Bad Neuenahr-Ahrweiler

Bürger fühlen sich im Stich gelassen: Mit Tiefkühlpizza die Versorgung selbst in die Hand genommen

Kein Strom, kein Gas, kein Wasser: Am Tag sechs der Flutkatastrophe wächst bei vielen Bürgern der Unmut über die Versorgungslage. Wo gibt es Lebensmittel, wo Toiletten? Tatsächlich sind die Informationen aus dem technisch weitgehend lahmgelegten und nur bedingt arbeitsfähigen Rathaus spärlich. Wie die RZ erfuhr, plant die Verwaltung, über die Stadt verteilte Infopunkte beziehungsweise Versorgungsstationen einzurichten. Näheres ist noch nicht bekannt.

Von Frieder Bluhm

Verwüstungen wie hier im Platanenweg gibt es im gesamten Stadtgebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Viele fühlen sich im Stich gelassen.  Foto: Vollrath
Verwüstungen wie hier im Platanenweg gibt es im gesamten Stadtgebiet von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Viele fühlen sich im Stich gelassen.
Foto: Vollrath

Immerhin: Es ist den Ahrtal-Werken trotz des immensen Ausmaßes der Schäden bereits gelungen, die Stadtteile Kirchdaun, Gimmigen, große Teile von Heimersheim, Teile von Bad Neuenahr und Teile der Verbindung von Bad Neuenahr nach Ahrweiler wieder mit Strom zu versorgen. Eine konkrete Aussage auf Ebene einzelner Straßen zu treffen, sei aktuell leider nicht möglich, da dies abhängig von den vorgefundenen Schäden im Stromnetz des jeweiligen Bereiches sei, schreiben die Ahrtal-Werke auf der Internetseite der Stadtverwaltung. Bis eine vollständige Stromversorgung wiederhergestellt werden könne, könnten trotz des enormen Einsatzes Wochen vergehen. Um den Prozess so effizient wie möglich zu gestalten, werden die Bürger gebeten, die Einsatzkräfte zu unterstützen, indem sie beispielsweise den Zugang zu den Netzstationen sowie zum Hausanschluss ermöglichen.

Ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen sind das Wassernetz und das Abwasser-Kanalnetz. Der Wiederaufbau eines komplett leitungsgebundenen Wassernetzes wird laut Stadt lange dauern. Daher werde eine Wasser-Notversorgung in den unversorgten Bereichen aufgebaut. Der Wiederaufbau des Gasnetzes wird, so der Netzbetreiber EVM, mehrere Monate in Anspruch nehmen.

Im Hof von Ernst Füllmann werden seit Tagen Ehlinger Bürger und Katastrophenhelfer des THW bewirtet.
Im Hof von Ernst Füllmann werden seit Tagen Ehlinger Bürger und Katastrophenhelfer des THW bewirtet.
Foto: Horst Bach

So rar sich Stadt und Staat in der Wahrnehmung vieler Bürger bei der Katastrophenbewältigung derzeit machen, so gut funktioniert die Hilfe aus der Bevölkerung heraus. So wie die Initiative von Ernst Füllmann (80), der am Tag nach der Katastrophe, als in seinem Ort der Strom ausfiel, spontan eine Idee umsetzte: Er ging von Haustür zu Haustür und fragte, wer noch Tiefkühlpizzen im auftauenden Gefrierfach hatte. Die sammelte er ein und backte sie in seinem Backes. Seither bewirtet er mit seiner Tochter Iris Kolgin die Einsatzkräfte, die in der Ehlinger Schule untergebracht sind, denn nach den 80 Pizzen des ersten Tages ist sein Hof Anlaufstelle für Lebensmittel aller Art geworden. Ein ganzes Dorf hat zur Selbsthilfe gegriffen. Die Stimmung reichte sogar für eine spontane Party.