Archivierter Artikel vom 02.08.2021, 19:50 Uhr
Altenahr

Altenahr: Ein Hotspot für Hoffnung und Hilfsbereitschaft

Freud und Leid liegen oft dicht beieinander. Manchmal nur wenige Hundert Meter. So auch in Altenahr. Während im unteren Teil Menschen verzweifelt versuchen, ihre von der Flut zerstörten Existenzen zu retten, dominieren nur einen Straßenzug höher Hoffnung und Hilfsbereitschaft.

Von Sandra Fischer

Liebevoll verpackte Lebensmittelspenden in einer privaten Garage.
Liebevoll verpackte Lebensmittelspenden in einer privaten Garage.
Foto: Rüdiger Mosler

Pünktlich zur Mittagszeit wird es schwierig, auf der Kirchentreppe noch einen freien Platz zu ergattern. Die Stufen sind längst zur Mensa geworden mit Essensausgabe auf dem gegenüberliegenden Platz. Hier bieten private Helfer, Firmen und Hilfsorganisationen täglich Essen für Anwohner und Helfer an. Heute steht Brathähnchen einer bekannten Fastfoodkette auf dem Speiseplan, dazu Krautsalat und Maiskolben.

Gesucht wird übrigens der Besitzer dieser Schmuckschatulle, die aus den Fluten gerettet und in der Kirche abgegeben wurde. Sie kann am Gemeindehaus abgeholt werden.
Gesucht wird übrigens der Besitzer dieser Schmuckschatulle, die aus den Fluten gerettet und in der Kirche abgegeben wurde. Sie kann am Gemeindehaus abgeholt werden.
Foto: Rüdiger Mosler

Als die Helfer wieder Schaufeln und Besen zur Hand nehmen und sich die Treppe langsam leert, füllen sich die Stühle am Pfarrheim. Hier wird nicht nur die Zeitung morgens von der Polizei ausgeliefert, es gibt leckeren Kaffee, Kuchen, ein freundliches Wort, ein zuhörendes Ohr, Austausch, Wiedersehen und Gelegenheit, mal zu verschnaufen. „Kaffee läuft immer“, fasst Ruth Linnarz den Erfolg des Altenahrer Knotenpunktes zusammen. Zusammen mit Bizualem Nega-Steinhoff und Alexandra Arathymos gehört sie zum Kernteam, das seit Tag X Helfer und Hilfsangebote verknüpft.

„Vernetzung ist alles“

Denn neben Kaffee und Kuchen werden im Pfarrheim auch Hygieneartikel sowie Rollstühle, Gehhilfen und sogar Krankenbetten vermittelt. „Vernetzung ist alles“, betont Linnarz und berichtet von Hilfswilligen von der Mosel oder aus Wartberg und deren Angebot: „Wenn ihr was braucht, sagt Bescheid.“ Und das tun die Altenahrer. So fanden schon Wasserkocher und Kaffeemaschinen den Weg zu hilfsbedürftigen Familien. Um noch zielgerechter die Bedürfnisse der Betroffenen zu erfüllen, finden sich nun drei „Bestellboxen“ im Ort, in welche die Anwohner Wunschzettel werfen können mit Bestellungen für Lebensmittel und Hygieneprodukte, die sie benötigen. „Wir versuchen, eine Lieferung schon am Folgetag zu ermöglichen, je nachdem wie einfach oder schwierig es ist, das Gewünschte zu besorgen“, beschreibt Linnarz das niedrigschwellige Angebot für all diejenigen, die sich scheuen, zu den öffentlichen Anlaufpunkten zu gehen, oder es nicht können.

Gut bestücktes Warenhaus in der Kirche

Doch hier hören die Angebote noch lange nicht auf. In der Kirche gleich gegenüber wurden nicht nur in den ersten Nächten die Bänke zusammengeschoben, um Betroffenen, die aus ihren Häusern fliehen mussten, ein Dach über dem Kopf zu bieten. Inzwischen hat sich das Gotteshaus zu einem gut bestückten Warenhaus entwickelt. „Unser eigener kleiner ,TK Maxx'“, scherzt Steinhoff, als sie durch die fein säuberlich strukturierten „Abteilungen“ geht. Kleidung für Frauen, Männer und Kinder ist nach Größen geordnet, links des Altarraums kommen wir in die Schuhabteilung, die aus ehemaligen Kühlregalen erstellt wurde. Unter den zahlreichen Exemplaren finden sich teils nigelnagelneue Schuhe, noch mit Plastikring verbunden.

Die Versorgung stimmt in Altenahr: Von einem breiten Angebot an Bekleidung, Spielwaren, Hygieneartikeln und Babysachen in der Kirche über liebevoll verpackte Lebensmittelspenden in einer privaten Garage werden Betroffene und Helfer bestens um- und versorgt.
Die Versorgung stimmt in Altenahr: Von einem breiten Angebot an Bekleidung, Spielwaren, Hygieneartikeln und Babysachen in der Kirche über liebevoll verpackte Lebensmittelspenden in einer privaten Garage werden Betroffene und Helfer bestens um- und versorgt.
Foto: Rüdoger Mosler

Der hintere Bereich enthält die Abteilungen Spielwaren, Bücher, Sportgeräte, Hygieneprodukte und alles rund ums Baby. Von 9 bis 19 Uhr können Betroffene hier nach Herzenslust stöbern und kostenfrei „einkaufen“. Auffällig ist der durchweg gute Zustand der Spenden, nicht wenige sind neu und originalverpackt. Ein Bestseller, den keiner als solchen eingeschätzt hatte, sind Brillen. Zahlreiche Lesehilfen sind der Flut zum Opfer gefallen, da kommen die ausgedienten Nasenfahrräder gerade recht, um wieder den Durchblick zu haben.

Etwas Normalität kehrt ein

Der koffeinhaltige Treffpunkt inklusive Zeitungskiosk am Pfarrheim.
Der koffeinhaltige Treffpunkt inklusive Zeitungskiosk am Pfarrheim.
Foto: Rüdiger Mosler

Wieder ein Haus weiter steht man in der langersehnten Altenahrer „Rewe“-Version, bis dato bekannt als Uwe Zimmers Hobbyraum oder Fabri-Scheune. Für die Fußball-EM bereits freigeräumt, kam der großzügige Raum gerade recht, als es darum ging, die zahlreichen Lebensmittelspenden unterzubringen. Öffentlicher Raum war nicht vorhanden, die Schule unter Wasser, kurzerhand wurden Hobbyraum/Scheune/Garage zur Lebensmittelausgabe. Zusammen mit seiner Frau Marijana und einer weiteren Helferin sorgt Zimmer dafür, dass die Altenahrer weiterhin einen gedeckten Tisch haben. „Die Hilfsbereitschaft ist wirklich unglaublich“, berichtet seine Frau, als sie ein liebevoll zusammengestelltes Päckchen öffnet. Neben leckeren Köstlichkeiten findet sich auch ein Zettel:„Viel Kraft aus Dörpen!“

Auch Bank- und Postservice können die Altenahrer inzwischen wieder nutzen, und Freiwillige wie Alexandra Arathymos übernehmen Fahrdienste, beispielsweise, um Medikamente in Bonn abzuholen oder wenn sonst eine Fahrmöglichkeit gesucht wird: „Man muss uns nur ansprechen.“ Viele hätten auch ihre Autos zur Verfügung gestellt für all diejenigen, deren fahrbarer Untersatz weggespült wurde.

„Nach und nach kehrt mit all den Hilfsangeboten wieder etwas Normalität ein“, berichtet Arathymos. „Und nach einer solchen Katastrophe tut ein Stück Normalität einfach nur gut.“ Sandra Fischer