Archivierter Artikel vom 29.07.2021, 21:06 Uhr
Bad Neuenahr-Ahrweiler

Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler im RZ-Interview: Guido Orthen über Frust und Aufbruchstimmung

Eine Stadt mit zwei Gesichtern, das war einmal Bad Neuenahr-Ahrweiler. Hier der mondäne Badeort mit Weltruf Bad Neuenahr, dort das historische Ahrweiler mit seinem Stadtmauerring aus dem Mittelalter, die Metropole des Ahrrotweins. Heute ist Bad Neuenahr-Ahrweiler ein gigantischer Trümmerhaufen. In fast allen Stadtteilen hat der Tsunami vom 14. auf den 15. Juli gewütet und furchtbare Wunden gerissen. Wird Bad Neuenahr-Ahrweiler jemals wieder das, was es einmal war? Die Rhein-Zeitung sprach mit Bürgermeister Guido Orthen.

Von Uli Adams / Beate Au

Bad Neuenahr-Ahrweiler: Für Glanz und Gloria einer renommierten und weltbekannten Badestadt stand immer das Ensemble von Spielbank und Kurhaussaal und seinen barocken Nebengebäuden. Nach der Flutwelle lag die angrenzende Kurgartenbrücke in der Ahr.
Bad Neuenahr-Ahrweiler: Für Glanz und Gloria einer renommierten und weltbekannten Badestadt stand immer das Ensemble von Spielbank und Kurhaussaal und seinen barocken Nebengebäuden. Nach der Flutwelle lag die angrenzende Kurgartenbrücke in der Ahr.
Foto: Christian Koniecki

Wie haben Sie persönlich und als Bürgermeister einer Stadt, die plötzlich in Schutt und Asche liegt, die vergangenen Wochen erlebt?

Die Nacht selbst war für die meisten Menschen der Horror, weil sie um ihr Leben gerungen haben. Menschen haben Menschen sterben sehen und hören. Es gab Hilfeschreie, auch in der Feuerwehreinsatzzentrale. Menschen, denen man bei dem steigenden Hochwasser leider nach menschlichem Ermessen nicht mehr helfen konnte. Das waren Dramen und Szenen wie im Krieg, die sich da abgespielt haben. Die Bilder, die wir am Tag danach gesehen haben, waren nicht besser. Die ersten Tage waren geprägt von Lebensrettung, bis man zum Bergen übergehen konnte. Dass nicht nur unmittelbar Betroffene dabei traumatisiert worden sind, sondern auch diejenigen, die anschließend die Bilder gesehen haben, braucht man nicht mehr näher auszuführen. Dass die meisten dann sofort angefangen haben, an die Arbeit zu gehen, zu räumen, war ein gutes Signal. Wir haben dann versucht, von Anfang an diese Eindrücke, die durch die Zerstörung und durch den Müll hervorgerufen werden, aus den Augen zu bringen. Sowohl beim Aufräumen als auch beim Wegräumen haben wir eine große Hilfsbereitschaft erfahren. Ohne die wäre es niemals gegangen.

Sie sind qua Amt der oberste Feuerwehrchef. Haben Sie das Gefühl, dass Sie früh genug informiert wurden?

Ich glaube, dass bestimmte Warnsysteme nicht hinreichend waren. Die Diskussion wird auf höherer Ebene zu führen sein, denn wir sind keine Meteorologen. Wir haben keine Vorhersagen zu machen. Die Bürger und unsere Rettungskräfte sind darauf angewiesen, frühzeitig über das Maß eines Ereignisses informiert zu werden. Aber ich glaube, dass mit diesem Ereignis alle Frühwarnsysteme völlig überfordert waren. Wir reden hier nicht über ein Hochwasser, sondern über eine Jahrtausendflut.

Anzug und weißes Hemd lässt der Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler, Guido Orthen, hier mit Mitarbeitern eines Infostandes vor dem Rathaus, mittlerweile im Schrank.
Anzug und weißes Hemd lässt der Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler, Guido Orthen, hier mit Mitarbeitern eines Infostandes vor dem Rathaus, mittlerweile im Schrank.
Foto: Jochen Tarrach

Geht denn der Blick schon nach vorn in Richtung Wiederaufbau?

Es muss der Wille da sein, wiederaufzubauen, und der muss auch kommuniziert werden. Wir treffen uns in dieser Woche auch mit denen, die ein Stück Lebenswert in dieser Stadt mitgeprägt haben, mit Vertretern von Gastronomie, Hotellerie, Einzelhandel, IHK und Handwerk – also mit denen, die jetzt besonders wichtig sind, um den Menschen, die viel verloren haben, auch das Signal zu geben: Wir wollen diese Stadt wiederaufbauen und nicht als Geisterstadt stehen lassen. Wir nehmen es selbst in die Hand.

Innenminister Roger Lewentz spricht von einem Wiederaufbaustab, der in Vorbereitung ist. Wie nah und eng arbeiten Sie mit dem Land zusammen, und sind Sie mit der Zusammenarbeit zufrieden?

Mit der Arbeit der politischen Ebene bin ich zufrieden. Wir sind im engen Kontakt mit Minister und Staatssekretär. Was allerdings die operative Arbeit des Krisenstabes, die Koordination der Hilfsorganisationen und so weiter angeht, haben wir bis heute starken Verbesserungsbedarf. Dafür haben wir seit Montag, 19. Juli, eine unmittelbare Verbindungsperson von der Verwaltungsleitung hier und im Krisenstab gefordert. Das ist bis heute nicht realisiert.

Was konnte denn die Stadt auf kommunaler Ebene tun?

Natürlich haben wir uns in den ersten Tagen um die elementaren Bedürfnisse gekümmert, nämlich Wasser, Abwasser, Strom. Das wächst langsam auf, und da kümmern wir uns auch mit unseren Eigenbetrieben wie den Ahrtalwerken selbst. Das ist beim Strom ein schwieriges Unterfangen, aber wir haben jetzt mehr als 90 Prozent des Stadtgebiets mit Wasser in der Versorgung. Das ist ein Riesenschritt innerhalb kürzester Zeit. Wir sind bei etwa 60 Prozent beim Strom, aber das bedeutet eben auch, dass eine warme Mahlzeit für 40 Prozent der Bevölkerung nicht möglich ist. Und wenn die privaten Helfer und vielen Initiativen nicht wären, hätten Teile der Bevölkerung in den vergangenen Tagen keine warme Mahlzeit bekommen.

Das Krisenmanagement liegt bei der ADD und damit beim Land. Mit welchen Möglichkeiten kann eine Stadtverwaltung noch agieren?

Natürlich können wir nicht mit unseren Möglichkeiten alle Dinge, die jetzt anstehen, bewältigen. Wir haben eine hohe Betroffenheit in der Verwaltung, im Übrigen auch in der Feuerwehr. Wenn von 30.000 Einwohnern 25.000 Menschen betroffen sind, dann sagt das eigentlich alles. Viele Mitarbeiter haben wir noch gar nicht gesehen, weil sie in ihren Orten gebraucht werden. Doch das Wesentliche, was funktioniert hat, ist eigeninitiativ und unter dem Radar des Krisenstabes geschehen, zum Beispiel die Aufräumarbeiten und der Brückenbau an der Landgrafenstraße in Zusammenarbeit mit dem THW. Am zweiten Tage haben wir ein finanzielles Kontingent von 25.000 Euro pro Ortsvorsteher aktiviert, damit wir sofort Selbsthilfe organisieren können. Wir können aber keine Großküchen organisieren. Das ist eben Sache der Einsatzleitung des Krisenstabs für Tausende Menschen. Es funktioniert bis heute nicht. In Ahrweiler nähren nur die privaten Helfer. Man hat die Lage in dieser Stadt bis heute nicht verstanden, insbesondere die hohe Anzahl der Betroffenen in der Kreisstadt.

Surreal auch die Kulisse vor dem Eingang der Spielbank. Statt teurer Spielerkarossen stehen aus der Ahr gefischte Fahrzeuge vor dem Entree.
Surreal auch die Kulisse vor dem Eingang der Spielbank. Statt teurer Spielerkarossen stehen aus der Ahr gefischte Fahrzeuge vor dem Entree.
Foto: Jochen Tarrach

Hilfe kam dann von einer völlig anderen Seite. Sie haben dazu aufgefordert, die Aloisius-Grundschule in Ahrweiler zu verlassen, in die eine Gruppe eingezogen ist, die Hilfeleistungen für Menschen in Not anbot, aber unter anderem auch der Querdenkerszene angehörte. Es gibt viele Fragen dazu. Was ist da eigentlich passiert? Hatten Sie keine Sorge, dass die Situation eskaliert und in eine Rebellion ausartet?

Wir haben diese Gruppe aufgefordert, diese zu verlassen. In den vergangenen Tagen wurde hier nicht mehr die Bevölkerung versorgt, sondern die Gruppe hat sich selbst versorgt. Eine Rebellion wäre gekommen, wenn wir dort geräumt hätten zu einem Zeitpunkt, wo die Menschen in Ahrweiler froh waren, dass sie dort ein warmes Essen bekamen und auch teilweise sanitätstechnisch dort versorgt wurden. Wir haben lange gebraucht, um alternative Strukturen zu schaffen. Jetzt sind sie da – in der Freiherr-von-Boeselager-Schule. Das war für uns auch Voraussetzung dafür zu sagen: Wir bestehen auf unserem Hausrecht, um möglichst schnell auch diese Schule wieder in den Stand zu versetzten, dass dort sehr bald wieder Unterricht stattfinden kann. Wir werden unsere Straßen, unsere Plätze und unsere Jugend nicht der Querdenkerszene überlassen.

Kann man das Ausmaß des Schadens denn schon in irgendeiner Weise in Zahlen fassen?

Das Ausmaß des Schadens ist erst einmal für jeden ein persönliches. Der eine hat nahe Angehörige verloren, andere haben Menschen sterben sehen. Dritte verzweifeln an dem Anblick. Das ist die wesentliche und tragische Dimension. Viele haben ihr Haus verloren. Das ist eine weitere schlimme Dimension, weil sie faktisch obdachlos geworden sind. Andere haben ihre wirtschaftliche Existenz verloren. Der Arbeitsplatz ist weggeschwommen, nicht mehr da, zumindest für den Augenblick. Der materielle Schaden allein an städtischer Infrastruktur, sprich Straßen, Versorgungsleitungen, Gebäude, Schulen, Kindergärten, Sportanlagen, Ahrthermen, schätzen wir aktuell vorsichtig auf 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro.

Soll denn alles wieder so kommen, wie es war?

Nein, es wird vieles anders. Wir werden gemeinsam mit der Generation nach uns diese Stadt wiederaufbauen, wenn die jungen Menschen sagen, dass sie bleiben wollen. Wir bringen diese Stadt nur gemeinsam wieder zum Blühen.

Wie kann eine Stadt, die vom Tourismus und von Menschen, die hier in Reha gegangen sind, gelebt hat, in Zukunft existieren?

Das hat eine psychologische und eine finanzielle Komponente. Es kommt darauf an, ob diejenigen, die bisher die Akteure waren, für sich selbst entscheiden: Wir bauen wieder auf und machen auch wieder auf. Die Reaktionen aus der Generation der 40-Jährigen machen mir Mut. Sie sagen: Das ist unsere Heimat. Die lassen wir uns nicht durch einen Tsunami nehmen. Den Wein, ein wesentlicher Identifikationsfaktor, hat uns die Flut nicht genommen. Es gibt die Winzer, die mit Leib und Seele sicherlich weitermachen wollen, denn der Weinbau prägt unser Tal. Und ich glaube auch, dass die in der Hotellerie und Gastronomie Tätigen den Mut zum Weitermachen wieder aufbringen.

Allerdings: Was den Aufbau von städtischer und privater Infrastruktur angeht, das wird dauern. Aber jeder kleine Lichtblick, jedes Geschäft, das wieder öffnet, kann auch denen Mut machen, die im Augenblick den Mut verloren haben. Die Menschen entscheiden selbst, wie diese Stadt in Zukunft aussieht. Das hängt auch davon ab, ob den Menschen unmittelbar und der Stadt für ihre Infrastruktur die Mittel zur Verfügung gestellt werden, die für einen Wiederaufbau erforderlich sind. Und sobald man beginnt, bei öffentlicher Infrastruktur über Fördersätze zu diskutieren, haben die Protagonisten die Lage nicht verstanden. Es geht um einen völligen Wiederaufbau. Zu 100 Prozent. Und dafür brauchen wir Land und Bund. Da darf sich keiner aus der Verantwortung stehlen.

Die Fragen stellten Uli Adams und Beate Au