Archivierter Artikel vom 02.08.2021, 20:31 Uhr
Bad Neuenahr

Eine saubere Sache: Wie zwei Krefelder in der Kreisstadt helfen

Viele Aktionen und Ideen im Kampf gegen die Katastrophe entwickeln sich spontan aus dem Blick auf die kritische Situation und in den Köpfen einzelner. So auch die Idee, den Menschen in Bad Neuenahr mit einem fahrbaren Waschsalon zu helfen. Denn in weiten Teilen der Stadt gab und gibt es keinen Strom, der eine Waschmaschine antreiben kann. Die Notstromaggregate schaffen das nicht, werden zudem für Licht und Bautrockner gebraucht. Und schließlich: Die meisten Waschmaschinen stehen im Keller, und selbst in den höher liegenden Straßen hat die Ahrbrühe zumindest diesen und damit die Maschinen auf jeden Fall erreicht. Beim Räumen sind die meisten Geräte als defekt eingestuft und rausgeworfen worden.

Von Frank Bugge
Cornelia von der Hocht (links) und Ehemann Stefan hatten die Idee und haben den fahrbaren Waschsalon gebaut und aus Krefeld in die Sebastianstraße nach Bad Neuenahr gebracht. Helferin Julia Dillenburger, die mit anderen Freiwilligen den Betrieb übernehmen wird, erhält noch Instruktionen.
Cornelia von der Hocht (links) und Ehemann Stefan hatten die Idee und haben den fahrbaren Waschsalon gebaut und aus Krefeld in die Sebastianstraße nach Bad Neuenahr gebracht. Helferin Julia Dillenburger, die mit anderen Freiwilligen den Betrieb übernehmen wird, erhält noch Instruktionen.
Foto: Frank Bugge

Stefan von der Hocht und Ehefrau Cornelia, die von der Flut getroffene Verwandtschaft in Bad Neuenahr hat, reisten aus Krefeld zum Helfen an. Stefan von der Hocht, der einen Malerbetrieb hat, erkannte schnell, was sogar perspektivisch fehlen wird: eine Möglichkeit für die Flutopfer, ihre verdreckte Wäsche zu waschen. Der Handwerker weiß sich pragmatisch zu helfen, wie im Gespräch deutlich wird. Er ist sehr gut vernetzt. Er besorgte ein „dickes“ 20-KV-Stromaggregat, das neben der Versorgung der Verwandtschaft auch fürs Allgemeinwohl eingesetzt werden kann.

Der Malermeister und Betriebswirt nahm seine Kollegen, Handwerker und Geschäftsleute in die Pflicht. Für ein gutes Dutzend der Leute und Geschäfte, die auf der Sponsorenliste genannt werden, war es kein Thema, mit Rat und Tat sowie technischer Ausstattung den Flutopfern an der Ahr zu helfen. In einem großen Pkw-Anhänger wurden auf zwei Etagen jeweils drei Waschmaschinen und drei Trockner montiert. Dazu kam ein Container fürs saubere Waschwasser. Elektro-, Wasser- und Abwasseranschlüsse wurden verlegt. 250 Liter Waschmittel wurden gespendet, und dazu kam noch ein spezielles medizinisches OP-Waschmittel zur Desinfektion. Drei Tage nach der ersten Idee stand der fahrbare Waschsalon nahe der Ecke Sebastianstraße/Weinbergstraße.

40 Ladungen am Tag

Von 10 bis 19 Uhr an allen Tagen in der Woche können Bürger hier eine große Tüte voll Wäsche für eine übliche Waschmaschinenladung bringen. Der große Schlamm und dicker Schmutz müssen vorher abgewaschen werden. Denn die Maschinen laufen nur 38 Minuten auf „Schnellwäsche“. So kann der Krefelder Waschsalon 40 Ladungen am Tag schaffen. Zudem besteht die Möglichkeit, alles durch den Trockner zu schicken. „Der Gang dauert 20 Minuten. Die Wäsche ist dann noch nicht ganz trocken und muss daheim noch aufgehangen werden“, erläutert Cornelia von der Hocht. Ist die Maschine durch, werden die Bürger über Handy informiert und können die saubere Wäsche abholen.

Der Malermeister tritt von sich aus der oft geäußerten Kritik an den offiziellen Hilfskräften entgegen. In der vergangenen Woche habe die Versorgung der Waschstation mit Diesel und Frischwasser durch die Bundeswehr oder das THW immer geklappt, lobt er.

Auch der Austausch ist wichtig

Ehefrau Cornelia hat in einem leeren Ladengeschäft nebenan zusätzlich noch einen Hilfs- und Versorgungspunkt aufgebaut. Hier gibt es Wasser, Lebensmittel und Ausrüstung. „Das ist ein Meeting-Point geworden. Der bietet auch für viele die Gelegenheit, sich mit anderen auszutauschen. Vielen tut es schon gut, wenn ich ihnen zuhöre.“ Was die Krefelder Helfer überaus ärgert, ist der Versuch von „Querdenkern“, diese Eigeninitiative als Beispiel für Staatsversagen zu instrumentalisieren. Entsprechenden Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken ist Cornelia mithilfe der Familie entgegengetreten.

Cornelia und Stefan von der Hocht müssen zurück ins Krefelder Geschäft. Sie haben den Betrieb des Waschsalons in die Hände von anderen Freiwilligen gegeben. Da werden noch Helfer gesucht, um die täglichen drei Schichten zu je drei Stunden zu besetzen. Einfach zur Diensteinteilung an Ort und Stelle melden.

Frank Bugge