Archivierter Artikel vom 06.06.2019, 17:23 Uhr
Adenau

Was Rock am Ring ausmacht: Darum pilgern jetzt wieder Zehntausende in die Eifel

Wenn sich der Nürburgring von der Rennstrecke in eine Partymeile verwandelt, dann ist Rock am Ring. An diesem Wochenende steht das Festival an, das europaweit zu den größtes Open Airs für Rockmusik zählt. Zehntausende Musikfreunde zieht es jetzt wieder in die Eifel, um ihre Lieblingsbands zu feiern. Die Campingplätze sind geöffnet, am Freitag beginnt das Festival. Die Ärzte sind angesagt, Tool, Slipknot und viele mehr, insgesamt 73 Bands. Drei Bühnen gehören für drei Tage und Nächte lang ihnen. Wieso viele Fans den Mix aus Musik, Camping und Party lieben, wer hinter dem Festival steckt, was die Fans am Ring beschäftigt und mehr lesen Sie hier. Zehn Dinge, die Sie über Rock am Ring wissen sollten.

Anke MersmannLesezeit: 7 Minuten

Veranstalter Marek Lieberberg Foto: dpa
Veranstalter Marek Lieberberg
Foto: dpa

Das sind die Macher von Rock am Ring: Marek Lieberberg und sein Sohn André. Lieberberg zog das Festival erstmals 1985 auf. 75.000 Fans kamen damals zur zweitägigen Premiere in die Eifel, und dem Vernehmen nach war es vor allem Bono von U2, der mit einem emotionalen Auftritt in ihre Herzen traf. Eigentlich hatte das Festival eine einmalige Sache bleiben sollen, aber weil die Premiere so gut lief, sollte der Ring fortan weiter rocken (mit einer Pause 1989/1990). Marek Lieberberg, Jahrgang 1946, veranstaltet das Festival seither, seit einigen Jahren ist sein Sohn André federführend mit im Boot und steht für einen Generationswechsel, mit dem eine stilistische Öffnung des Festivals einhergeht: Hip-Hop hat am Ring mittlerweile genauso seine Berechtigung wie Heavy Metal.

Die Eifel wächst um 80.000 Einwohner – zumindest für ein paar Tage: Im Schnitt feiern gut 80.000 Leute während des Festivals in der Eifel. In einem Jahr mal ein paar Tausend mehr – der Besucherrekord liegt bei 92.500 im Jahr 2017 –, in einem anderen ein paar Tausend weniger, so wie im vergangenen Jahr, als laut Veranstalter gut 70.000 Fans den Ring zelebrierten. So oder so: Zehntausende Zelte, Campingwagen und Wohnmobile wollen untergebracht werden – und zwar im weiten Rund um die Rennstrecke. Die Betonung liegt auf weit: Wer auf den entlegeneren Plätzen campiert, muss gut zu Fuß sein, bis er das Festivalgelände erreicht. Oder in den Shuttlebus einsteigen – der pendelt entlang der Campingplätze in der Zeltstadt namens Rock am Ring.

Der Ring ist ein Gefühl: Das Megafestival zieht jährlich massenweise Musikfans. Jetzt am Wochenende steht die nächste große Sause bevor.
Der Ring ist ein Gefühl: Das Megafestival zieht jährlich massenweise Musikfans. Jetzt am Wochenende steht die nächste große Sause bevor.
Foto: Jens Weber

Darum ist der Ring ein Gefühl: Wenn mit einem Mal mehr als 80.000 Menschen aufeinandertreffen – das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Worms –, könnte das Spannungen mit sich bringen. Der Ring zeichnet sich allerdings regelmäßig dadurch aus, dass es an ihm ziemlich friedlich zugeht. Das liegt daran, dass Ringrocker zusammenhalten. Mag pathetisch klingen, aber auf den Campingplätzen herrscht tatsächlich ein Wir-sind-der-Ring-Gefühl: Der Spaß am Feiern unter freiem Himmel eint Teenager wie reifere Ringgänger. Dieser mehrtägige Ausnahmezustand mit viel Gaudi, Livemusik – und, klar, dem ein oder anderen Bier – schweißt zusammen. Diese Gemeinschaft spiegelt sich auch in der Festivalbilanz der Polizei, die seit Jahren jedes Mal aufs Neue die Ringrocker lobt, dass sie überwiegend friedlich miteinander feiern. Zwölf Körperverletzungen registrierte die Polizei im vergangenen Jahr und bemerkte dazu, dass diese bei der Masse von Menschen auf engem Raum eine fast schon zu vernachlässigende Größe sei. Drücken wir die Daumen, dass die Bilanz 2019 wieder so gut ausfällt.

Welche Rolle die Musik spielt: Der Reiz eines mehrtägigen Festivals ist es, geballt jede Menge Bands sehen zu können. Die Partystimmung auf den Campingplätzen, die für viele das Festivalwochenende erst rund macht, klammern wir an dieser Stelle mal aus. Also: die Musik. Die Lieberbergs holen Jahr für Jahr die Größten der nationalen und internationalen Rock- und Alternativeszene an den Ring, gefolgt von vielen aktuell angesagten Bands und Künstlern. Deutscher Hip-Hop ist seit ein paar Jahren ebenfalls etabliert. In einer solchen Bandbreite und in einer solchen Taktung Bands sehen zu können, ist verlockend – kann aber durchaus für einen gewissen Freizeitstress sorgen, wenn Lieblingsband A auf der einen Bühne spielt, während Lieblingsband B auf der anderen auftritt. Solche Parallelitäten sorgen regelmäßig für Diskussionen unter den Fans – jetzt ist im Vorfeld des Festivals sogar eine Petition im Internet gestartet worden, damit die Veranstalter den Spielplan noch einmal ändern und Slayer und die Ärzte am Samstag nicht zeitgleich auftreten lassen. Prognostizierte Erfolgschance: keine.

Regencape und Planschbecken: Wer bei Rock am Ring campt, weiß, dass diese beiden Utensilien wichtig sind.
Regencape und Planschbecken: Wer bei Rock am Ring campt, weiß, dass diese beiden Utensilien wichtig sind.
Foto: Jens Weber

Wie wird das Wetter: Kein Thema ist größer bei Rock am Ring. Gut, abgesehen von den Bands. Aber nach ihnen kommt schon gleich das Wetter. Es scheint, wenn denn schon mal Zehntausende auf einem Fleck in der Eifel zusammenkommen, gern sein gesamtes Können auf einmal zeigen zu wollen: Kälte, Nebel, Sonne, Hagel und Regen – wer am Ring unter freiem Himmel feiert und für mehrere Tage wohnt, muss mit allem rechnen. Sprich: Von der Sonnencreme bis zu Regencape und Gummistiefeln ist alles einzupacken, auf Hitze und kalte Güsse kann sich ein Ringrocker schließlich vorbereiten. Und vor ein bisschen Schlamm macht sich am Nürburgring sowieso niemand Bange. Die gute Nachricht: Über dem Nürburgring hat sich das Wetter in den vergangenen Jahren nicht so extrem gezeigt wie in den beiden Jahren in Mendig: Auf dem dortigen Flughafen wurde Rock am Ring 2015 und 2016 gefeiert, jeweils tobten Unwetter, Dutzende Menschen wurden verletzt, 2016 in einem Fall sogar lebensgefährlich: Ein Blitz erwischte einen Festivalgänger am Kopf. Sturm, Starkregen und Gewitter waren zudem schuld daran, dass das Festival am zweiten Tag abgebrochen werden musste.

Die Rennstrecke mausert sich zum Festivalgelände: Rock am Ring ist eine logistisch komplexe Großveranstaltung. Auf dem Festivalgelände müssen drei Bühnen hochgezogen werden. Allein an der 50 mal 37 Meter großen Hauptbühne namens Volcano Stage werden mehr als 300 Tonnen Material verbaut, plus jede Menge Soundtechnik, Licht und zwei riesigen LED-Leinwänden. Um diese Stage, die sogar noch etwas größere Crater Stage und die kleine Alternage Stage aufzubauen, sind um die 130 Bühnenbauer in einer Nacht- und vier Tagesschichten beschäftigt. Effizienz und Routine kommen hier zusammen: Das Aufbauteam ist seit Jahren damit vertraut, den Nürburgring in die riesige Spielwiese für Bands und Ringrocker zu verwandeln. Komplettiert wird diese unter anderem von Dutzenden von Essens- und Getränkeständen und einem Riesenrad.

Eine Rennstrecke als Partymeile: Bei Rock am Ring ist die legendäre Nordschleife fest in der Hand der Musikfans.
Eine Rennstrecke als Partymeile: Bei Rock am Ring ist die legendäre Nordschleife fest in der Hand der Musikfans.
Foto: Andreas Wetzlar

Sicherheit wird großgeschrieben: Das Thema Sicherheit ist, insbesondere in den vergangenen Jahren, immer mehr in den Fokus gerückt. Nicht nur, dass nach den Unwetterjahren 2015 und 2016 inzwischen Blitzschutzzonen auf den Campingplätzen und dem Festivalgelände eingerichtet werden, in denen Musikfans bei Gewitter einen gewissen Schutz finden, sodass das Gelände nicht mehr geräumt werden muss. Auch im Hinblick auf Terrorgefahr sind die Verantwortlichen sensibilisiert – nicht zuletzt nach der Erfahrung von 2017: Die Rückkehr des Festivals aus Mendig an den Nürburgring wurde überschattet von einer Terrorwarnung. Rock am Ring musste gleich am ersten Tag unterbrochen werden, aus dem Auftritt des Headliners Rammstein wurde nichts. Übrigens auch nichts aus dem Terrorverdacht. Seitdem werden die Ringrocker am Einlass allerdings schärfer kontrolliert, Rucksäcke sind auf dem Gelände verboten, genau wie Tetrapaks. Beides musste durchsichtigen Beutelchen und faltbaren Trinkflaschen weichen. Das ist inzwischen auf vielen Festivals und Konzerten Usus.

Das kostet der Spaß: Wer zügig war, als im Sommer 2018 der Vorverkauf begann, konnte das Dreitagesticket für 149 Euro kaufen. Der Vorverkaufspreis ist gestaffelt, inzwischen kosten Tickets 189 Euro. Wer zelten will, muss noch ein Standardcampingticket für mindestens 50 Euro lösen, Caravans und Wohnmobile kosten noch mehr. Es gibt jede Menge kostenpflichtige Zusatzoptionen über Luxuscamping bis hin zum Festivalpaket mit Übernachtung im Hotel. Günstig ist so ein Festivalbesuch also nicht – zumal auch das Leben am Ring kostet. Wer nur mal in die Festivalatmosphäre hineinschnuppern möchte: Es gibt Tagestickets für 95 Euro.

Dass die Veranstalter überhaupt Tageskarten anbieten, ist ein Zeichen dafür, dass die Festivaltickets nicht ganz so reißenden Absatz finden. In den besucherstärksten Jahren am Ring kam die Option Tagesticket jedenfalls gar nicht erst in den Verkauf. Für dieses Jahr erwarten die Veranstalter etwa 160.000 Besucher – gesamt gezählt für Rock am Ring wie auch für das Zwillingsfestival Rock im Park. Es findet zeitgleich mit identischem Line-up in Nürnberg statt.

Groß denken: Allein an der Hauptbühne, der Volcano Stage, sind 300 Tonnen Material verbaut – plus Soundtechnik und Licht.
Groß denken: Allein an der Hauptbühne, der Volcano Stage, sind 300 Tonnen Material verbaut – plus Soundtechnik und Licht.
Foto: Andreas Wetzlar

Deshalb gibt es ein Zwillingsfestival: Es rechnet sich. Ein Festival zu veranstalten, ist teuer und wird teuer bleiben, was unter anderem daran liegt, dass die Gagen von Bands seit Jahren nur eine Richtung kennen: aufwärts. Denn der Veranstaltungsmarkt brummt: Musikveranstaltungen machten im Jahr 2017 mehr als 70 Prozent des Umsatzes am Musikmarkt in Deutschland aus. In dem Jahr lagen die Umsätze mit Livemusik in Deutschland bei rund 1,9 Milliarden Euro, meldet die Branche. Live läuft also. Zudem wächst der Markt an Festivals, allein in Deutschland gibt es mehr als 500, ein riesiges Angebot für Technojünger bis Metalfans. Zugkräftige Künstler sind umso begehrter, zumal in der Rockmusik ihre Zahl in der obersten Liga – wo Foo Fighters, Metallica und Co. rangieren – überschaubar ist. Das treibt Gagen nach oben. Wenn ein Veranstalter also eine Band bucht und sie auf zwei Festivals spielen lässt, rechnet sich das für ihn. So gibt es in Deutschland neben Rock am Ring respektive im Park noch andere Open Airs mit gleichem Konzept sprich gleichem Line-up, etwa das Hurricane in Niedersachsen gepaart mit dem Southside in Baden-Württemberg.

Welches ist das Größte? Das Hurricane hat Rock am Ring diesen Rang zumindest im vergangenen Jahr abgelaufen: Zu dem von Hamburger Veranstalter FKP Scorpio aufgezogenen Hurricane kam im vergangenen Jahr 78.000 Besucher, es war damit Deutschlands größtes Musikfestival. Am Ring waren laut Veranstalter 70.000 Menschen. Sie hatten – so der einmütige Tenor auf dem Gelände und im Nachgang in den sozialen Netzwerken – eine gute Zeit. Auch, weil nach den drei chaotischen Jahren wegen Unwettern und Terroralarm einfach mal wieder um die Musik bei Rock am Ring ging.