Archivierter Artikel vom 14.07.2021, 19:34 Uhr
Kreis Ahrweiler

Hochwasser im Kreis Ahrweiler: Die „Sintflut“ kam am frühen Abend – Landrat ruft den Katastrophenfall aus [Update]

Der erwartete Starkregen kam zwar erst am Abend, doch schon den ganzen Dienstag und Mittwoch bereitete man sich an Rhein, Ahr und in der Eifel auf die von den Meteorologen angekündigte „Sintflut“ vor. Kommunen, Feuerwehren, Campingplatzbetreiber und viele Hauseigentümer betrieben Vorsorge, um die Folgen von drohenden Überschwemmungen möglichst gering zu halten. Doch mancherorts kam es dann offenbar doch schlimmer, als erwartet.

In die Ortschaft Müsch brachen schon am frühen Abend die braunen Fluten ein.

Werner Dreschers

„Land unter“ in Müsch.

Werner Dreschers

Müsch am frühen Mittwochabend

Werner Dreschers

Viele Straßen in den Verbandsgemeinden Adenau und Altenahr waren schon am späten Mittwochnachmittag unpassierbar.

Werner Dreschers

In Mayschoss wurden am Nachmittag die Geländer der neuen Ahrbrücke umgeklappt.

Vollrath

Die L82 bei Gelsdorf in der Grafschaft wurde nach Überflutungen gesperrt.

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Schon am späten Mittwochnachmittag mussten in Gelsdorf erste Keller leergepumpt werden.

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Auch in Grafschaft-Esch: Straßen unpassierbar.

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Wie hier in Esch versuchten sich überall im Kreis die Anwohner, vor den Fluten zu schützen.

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Die Birresdorfer Straße in Remagen am Mittwochnachmittag.

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Der Unkelbach trat auch am Sportplatz über die Ufer.

Vollrath

Gegen 18 Uhr kamen dann die ersten dramatischeren Meldungen aus vielen Teilen des Kreisgebietes: In Adenau und rund um die Hocheifelgemeinde waren zahlreiche Straßen überflutet und teilweise mit Schlamm und Geröll bedeckt. Die meist gelblich braunen Wassermassen suchten sich neue Wege, auch in Keller, Garagen und Häuser. Viele der kleineren Ortschaften wie Müsch oder Wirft waren zum Teil überflutet und nicht mehr erreichbar. Mehrere Feuerwehreinheiten aus dem gesamten Kreisgebiet wurden in Richtung Adenau beordert. Auf den Straßen waren viele Menschen unterwegs, die offenbar einen noch offenen Weg nach Hause suchten.

Auch in Remagens Ortsteil Unkelbach verwandelten sich einige Straßen, wie schon zwei Wochen zuvor, in einen reißenden Bach. Ebenso in Teilen der Grafschaft hieß es am frühen Abend „Land unter“. Nach dem über viele Stunden anhaltenden Dauerregen verwandelten sich so manche Fahrbahnen in reißende Bäche. Überall mussten die Feuerwehren zur Hilfe ausrücken.

Am frühen Abend musste dann die Autobahn 61 kurz vor dem Autobahndreieck Bad Neuenahr-Ahrweiler in Richtung Süden voll gesperrt werden. Dort war ein Teil der Fahrbahn unterspült worden. Ein Sachverständiger befürchtete laut Polizeiangaben das Abrutschen der Fahrbahn.

Gegen 17.40 Uhr hatte der Kreis die Alarmstufe 4 ausgerufen und der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Kreises, Michael Zimmermann, hatte die die überörtliche Einsatzleitung übernommen. An der Ahr sowie ihren kleineren und mittleren Zuflüssen war die Gefahr von Katastrophalen Überflutungen sehr groß. Gegen 20 Uhr lag der Pegelstand der Ahr bei Altenahr schon bei 5,09 Meter und damit höher als im Jahr 2016. Im Bereich der Campinganlage „Stahlhütte“ in Dorsel (Verbandsgemeinde Adenau) und weiteren Anlagen entlang der Ahr mussten Personen von Campingwagendächern gerettet werden. Dafür waren Strömungsretter der DLRG Andernach sowie eine Tauchergruppe Lahnstein/Koblenz im Einsatz. Der Einsatz von Hubschraubern war wetterbedingt nicht möglich. Innenminister Roger Lewentz und Landrat Jürgen Pföhler machten sich am Abend im Krisenstab der Kreisverwaltung ein Bild der Lage. AM Abend fiel dann noch in Teilen der Kreisstadt der Strom aus.

In Sinzig wurde noch am Abend eine Krisenkonferenz im Rathaus mit Kreisfeuerwehrinspekteur Michael Zimmermann, Mitarbeitern der Kläranlage, den Energieversorgern, der Kreisverwaltung und der ADD einberaumt. Baustellen wurden geräumt, Sandsäcke könnten knapp werden. Die Anwohner wurden über Lautsprecherdurchsagen informiert: Die Feuerwehr bittet bei allgemeinen Fragen nicht den Notruf zu wählen, sondern wenn möglich persönlich in der Feuerwehrzentrale Sinzig, Friedrich-Ebert-Straße 13 vorbeizukommen, um das System nicht zu überlasten.

Die dramatische Lage hatte sich schon am Nachmittag angedeutet. Großer Frust herrschte bei den Campingplatzbetreibern an der Ahr. Arthur und Jolanta Schulz von Camping Altenahr waren froh, nach der langen Corona-Pause ihren Platz endlich öffnen zu dürfen. Am Dienstag mussten sie schon wieder damit beginnen, die unmittelbar an der Ahr abgestellten Campingwagen in Sicherheit zu bringen. Dauer- und Saisoncamper wurden informiert, ihre Fahrzeuge umzuparken. Die Schulzes wissen aus Erfahrung, wie schnell die Ahr ihr Bett verlassen kann und den Platz unter Wasser setzt. Beim jüngsten großen Starkregenereignis 2016 mussten Camper sogar mit dem Hubschrauber aus lebensgefährlichen Situationen befreit werden.

Der weiterhin steigende Pegel der Ahr drohte am Abend möglicherweise dramatischen Folgen für das ganze Ahrtal anzunehmen. Denn auch wenn der Dauerregen endlich aufhört, muss das Regenwasser von der Oberahr noch durch Altenahr und weiter abwärts bis zur Mündung bei Remagen-Kripp. Und weil auch das Bett des Rheins randvoll ist, kann das Wasser der Ahr nicht so abfließen, wie es sich Anlieger wünschen.

In Mayschoß hatte Bürgermeister Hubert Kunz den Wohnmobilhafen räumen lassen, und an der neuen Brücke über die Ahr zum Sportplatz wurden erstmals die umklappbaren Geländer nach innen auf den Brückenboden geklappt, damit sich Bäume und anderes Treibgut nicht in der Brücke verfangen und so für ein zusätzliches Aufstauen der Ahr sorgen. ua/ckk/ith

[Update, 23.52 Uhr:] Zur aktuellen Lage im Kreis Ahrweiler, an der Ahr sowie ihren kleineren und mittleren Zuflüssen teilt die Kreisverwaltung Ahrweiler mit (Stand 14. Juli, 23.15 Uhr):

· Landrat Dr. Jürgen Pföhler hat Alarmstufe 5 und damit den Katastrophenfall ausgerufen. Dies ermöglicht die Unterstützung durch die Bundeswehr. Entsprechende Kräfte wurden angefordert und sind im Zulauf.

· Derzeit werden in den Städten Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig sowie im Stadtteil Bad Bodendorf alle Gebäude im Umkreis von 50 Metern rechts und links der Ahr evakuiert. Derzeit werden Notunterkünfte eingerichtet.

· Landrat Dr. Pföhler appelliert an die Bevölkerung: „Bitte bleiben Sie, wenn möglich, zu Hause und begeben Sie sich gegebenenfalls in höher gelegene Stockwerke. Vermeiden Sie unnötige Fahrten mit dem Auto. Die Lage ist sehr ernst. Es besteht Lebensgefahr!“

· Sämtliche Brücken im Stadtgebiet Bad Neuenahr-Ahrweiler werden derzeit gesperrt und dürfen unter keinen Umständen betreten oder befahren werden.

· Hintergrund ist, dass im Bereich der Verbandsgemeinden Adenau und Altenahr Häuser von den Wassermassen zerstört und abgehende größere Trümmerteile sowie Bäume von der Ahr mitgerissen wurden.

· Alle kreiseigenen Schulen bleiben am Donnerstag, 15. Juli, geschlossen.

· Der Bereitstellungsraum für zusätzliche Unterstützungskräfte wurde in die ehemalige Ahrtalkaserne in Bad Neuenahr verlegt. Feuerwehr- und Rettungskräfte sind auf beiden Seiten der Ahr positioniert.

· Der Notruf ist derzeit überlastet. Bitte rufen Sie den Notruf nur in dringenden Fällen an, beispielsweise wenn Menschen in Gefahr sind. Der Schwerpunkt der Einsätze liegt in der Rettung von Menschenleben.