Archivierter Artikel vom 30.07.2021, 19:35 Uhr
Kreis Ahrweiler

Das Krankenhaus Maria Hilf könnte bald wieder stationäre Patienten versorgen: Ein Statusbericht

Das Krankenhaus Maria Hilf könnte nach einem aktuellen Statusbericht bald wieder stationäre Patienten versorgen. „Wir setzen all unsere Energie daran, das Klinikum so schnell wie möglich wieder vollständig zu öffnen“, sagt Dr. Josef Spanier, Ärztlicher Direktor des Marienhaus-Klinikums im Kreis Ahrweiler, zu dem das Krankenhaus Maria Hilf in Bad Neuenahr-Ahrweiler gehört.

Foto: Cornelia Bachem

Nachdem durch die Hochwasserkatastrophe in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli unter anderem die Wasserversorgung ausfiel, mussten alle stationären Patienten des Krankenhauses in umliegende Kliniken gebracht werden. Zum Glück erreichte das Hochwasser nur auf der untersten Ebene ein Wirtschaftslager, ein Verwaltungsgebäude und den Mitarbeiterkindergarten. Der Schlamm stand lediglich wenige Zentimeter hoch und konnte relativ rasch beseitigt werden.

„Patientennahe Bereiche waren zu keiner Zeit betroffen. Notfälle und ambulante Fälle konnten wir durchgängig behandeln“, ist Spanier erleichtert. Die Bereitschaftsdienstzentrale im Haus, die die Öffnungszeiten auf tagsüber erweitert hat, die Radiologie mit Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen, die Ambulanzen, MVZs oder das Labor – viele Abteilungen waren schon wenige Tage nach dem Unglück wieder im Einsatz.

Dank intensiver Bemühungen der Einsatzkräfte von THW und Bundeswehr und in enger Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und der Kommune ist inzwischen auch die Frischwasserzufuhr provisorisch wieder hergestellt. „Wir müssen noch die Ergebnisse der Wasserproben und die Freigabe des Gesundheitsamts abwarten“, so Krankenhaushygieniker Georg Henk. Erste Tests waren alle unauffällig, aber wenn Wasserleitungen länger stillstehen, besteht immer die Möglichkeit, dass sich Keime bilden. „Das müssen wir natürlich für einen hygienisch so sensiblen Bereich wie ein Krankenhaus erst zu 100 Prozent ausschließen.“ Mit einem unbedenklichen Chlorzusatz, wie viele ihn aus manchen Urlaubsregionen kennen, und mehreren Spülprogrammen sehen sich Henk und sein Team gut gegen etwaige Verunreinigungen im Wasser gewappnet.

Foto: Cornelia Bachem

„Als einziges Akutkrankenhaus der Stadt müssen wir jetzt so schnell wie möglich wieder für die Menschen in Bad Neuenahr da sein und ihnen wohnortnah eine klinische Versorgung ermöglichen“, sagt Marienhaus-Geschäftsführer Dr. Andreas Tecklenburg. Das geht nur mit einem funktionierenden Wassersystem. Dafür hat das THW eine Trinkwasserleitung von der nördlichen Flussseite ans andere Ufer errichtet. Hier durchläuft das Wasser, das eigentlich schon für die Nutzung aufbereitet ist, noch einmal eine hochmoderne Aufbereitungsanlage des THW. In übergroßen sogenannten Kissen wird es gespeichert und dann über einen Hydranten in das Leitungssystem der Klinik eingespeist. Sicherheit steht bei Trinkwasser immer an oberster Stelle. Daher nimmt eine Laborantin viermal in der Stunde eine Probe aus den Wasserkissen und untersucht sie im THW-Labor an Ort und Stelle.

Wo Wasser hineinfließt, muss es auch wieder abfließen können. Kanalisation, Sammler, Klärwerk sind zerstört. Glücklicherweise sind die Abwasserleitungen vom Haus zur Straße unbeschädigt. Abseits der Klinik errichtet das THW ein großes Sammelbecken, das das Klinikabwasser bis zum Abtransport in Klärwerke aufnimmt.

Technikverantwortliche der Klinik haben alles dafür getan, dass das Haus schnellstmöglich wieder einsatzbereit war: Die externe Stromversorgung ist inzwischen weitestgehend stabil. Durch Fernwärme haben die Ahrtalwerke die Klinik zeitnah mit Wärme versorgt. Für die Internetleitung installierte das Haus innerhalb weniger Tage zusammen mit dem DRK einen eigenen Funkmast auf dem Klinikdach, der eine Verbindung bis zu einem etwa sechs Kilometer entfernten Mast nahe dem Haribo-Gelände aufbaut. Besonderer Vorteil für die Menschen der Region: Das bringt nicht nur die Klinik online, sondern ermöglicht über ein Netz an weiteren Masten auch Internethotspots in Orten, die sonst gar keine Verbindungsmöglichkeiten haben. Experten der Marienhaus-Gruppe arbeiten intensiv daran, dass im Haus alle IT-Funktionen wieder komplett fehlerfrei laufen. Und während ans Telefonieren einige Tage gar nicht zu denken war, kommt es auch hier mittlerweile zu immer weniger Problemen. „Es ist unglaublich, was die Frauen und Männer von THW und Bundeswehr und auch unsere Mitarbeitenden hier auf die Beine stellen, und das unter den erschwerten Corona-Bedingungen“, ist Dr. Spanier beeindruckt und dankbar für die große Einsatzbereitschaft.

Foto: Krankenhaus

Rund 100 Klinikmitarbeitende sind persönlich vom Hochwasser betroffen, zum Teil sehr schwer. „Manche Kolleginnen und Kollegen stehen wie so viele buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz“, ist Cornelia Bachem, Mitarbeiterin im Klinikdirektorium, erschüttert: „Wir trauern um die vielen Menschen, die im Hochwasser ihr Leben verloren haben, und sind so glücklich, dass niemand aus der Belegschaft zu den Todesopfern zählt.“ Der Zusammenhalt der Menschen in der Krise ist enorm: „Selbst Mitarbeitende, die in ihrem Heim gegen Hochwasserschäden kämpfen und die die Möglichkeit hätten, sich freistellen zu lassen, kommen zur Arbeit, weil sie die Kranken und die Kolleginnen und Kollegen nicht allein lassen wollen“, ist der Ärztliche Direktor stolz auf sein Team. Das Haus versorgt auch die Bevölkerung mit Wasser und Lebensmitteln, sortiert und verteilt Sach- und Kleiderspenden. Auch über den Kreis Ahrweiler hinaus ist die Solidarität groß: Bei einer Hilfsaktion, in der innerhalb des Unternehmens zu Spenden aufgerufen wurde, kamen in nur wenigen Tagen weit mehr als 100.000 Euro zusammen.

Die neue Behelfsbrücke an der Landgrafenstraße wird die Anfahrt ins Klinikum von der nördlichen Ahrseite aus noch ein Stück einfacher machen. „Sobald alle provisorischen Systeme abschließend getestet sind und die Freigaben der Behörden vorliegen, können wir die ersten stationären Patienten behandeln“, so Georg Henk. Endoskopische Untersuchungen und Eingriffe wie Magen- oder Darmspiegelungen, Behandlungen von Herzerkrankungen im Herzkatheterlabor, Geburten und Operationen aller Art sind dann wieder möglich.

Für eine bestmögliche Versorgung der Menschen im Ahrtal in der Krise und darüber hinaus stellt die Klinik derzeit verstärkt medizinisches, therapeutisches und vor allem pflegerisches Personal ein. „Wir hoffen, dass dadurch auch diejenigen, deren berufliche Zukunft im Gesundheitswesen durch die Katastrophe unsicher geworden ist, in unserem Haus eine Perspektive finden“, so der Ärztliche Direktor. Ebenso bietet das Haus niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten Hilfe an: „Wer in der Flut seine Praxis verloren hat, kann sich melden“, betont Geschäftsführer Dr. Tecklenburg. Das Klinikum könne Räume in Adenau oder Bad Neuenahr zur Verfügung stellen.

„In der Regel gilt bei medizinischen Behandlungen der Grundsatz: je eher, desto besser“, ist Dr. Spanier froh, dass das Krankenhaus Maria Hilf bald die Menschen der Katastrophenregion wieder stationär aufnehmen kann. Um sofort handlungsfähig zu sein, sobald es grünes Licht gibt, ist ab kommenden Montag das gesamte verfügbare Klinikpersonal wieder regulär im Dienst, denn: „Niemand soll gerade in diesen Zeiten nur einen Tag länger als nötig auf medizinische Versorgung warten müssen.“