Archivierter Artikel vom 24.07.2021, 12:00 Uhr
Kreis Ahrweiler

Ahrtalbahn: Neuaufbau kann Jahre dauern

Genau 29 Kilometer lang war die bis zur Flutkatastrophe befahrene Ahrtalbahn und zog sich, ausgehend von Remagen, durch das gesamte Ahrtal bis nach Ahrbrück. Nach der verheerenden Sturzflutnacht vor neun Tagen ist die Bahnstrecke nicht mehr wiederzuerkennen. Gleise liegen verschlungen wie Spaghetti in der Ahr, Brücken sind zerstört, Hänge sind auf die Gleise gerutscht, das Gleisbett ist unterspült und Bahnübergänge nicht mehr als solche zu erkennen.

Von Tim Saynisch
Die Strecke der Ahrtalbahn und die dazugehörigen Anlagen, wie etwa der Bahnhof Heimersheim (Foto), sind komplett zerstört und müssen von Grund auf neu errichtet werden. Die Bahn prognostiziert, dass das Jahre dauern könnte. Auch eine Verlegung der Strecke scheint möglich.  Foto: Christian Koniecki
Die Strecke der Ahrtalbahn und die dazugehörigen Anlagen, wie etwa der Bahnhof Heimersheim (Foto), sind komplett zerstört und müssen von Grund auf neu errichtet werden. Die Bahn prognostiziert, dass das Jahre dauern könnte. Auch eine Verlegung der Strecke scheint möglich.
Foto: Christian Koniecki

„In dieser Dimension wurde unsere Infrastruktur noch nie auf einen Schlag zerstört. Wir stehen vor einem gewaltigen Kraftakt“, zog Dr. Volker Hentschel, Vorstand für Anlagen- und Instandhaltungsmanagement bei der Bahn-Tochtergesellschaft DB Netz, am Freitag eine erste Bilanz bei einer Pressekonferenz. Man werde „mit mehreren Jahren Wiederaufbau rechnen müssen“, prognostizierte Bernd Köppel, Leiter der Infrastrukturprojekte bei der DB Netz in der Region West. Die Ahrtalbahn gehöre zu den Strecken, die vom Unwetter am stärksten getroffen wurden und komplett neu aufgebaut werden müssten. Den Wiederaufbau möchte die Bahn resilient gestalten und dabei die Erkenntnisse aus Hochwassern in der jüngeren deutschen Vergangenheit einfließen lassen. Konkret heißt das, dass die Anlagen nicht unbedingt so wieder aufgebaut werden, wie sie waren, sondern nach dem neusten Stand der Technik – und so, dass sie Naturgewalten besser standhalten. Beispielsweise sollten Brückenpfeiler weiter auseinander geplant werden, damit sich Treibgut nicht so einfach sammeln kann und das Wasser auch bei Hochwasser besser hindurchfließt, heißt es von Konzernseite. Auch das Verrücken von Strecken in Form einer Neutrassierung, eine Verlegung auf Dämme und Böschungssicherung seien denkbare Szenarien. „Einen hundertprozentigen Schutz vor den Folgen von Unwettern werden wir trotz aller Vorsicht nicht erreichen können“, erklärt Volker Hentschel.

Für den gesamten Regionalbereich West gibt die Bahn das Ziel aus, bis Jahresende 80 Prozent der beschädigten Infrastruktur wiederherstellen zu wollen, den Betrieb sukzessive wieder aufzunehmen und auch den Fahrplan wieder einhalten zu wollen. Dies gelte aber nicht für die „Strecken und Anlagen, die den Wassermassen komplett zum Opfer gefallen sind“, also die Ahrtalbahn. Hier sei ein deutlich längerer Planungs- und Bauzeitraum notwendig. „Hier reden wir von Monaten, wenn nicht sogar an einigen Stellen von Jahren“, machte Hentschel klar.

Den Gesamtschaden an den Strecken in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz schätzt die Bahn vorerst auf 1,3 Milliarden Euro. Der Aufbau sei nur mit Unterstützung des Bundes und der Länder möglich, ist sich Vorstand Hentschel sicher: „Für den allergrößten Teil der Schäden haben wir keine Versicherung – erst recht nicht in dieser Höhe.“ Neben 600 Kilometern an beschädigten Gleisen spricht die Bahn von 50 Brücken, Dutzenden Stationen, 180 Bahnübergängen, 40 Stellwerken und mehr als 1000 erneuerungsbedürftigen Oberleitungsmasten, die durch das Unwetter beschädigt oder zerstört wurden.

Von unserem Redakteur Tim Saynisch