Archivierter Artikel vom 05.08.2021, 07:45 Uhr
Kreis Ahrweiler

29 von 53 Zahnarztpraxen geschlossen: Wenn die Prothese in den Fluten verschollen ist

Im Chaos der Flutnacht und im Schlamm und Wasser der Ahr haben viele nicht nur Haus und Hof sowie Hab und Gut verloren, sondern ein Stück persönliche Lebensqualität hinter sich gelassen. Bei der Evakuierung oder dem Rauslaufen haben sie ihre Zahnprothesen vergessen oder verloren. Das so wichtige „Gebiss im Wasserglas auf dem Nachttischchen“ gibt es nicht mehr. Gleichzeitig sind Zahnarztpraxen und ihre Mitarbeiter von der Katastrophe betroffen und können nicht helfen. Ein Gespräch mit Zahnärztin Dr. Heike Rump-Schäfer. Sie hat seit 1994 ihre Praxis in der Ortsmitte von Heimersheim in der Bachstraße.

Von Frank Bugge

Bild aus einer Zahnarztpraxis.
Bild aus einer Zahnarztpraxis.
Foto: dpa

Frau Dr. Rump-Schäfer, haben Sie einen Überblick über die zahnärztliche Versorgung im Ort, in der Stadt, entlang der Ahr und im Kreis Ahrweiler?

Ja. Der Überblick ist für alle öffentlich im Internet. Die Bezirksärztekammer Koblenz, die BZK, hat den Überblick über die Praxen im Kreis freigeschaltet. Dort kann man sehen, wer geöffnet oder geschlossen hat. Hier in Heimersheim war ich schon immer allein. Gerade an der Ahr sind viele getroffen worden. Am vergangenen Wochenende habe ich Kollegen meine Praxis zur Verfügung gestellt, damit sie hier ihre Patienten behandeln. (Aktuell sind nach BZK-Angaben 29 von 53 Praxen geschlossen. Vor allem in den Kommunen unmittelbar an der Ahr. Anm. d. Red.)

Dr. Heike Rump-Schäfer.
Dr. Heike Rump-Schäfer.
Foto: privat

Welche Patienten mit welchen Beschwerden kommen derzeit zu ihnen.

Manche haben Füllungen verloren, andere Akutpatienten brauchen Kronen. Neulich musste ich bei einem Helfer ein Provisorium neu festen. Für Patienten, die Prothesen verloren haben, mache ich Abdrücke für den Zahnersatz. Es waren sieben. Auch ohne Genehmigung der Krankenkasse. Mit denen ist schwer zu kommunizieren, da wir noch kein Festnetztelefon und nur mobiles Internet haben. Das Bürokratische ist schwierig. Manche haben in der Flut ihr Krankenkassenkärtchen verloren. Ich habe hier im Ort auch Hausbesuche gemacht bei Alten und Gehbehinderten. Gefragt sind „Knirscherschienen“ für die Nacht, da viele Betroffene offenbar nachts mit schmerzendem Zähneknirschen ihre Erlebnisse verarbeiten.

Wie sieht es denn an der Ahr mit den zahntechnischen Laboren aus, die nach Ihren Abdrücken dann die Prothesen machen?

Das Labor, mit dem ich zusammenarbeite, ist in Sinzig und nicht von der Katastrophe betroffen.

Was kostet die Menschen so eine neue Prothese, und wer trägt die Kosten?

Es gibt eigentlich den Kassenbeitrag und den Eigenanteil. Da stellt sich die Frage, inwieweit der Verlust der Prothese versichert ist. Die AOK und BBKs sehen den Notfall bei uns. Die erlauben mir, auch ohne Absegnung des Kostenplans durch sie schon anzufangen und dem Patienten zu helfen. Das ist sonst anders.

Die Bezirksärztekammer Koblenz (BZK) hat eine Internetseite für die Fluthilfe aufgebaut. Dort gibt es Infos für Patienten und von der Flut betroffene Praxen. Zahnärztin Dr. Rump-Schäfer ist zu erreichen unter 02641 202520.

Das Gespräch führte Frank Bugge