Archivierter Artikel vom 01.08.2021, 19:00 Uhr
Ahrtal

Dank Privatinitiative: Trinkwasser marsch in Marienthal, Dernau und Rech

Eigentlich wollte Guido Henseler mit einem 50.000-Euro-Privatkredit mit seiner Familie für ein halbes Jahr auswandern. Dann kam Corona und dann die Flut. Kurzerhand entschloss sich der Sinziger, mit dem Geld eine Trinkwasseraufbereitungsanlage für die Gemeinden Dernau, Marienthal und Rech vorzufinanzieren.

Von Sandra Fischer
Guido Henseler (links) und Zin Assaidi von der holländischen Spezialfirma MTD schalten UV-Filter in die Wasserbehandlung ein und setzen dem Wasser zusätzlich Chlor zu.
Guido Henseler (links) und Zin Assaidi von der holländischen Spezialfirma MTD schalten UV-Filter in die Wasserbehandlung ein und setzen dem Wasser zusätzlich Chlor zu.
Foto: Sandra Fischer

„Man kann ohne Strom auskommen, aber nicht ohne Wasser“, begründet Henseler sein Engagement. Er selbst ist von der Hochwasserkatastrophe nicht betroffen, hat aber Onkel und Tante in Dernau, die wie der Rest der in Mitleidenschaft gezogenen Bevölkerung seit mehr als zwei Wochen kein Wasser haben. „In einer solchen Krise ist es für mich selbstverständlich, meinen Beitrag zu leisten, sei es finanziell oder fachlich.“ Und in der Wasserversorgung kennt sich der Diplom-Betriebswirt, der für einen Sanitärdienstleister arbeitet, aus. Ähnliche Anlagen wie die in Dernau hat er beispielsweise für Veranstaltungen vermietet, allerdings noch nie in einem Krisengebiet. Eine qualitativ hochwertige Trinkwasserversorgung in solchen Gebieten zu leisten, sei „fast unmöglich“, aber Henseler war von Anfang an zuversichtlich, dass in Dernau, Marienthal und Rech bald Wasser in trinkbarer Qualität aus dem Hahn fließen wird. Und er sollte recht behalten, doch der Reihe nach.

Henseler am Dernauer Tiefbrunnen, auf dem nun alle Hoffnungen liegen.
Henseler am Dernauer Tiefbrunnen, auf dem nun alle Hoffnungen liegen.
Foto: Sandra Fischer

Nachdem sich zwei der drei bekanntesten Tiefbrunnen in Dernau als kontaminiert herausgestellt hatten, lagen alle Hoffnungen auf dem Dritten, der allerdings seit etwa 30 Jahren nicht mehr benutzt wurde. Henseler ließ die alte, verrostete Pumpe entfernen, setzte eine neue ein und beförderte das Wasser zutage. Dafür bestellte er bei einer Fachfirma in den Niederlanden Material, das von Spezialkräften am Ort zusammengesetzt wurde. Mit vom THW zur Verfügung gestelltem Strom wird das Wasser nun aus dem Brunnen durch einen UV-Filter in ein blaues „Kissen“ gepumpt, das mit einem Volumen von 100.000 Litern als Zwischenspeicher dient. Zwei von diesen Kissen hat Henseler erstanden. Da der Tiefbrunnen durch die Flut kontaminiertes Grundwasser gezogen hatte, fanden sich in ersten Wasserproben des Gesundheitsamtes beispielsweise E-Coli-Bakterien. Das Brunnenwasser wurde deshalb zusätzlich zu den zwei eingesetzten UV-Filtern mit Chlor behandelt. „In Krisengebieten darf die Chlorkonzentration etwas höher sein als normal“, weiß Henseler, „da können es auch schon mal 0,6 Milligramm pro Liter Wasser sein“.

Die Crew der Verbandsgemeinde-Werke Ransbach-Baumbach mit der Hochleistungspumpe, die sie kostenfrei zur Verfügung stellen, um den Ahr-Gemeinden zu helfen.
Die Crew der Verbandsgemeinde-Werke Ransbach-Baumbach mit der Hochleistungspumpe, die sie kostenfrei zur Verfügung stellen, um den Ahr-Gemeinden zu helfen.
Foto: Sandra Fischer

In einem zweiten Versuch wurde das nun chlorierte und UV-bestrahlte Wasser wieder vom Gesundheitsamt getestet – und endlich für unbedenklich befunden. Nach einer Freigabe vom zuständigen Wasserversorger, den Stadtwerken Bonn, mussten Henseler und seine Crew nur noch auf den alles entscheidenden Knopf drücken, und seitdem pumpt die Industriepumpe, die die Verbandsgemeindewerke Ransbach-Baumbach und Höhr-Grenzhausen kostenfrei zur Verfügung gestellt haben, zehn Kubikmeter Wasser pro Stunde in den Hochwasserspeicher, der die drei Gemeinden speist. Eine Million Liter Fassvermögen hat der Speicher, der zurzeit mit Wasserlieferungen aus Nachbargemeinden gefüllt wird.

Dass ein Privatmann einfach so 50.000 Euro in die Hand nimmt, um sich für die Allgemeinheit einzusetzen, ist sicher nicht der Normalfall. Doch Henseler ist sich auch im Hinblick auf die Seuchengefahr der Dringlichkeit einer schnellen Trinkwasserversorgung bewusst. Berichte von Durchfallerkrankungen bei Menschen, die in den Fluten schwimmen mussten, seien ein Weckruf für ihn gewesen: „Wir müssen was machen an der Wasserversorgung.“ Um seine Vorfinanzierung wieder zurückzubekommen, hat er eine Crowdfunding-Aktion gestartet ( www.betterplace.me/trinkwasser-fuer-dernau-nach-hochwasserkatastrophe), außerdem haben die Rotarierer Bad Neuenahr bereits eine Großspende von 20.000 Euro geleistet. Sollten durch Crowdfunding und Spenden mehr als die vorgestreckten 50.000 Euro zusammenkommen, würde Guido Henseler das System gern auf weitere Ortschaften ausweiten, da es absehbar sei, dass das stationäre Wassernetz im zerstörten Ahrtal auf Monate nicht funktionsfähig sein wird, so der Sinziger.

Auch wenn das Gesundheitsamt grünes Licht gegeben hat und die Hähne endlich wieder das ersehnte Nass in Trinkwasserqualität spenden, rät Henseler jedoch wegen des ungewissen Zustands der Leitungen, das Wasser auch in den nächsten paar Wochen weiter abzukochen. „Wir lassen die Trinkwasserqualität auch nach der Freigabe des Gesundheitsamtes mehrmals wöchentlich durch den Kooperationspartner Deutsches Rotes Kreuz, Landesverband Hessen, überprüfen“, betont Henseler.

Und auch wenn es mit dem Auswandern erst mal nicht geklappt hat, so wälzen die Kinder des dreifachen Familienvaters fleißig Prospekte: „Ein Urlaub sollte noch drin sein“, bilanziert Henseler, nachdem sein Projekt läuft – und damit auch das Trinkwasser aus den Hähnen der Ahrgemeinden. Sandra Fischer

Der Förderverein Rotary Club Bad Neuenahr-Ahrweiler hat ein Spendenkonto angelegt: Volksbank RheinAhrEifel IBAN: DE44 5776 1591 0029 3000 00, Kennwort „Trink-wasser“.