Archivierter Artikel vom 07.06.2019, 20:58 Uhr
Nürburgring

„Rock am Ring“: Zwischen Kälte, Korn und Konzerten

Für die meisten Rock am Ring Besucher gehört das Campen mit schlechtem Wetter und ungemütlichen Nächten zum Festival einfach dazu. Musik, Bier und eben zelten. Unser Redakteur Stefan Schalles hat den Selbstversuch gewagt.

Stefan SchallesLesezeit: 4 Minuten
Horst ist seit 1986 Dauergast bei Rock am Ring.
Horst ist seit 1986 Dauergast bei Rock am Ring.
Foto: Schalles

Gegen 6 Uhr wird die Kälte so unerträglich, dass sie den Schlaf raubt. 7 Grad zeigt das Thermometer auf dem Handy an, die Füße in den Untiefen des Schlafsacks sind bereits taub, vom Boden aus zieht die Kälte in die Jacke und über den Rücken. Währenddessen hat sich die Feuchtigkeit nach Stunden durch die Außenhaut des Zeltes gearbeitet und fällt nun in feinen Tropfen auf den Boden. Aus einem Lautsprecher auf dem benachbarten Campingplatz dröhnt: „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen, Sonnenschein“. Egal, ob im Hinblick auf mich oder die Witterung – die Worte erscheinen in diesem Moment in hohem Maße unpassend.

Wer schon öfter bei Rock am Ring war, der weiß, dass schlechtes Wetter und ungemütliche Nächte zu dem Festival in der Eifel dazugehören wie die Musik und das Bier. Was für die meisten Camper somit gute Tradition ist, stellt für mich bei meinem Premierenbesuch eine äußerst kühle Feuertaufe dar. Doch zum Glück wird dies der einzige negative inmitten zahlreicher positiver Rock-am-Ring-Momente bleiben.

Meine offizielle Aufnahme in die Festivalgemeinde liegt an diesem kühlen und feuchten Morgen bereits einige Stunden zurück: Angereist bin ich am Nachmittag des Vortages, und schon wenige Minuten nach meiner Ankunft reift der Eindruck: Wer am Ring als Alleinreisender Anschluss finden will, muss dafür nur eins tun – nichts. Schon auf den knapp 200 Metern vom Park- zum Campingplatz strecken mir die ersten fremden Menschen ihre Hände zum Abklatschen entgegen. Auf der mir zugewiesenen Zeltfläche habe ich mein Gepäck noch nicht abgelegt, da stehen die Nachbarn zu meiner Linken auch schon zur überschwänglichen Begrüßung bereit.

In der Zwischenzeit hat einige Meter entfernt eine Gruppe aus Frankfurt ihr Lager aufgeschlagen. Was den Alkoholkonsum betrifft, sind die Jungs – wie sich schon kurze Zeit später herausstellen soll – bestens trainiert. Und sie huldigen einer „Sportart“, die ihr Interesse an den bei Rock am Ring vertretenen Bands bei Weitem zu übersteigen scheint. Die Festivaljünger vom Main, die seit 14 Jahren in die Eifel pilgern, nageln. Das heißt, sie schlagen reihum mit der schmalen Seite eines Hammers einen Nagel in einen Holzstamm, von morgens bis abends – nein, das ist keine Übertreibung. Wer das Metall im Holz versenkt, bestraft oder, in diesem Fall besser, belohnt seinen Vorgänger mit einem Glas Schnaps. Getrunken wird vor allem Jägermeister, später Kirschwasser und Korn.

Die aktuelle Runde ist gerade zu Ende, da ertönt mit „Doppelt oder nichts?“ auch schon die obligatorische Frage an den Verlierer. Eine eigens für das Spiel gebaute Maschine liefert auf Knopfdruck schließlich die Antwort. Dass ich meine Zuschauerrolle bei so viel Leidenschaft vonseiten der Profinagler bald los bin, versteht sich fast schon von selbst. Nach etwa zwei Stunden brauche ich dringend Erholung von den hochprozentigen Strapazen – und rette mich, indem ich ein Sonnenbad auf einem Liegestuhl vortäusche.

Dabei sind die Trinksportler aus Frankfurt längst nicht allein in der Riege der kuriosen und auf ihre Weise durchaus sympathischen Festivalbesucher. Nur einige Meter von der Gruppe entfernt, haben zwei junge Frauen ihr Lager aufgeschlagen: Maria aus der Nähe von Jena und Patrycja, gebürtige Polin und seit mehr als zehn Jahren in Berlin beheimatet.

Die beiden sind ihren Lieblingsbands Bring Me the Horizon, Architects und While She Sleeps an den Ring gefolgt. Ein wahrer Kurzausflug, wenn man bedenkt, dass die Vollblutfans für die Teilnahme an Konzerten ihrer Stars auch schon mal nach London oder Kanada reisen. Das immergültige Credo von Maria und Patrycja lautet dabei, immer in der ersten Reihe zu stehen. Und um das zu gewährleisten, nehmen die jungen Frauen auch gern mal eine Übernachtung bei Minustemperaturen vor einer Halle in München in Kauf. Rock am Ring bildet in dieser Hinsicht übrigens keine Ausnahme: Der Vorabend des Auftritts von While She Sleeps ist bei Patrycja und Maria fast in weiten Teilen den Planungen zur Sicherung der besten Plätze gewidmet.

Apropos kühle Nächte: Meine erste Festivalnacht ist in der Tat alles andere als angenehm – was sich bei den letzten Getränken des Abends in gemütlicher Runde und stetig abnehmenden Temperaturen bereits abgezeichnet hatte. Die Rettung ist bei meinem bösen Erwachen allerdings bereits nah und erscheint mir schließlich in Person von Horst aus der Nähe von Dresden. Der 59-Jährige lädt mich unverhofft zum Frühstück ein, er reicht Kaffe und Toast und erzählt von seiner langen Ring-Vergangenheit.

Seit 1986, ist Horst Dauergast in der Eifel. Ursprünglich mit einer Gruppe von 20 Personen angereist, später dann nur noch mit seiner Frau, besucht er das Festival mittlerweile allein. Und er genießt es: „Die anderen hatten irgendwann genug davon, doch der Ring ist meine Welt, und solange ich gesund bleibe, werde ich immer wieder hierher kommen“, erzählt Horst beim wärmenden Frühstück.

Und während wir zwei, der Premieren- und der Stammgast, noch in der Sonne sitzen und reden, machen sich Patrycja und Maria auf in Richtung Konzertbühne – die erste Reihe ruft. Und die Jungs aus Frankfurt? Richtig! Die nageln schon wieder.

Von unserem Redakteur Stefan Schalles