Archivierter Artikel vom 15.07.2021, 20:36 Uhr
Sinzig

Hochwasserkatastrophe in Sinzig: Neun Todesopfer im Lebenshilfehaus

Chaos haben die Wassermassen auch rund um Sinzig angerichtet. Die Lage ist am Donnerstagvormittag unübersichtlich. Ein Bild der Verwüstung. Viele Häuser sind geflutet, Straßen nicht mehr passierbar, der Strom ausgefallen. Im Sinziger Haus der Lebenshilfe konnten neun Bewohner nur noch tot geborgen werden.

Von Judith Schumacher und Silke Müller
Sinzig von oben: Um das Schulzentrum herum hat sich eine Seenlandschaft gebildet. Die neue Mensa ist zerstört.
Sinzig von oben: Um das Schulzentrum herum hat sich eine Seenlandschaft gebildet. Die neue Mensa ist zerstört.
Foto: Christian Koniecki

Es sind dramatische Szenen, die sich am Mittwochabend und in der Nacht zum Donnerstag in Sinzig abspielen. So hat ein Mann in der Gerhard-Hauptmann-Straße, nachdem eine rund sieben Meter hohe Flutwelle angerollt kam, zwei Stunden seine pflegebedürftige Mutter hochgehalten, damit diese nicht ertrinkt. Dann kam die Feuerwehr, schlug die Scheibe des Hauses ein und befreite Mutter und Sohn. Die Frau wurde anschließend in ein Krankenhaus gebracht. Ein weiterer Sinziger, der neben den Behindertenwerkstätten in der Kripper Straße wohnt, berichtet, dass er seinHab und Gut verloren hat. Sein Haus war nicht versichert.

Treibgut vor Häusern in Sinzig. Die Flut riss auf ihrem Weg alles mit und beschädigte Häuser. Viele Menschen verloren ihr Zuhause.
Treibgut vor Häusern in Sinzig. Die Flut riss auf ihrem Weg alles mit und beschädigte Häuser. Viele Menschen verloren ihr Zuhause.
Foto: Christian Koniecki

Es ist etwa 2.30 Uhr in der Nacht, als die Flutopfer das unheimliche Geräusch von umgeknickten Bäumen wahrnehmen und hören, wie die rauschende Ahr immer näherkommt. Dann folgt die Aufforderung der Einsatzkräfte, das Haus zu verlassen.

Von Mittwoch, 17 Uhr, bis weit in den Donnerstag hinein war Winfried Kraatz von der Freiwilligen Feuerwehr Sinzig in der Notunterkunft im Helenensaal für die Flutopfer da.  Foto: Judith Schumacher
Von Mittwoch, 17 Uhr, bis weit in den Donnerstag hinein war Winfried Kraatz von der Freiwilligen Feuerwehr Sinzig in der Notunterkunft im Helenensaal für die Flutopfer da.
Foto: Judith Schumacher

Rund 2000 Menschen müssen wegen der Fluten evakuiert werden. Bis zum 350 Personen sind obdachlos. Für sie sucht die Stadt nun dringend neue Unterkünfte – auch in benachbarten Gemeinden. Darüber hinaus gelten aber auch am Donnerstagmittag noch zahlreiche Personen als vermisst. So versucht zum Beispiel Michael Griehl, Vorsitzender des MGV Cäcilia Sinzig, verzweifelt, seine Ex-Frau zu erreichen. Vergeblich. Sie wohnt in der Straße „In den Ahrwiesen“, und es könnte sein, dass sie und die Tochter noch im Haus sind. Kein Einzelfall an diesem Donnerstag in Sinzig. Deshalb wird es auch Priorität sein, sobald sich das Wasser zurückgezogen hat, alle Häuser sukzessive nach eingeschlossenen beziehungsweise verunfallten Personen abzusuchen, wie der Sinziger Erste Beigeordnete Hans-Werner Adams der RZ sagt.

Seit Mittwochabend sind 130 Einsatzkräfte der Feuerwehr Sinzig im Dauereinsatz, der auch heute weiter andauert. Unterstützt werden sie mit Booten von ihren Kameraden aus Remagen und der Feuerwehr Rhein-Hunsrück. Erst am Nachmittag werden sie abgelöst von Unwetterzügen der Freiwilligen Feuerwehr aus der Pfalz. „Die Leute müssen ja auch irgendwann mal schlafen“, so Adams.

Und schließlich ist es eine reine Mammutaufgabe, die die Einsatzkräfte zu bewältigen haben. So wurden in Sinzig unter anderem rund 100 eingeschlossene Personen gerettet und zwei Seniorenheime evakuiert. Im Lebenshilfehaus werden noch am Donnerstagnachmittag eingeschlossene Menschen geborgen. Eines der Hauptaugenmerke der Einsatzkräfte liegt vor allem auf dem Umspannwerk, damit es wieder Strom gibt, und auf der Wasserversorgung, die wieder hergestellt werden muss. Nicht zu retten war die Kläranlage, die vollgelaufen ist, auch Regenbogen- und Barbarossaschule sind geflutet ebenso wie der Ganztagsbereich des Rhein-Gymnasiums. Die für mehr als 1 Million Euro neu gebaute Mensa im Dreifaltigkeitsweg ist Bürgermeister Andreas Geron zufolge komplett zerstört worden. Insgesamt zählt die Stadt zudem 400 vollgelaufene Keller.

Überall Wasser – und kein Durchkommen. Die Kölner Straße ist zum Beispiel schon ab dem Kreisel in Sinzig abgesperrt, die Brücke über die Ahr nicht mehr befahrbar, weil sie einsturzgefährdet ist. Die L 82 ist ebenfalls nicht mehr passierbar, und auch die Ahrbrücke an der B 9 zwischen Bad Breisig und Sinzig ist in beiden Richtungen voll gesperrt, wie der Landesbetrieb Mobilität (LBM) informiert. Dort sind die Unterbauten der Brücke unterspült worden. „Umleitungskonzepte werden derzeit erarbeitet“, heißt es in einer Pressemitteilung des LBM am Donnerstagvormittag.

Die Stadt Sinzig hatte zwar schon am späten Mittwochnachmittag begonnen, Notunterkünfte einzurichten, aber sie reichen nicht. Am Donnerstagvormittag ist man immer noch auf der Suche nach weiteren Räumen für Evakuierte und vor allem auch nach Toiletten, wie der Erste Beigeordnete berichtet. Während die Stadt Remagen die Rheinhalle zur Verfügung gestellt hat, kommen die Hochwasseropfer in Sinzig in der Grundschule in Bad Bodendorf unter und im Helenensaal. Dort sitzen an diesem Donnerstagmorgen rund 200 Menschen auf Stühlen an den Tischen. Müde. Aber an Schlaf war in dieser Katastrophennacht nicht zu denken. Auch Winfried Kraatz von der Freiwilligen Feuerwehr Sinzig, der Personen dort betreut, ist seit dem späten Mittwochnachmittag im Einsatz. Thorsten und Silvana Monreal befinden sich unter den Personen, die im Helenensaal in Sicherheit gebracht worden sind. Mittlerweile haben sie erfahren, dass ihre Wohnung in der Kölner Straße, die sich im ersten Stock befindet, wohl hochwasserfrei ist. Von Glück mögen sie aber nicht sprechen. „Glück gehabt? Es geht doch noch weiter. Wer weiß, was da noch kommt“, sagt Thorsten Monreal.

Ein weiteres Problem ist darüber hinaus, dass es zwischen den einzelnen Notunterkünften keine telefonische Verbindung gibt. Die Listen werden handschriftlich geführt. All das erschwert die Suche nach Vermissten. Das Deutsche Rote Kreuz hat in den Notunterkünften die Betreuung mit Medikamenten übernommen. Wer Medikamente benötige, solle sich an die Barbarossa-Apotheke wenden, so Adams.⋌ith/sm

Wer weiß, was da noch kommt.

Der Sinziger Thorsten Monreal