Packs, die von Helikoptern zu Ortschaften geflogen werden, die mit dem Auto nur schwer oder gar nicht erreichbar sind, warten auf dem Nürburgring auf ihren Transport.
Big Packs, die von Helikoptern zu Ortschaften geflogen werden, die mit dem Auto nur schwer oder gar nicht erreichbar sind, warten auf dem Nürburgring auf ihren Transport.
Foto: Annika Wilhelm

Der Nürburgring läuft seit Donnerstag vergangener Woche auf Hochtouren – und das nicht wegen der Autos, die über die Rennstrecke rasen. Nach der Hochwasserkatastrophe wurde das Gelände zur Einsatzzentrale und zum Zentrum für Sachspenden. Schon einen Tag nach dem Aufruf musste der Nürburgring kommunizieren, dass man keine Sachspenden mehr entgegennehmen könne, weil kein Platz mehr vorhanden sei.

Ursprünglich war angedacht, das Bitburger Event-Center samt Foyer mit Nebenräumen für die Spenden zu nutzen. Der Raum wurde allerdings auf die Ringarena und einen Teil des Ringboulevards ausgeweitet, da die Menge an Sachspenden die Erwartungen übertraf. Alexander Gerhard, der Pressesprecher des Nürburgrings, ist beeindruckt davon, wie gut sich die Ehrenamtlichen selbst organisieren.

An einer Ecke findet man Kleider, ein anderer Nebenraum dient als Lager für Kinderwägen, die Ringarena ist zur Sammelstelle für zusammengestellte Hygieneartikeltaschen umfunktioniert worden. Auch Tierbedarf und Spielsachen für Kinder wurden gespendet. Lebensmittelkonzerne wie Edeka und Rewe lieferten haltbare Lebensmittel. An einer anderen Ecke sind riesige Tüten aufgebaut, die von Helikoptern zu den Katastrophengebieten transportiert werden. Zwischen all den Sachspenden findet man viele ehrenamtliche Helfer und Helferinnen, die die Spenden sorgfältig sortieren. Gürtel, Schuhe und Kleider wie Jacken, Shirts und Hosen werden nach Größen in Kartons gepackt und auf Tischen aufgestellt, um es Betroffenen und auch Hilfskräften leichter zu machen, an das ranzukommen, was benötigt wird.

Doch beim Sortieren fällt den Ehrenamtlichen auch auf, dass viele unbrauchbare und sogar kaputte Dinge gespendet werden. Laura Pfannkuchen, eine Helferin, sagt: „Etwa 30 Prozent der Sachen sind kaputt oder können jetzt auch einfach nicht gebraucht werden.“ So lösen sich bei vielen Schuhen schon die Sohlen und Kleider werden mit Löchern und Flecken abgegeben. Unter den Kleiderspenden befanden sich sogar Karnevalskostüme. Laura Pfannkuchen betont: „Manche Leute denken einfach nicht darüber nach, was sie spenden.“ Alexander Gerhard kommentiert den hohen Anteil der Kleiderspenden, die löchrig und fleckig sind: „Ich kann mir nicht vorstellen, wer sich die Mühe macht und für seine Müllentsorgung extra an den Nürburgring gefahren kommt.“

Am Wochenende wurde 24 Stunden durchgearbeitet

Aber auch wenn einige unbrauchbare Dinge gespendet werden, die aussortiert werden müssen, ist Gerhard überwältigt von der Menge an Sachspenden, die sich in den Hallen des Nürburgrings sammeln. Sein Blick wandert über all die Spenden und bleibt letztlich bei den Kinderbetten hängen, die sich türmen: „Auch, wenn vieles momentan noch nicht benötigt wird, vielleicht brauchen die Leute die Sachen später“, meint Gerhard.

Ebenso überwältigt wie von den Sachspenden ist Gerhard von der Hilfsbereitschaft, die von den Ehrenamtlichen ausgeht: „Ich finde es irre, was die Leute hier leisten.“ In der Sammelzentrale wurde am Wochenende 24 Stunden durchgearbeitet. Viele der Freiwilligen kommen nach ihrem Feierabend, um zu helfen. Und auch Betroffene selbst reagieren überrascht, wenn sie in die Hallen treten und die Massen entdecken, die gespendet wurden. Die Spendenwilligkeit berührte auch zwei Frauen aus Antweiler, die selbst von dem Hochwasser betroffen waren. Sie wollen anderen Betroffenen unbedingt weitergeben, dass sie am Nürburgring auf jeden Fall fündig werden.

Der Helenensaal in Sinzig ist täglich von 8 bis 20 Uhr für die Opfer der Flutkatastrophe offen.