Archivierter Artikel vom 05.08.2021, 20:04 Uhr
Kreis Ahrweiler

16-Jährige hat ersten Feuerwehreinsatz in der Flut: „Mich kann so schnell nichts mehr schocken“

Ihre Sommerferien hatte sich Anna Nolden auch anders vorgestellt. Mit Freunden wollte sie sich treffen, was unternehmen, Spaß haben. Stattdessen hat sie sich ihre ersten Sporen als Feuerwehrfrau ausgerechnet im Ausnahmehochwasser verdient, das Mitte Juli große Teile des Ahrtals zerstörte.

Von Sandra Fischer
Seit Tag X im Dienst: Die Ausnahmeflut war der erste Einsatz von Feuerwehrfrau Anna Nolden aus Kirchsahr. „Mich kann so schnell nichts mehr schocken“, ist sich die 16-Jährige sicher, die nun im „Feuerwehrladen“ die Stellung hält.
Seit Tag X im Dienst: Die Ausnahmeflut war der erste Einsatz von Feuerwehrfrau Anna Nolden aus Kirchsahr. „Mich kann so schnell nichts mehr schocken“, ist sich die 16-Jährige sicher, die nun im „Feuerwehrladen“ die Stellung hält.
Foto: Sandra Fischer

„Ich bin schon hart im Nehmen, aber jetzt kann mich so schnell nichts mehr schocken“, fasst die 16-Jährige die Ereignisse der vergangenen Wochen zusammen. Gemeinsam mit ihren Kollegen der insgesamt 20 Floriansjünger starken Kirchsaher freiwilligen Wehr hat die Schülerin in jener schicksalshaften Nacht Unglaubliches geleistet. „Ohne die Feuerwehr wäre das Dorf abgesoffen“, bringt es Mutter Susanne Nolden-Röhr auf den Punkt, und auch Vater Erwin Nolden, Wehrführer in Kirchsahr, ist voll des Lobes für den bedingungslosen Einsatz seines Teams. Schon ab mittags um halb vier waren die Rettungskräfte an jenem Mittwoch im Einsatz, hatten Sandsäcke verteilt, umgefallene Bäume entfernt und später in der Nacht Menschen aus ihren überfluteten Häusern gerettet, teils in waghalsigen Aktionen.

Nachdem das Adrenalin der ersten Tage abgeebbt ist, schaut Anna manchmal zurück auf die Ereignisse jener Nacht, und im Kopf fahren Filme ab wie „Was da alles hätte passieren können, oder wenn einer von uns in die Fluten gefallen wäre“. Dann ist die Erleichterung groß, dass doch alles gut ausgegangen ist. Bei der Verarbeitung des Erlebten helfen der 16-Jährigen die abendlichen Gespräche im Nachbars- oder Familienkreis, wo über die Ereignisse des Tages, das bislang Erreichte aber auch die Pläne für den nächsten Tag gesprochen wird.

Die Dorfgemeinschaft ist zusammengerückt

Bei allem Leid hat die verheerende Flut aber auch positive Seiten. So sei die Dorfgemeinschaft noch enger zusammengerückt. Das habe sich auch im starken Zusammenhalt bei der Bewältigung der Ausnahmesituation gezeigt. „Wir sind es gewohnt, auf uns selbst gestellt zu sein als letztes Dorf in Rheinland-Pfalz, da hilft jeder jedem, denn wir wussten, da kommt keiner“, erklärt Nolden-Röhr die Anpackmentalität der Kirchsahrer, die in den ersten Tagen nach der Flut auf sich allein gestellt waren. „Wir wären allerdings nicht so weit, wie wir jetzt sind, wenn wir nicht so eine enorme Hilfsbereitschaft erfahren hätten von Menschen, die uns beispielsweise angeboten haben, ihr könnt bei uns waschen oder duschen oder einfach mit angepackt haben.“

Neben den helfenden Händen aus den umliegenden Gemeinden kamen bei vielen anfallenden Arbeiten die örtlichen Feuerwehrleute zum Einsatz. So wurde nicht nur vor dem Eintreffen der Bundeswehr-Feldküche am Feuerwehrhaus zusammen mit Anwohnern für Helfer und Betroffene gekocht, das Spektrum reichte von Klassikern wie Keller auspumpen, Schlamm wegschippen und aufräumen bis hin zum Aufstellen von Campingtoiletten oder der Beschaffung von dringend benötigten Medikamenten. „Manche Leute hatten nur noch für zwei Tage Herztabletten, die brauchten unbedingt Nachschub“, erklärt Anna. Mit einem dicken Buch ging die 16-Jährige zusammen mit anderen Brandschützern von Haus zu Haus und nahm die Arzneibestellungen auf, die dann in der Apotheke in Kalenborn abgeholt wurden.

„Ich hab sehr, sehr viele Leute kennengelernt. Ich kenne jetzt jeden im Dorf, wir sind alle per Du, und in jedem Haus war ich mindestens einmal drin“, schmunzelt Anna, die in den ersten beiden Wochen nonstop im Einsatz war. „Ständig kam jemand und brauchte Hilfe, und kaum war das erledigt, kam auch schon der Nächste.“ Von der Katastrophe haben die Brandschützer auch einiges gelernt für zukünftige Einsätze, beispielsweise dass zwei Standorte für das Material benötigt werden, einmal im Feuerwehrgerätehaus in Binzenbach, aber auch im Gemeindehaus in Kirchsahr. So kann vermieden werden, dass die Wehrleute im Katastrophenfall – wie geschehen – eine 40 Kilo schwere Pumpe über den Berg schleppen müssen.

Als einzige „Vollzeit“-Feuerwehrfrau im Einsatz

Vor etwa einer Woche hat nun das THW die meisten Aufräumarbeiten übernommen, die bislang von den Kirchsahrer Feuerwehrleuten erledigt wurden. Auch wenn schon vieles von der To-do-Liste gestrichen werden konnte, so wird die Arbeit in der Ahrtalgemeinde noch lang nicht ausgehen. So muss beispielsweise der Bachlauf ausgebaggert und von Müll, Material und Bäumen befreit werden, um wieder auf seinem normalen, tiefen Niveau zu fließen. Arbeiten wie diese führt nun das THW aus, sodass die Brandschützer nach zwei Wochen mit 14- bis 16-Stundentagen nun erst mal durchatmen können. Die meisten sind inzwischen in ihren Berufsalltag zurückgekehrt, einzig Anna, als jüngstes Mitglied der Wehr und einzige Schülerin, ist noch als „Vollzeit“-Feuerwehrfrau im Einsatz – und das meist im „Laden“ im Feuerwehrgerätehaus im Ortsteil Binzenbach. Denn der muss ständig besetzt sein, um Lebensmittelspenden, Hygieneprodukte oder Tierfutter an Betroffene und Helfer, aber auch Kraftstoff, beispielsweise für private Bagger für Aufräumarbeiten, herauszugeben.

Zwischen Kisten, Kartons und Säcken sortiert und katalogisiert Anna fleißig die Spenden und räumt auf. „Das ist voll meins“, strahlt sie, „Organisation mach ich total gern“. Da absehbar ist, dass ihr Einsatz auch noch den Rest der Sommerferien in Anspruch nehmen wird, kann man nur hoffen, dass die Herbstferien der Schülerin altersgerechter ausfallen werden: So mit Freunden treffen, was unternehmen und Spaß haben. Sandra Fischer

Ich kenne jetzt jeden im Dorf.

Die Flutkatastrophe hat die Kirchsahrer Dorfgemeinschaft und den Zusammenhalt im „letzten Dorf in Rheinland-Pfalz“ noch verstärkt.