Archivierter Artikel vom 09.07.2022, 06:05 Uhr
Ahrtal

Marschbefehl ins Ahrtal: Oberst Stefan Weber blickt auf Einsatz der Bundeswehr zurück

Ihrem Wahl- und Werbespruch „Wir. Dienen. Deutschland.“, der auch das Selbstverständnis ausdrücke, sei die Bundeswehr beim Hilfseinsatz im Ahrtal vollauf gerecht geworden und habe ihren Auftrag erfüllt. Diese Bilanz zieht Oberst Stefan Weber.

Von Frank Bugge

Oberst Stefan Weber, Kommandeur des Landeskommandos Rheinland-Pfalz der Bundeswehr, führte den Einsatz der „Helfer in Flecktarn“ von der Flutnacht bis zum offiziellen Ende am 3. September. Nach der Zerstörung der Nepomukbrücke über die Ahr war ein Großteil des Örtchens Rech nicht mehr zu erreichen. Die Bundeswehr baute hier erste Notbrücken. Foto: Frank Bugge
Oberst Stefan Weber, Kommandeur des Landeskommandos Rheinland-Pfalz der Bundeswehr, führte den Einsatz der „Helfer in Flecktarn“ von der Flutnacht bis zum offiziellen Ende am 3. September. Nach der Zerstörung der Nepomukbrücke über die Ahr war ein Großteil des Örtchens Rech nicht mehr zu erreichen. Die Bundeswehr baute hier erste Notbrücken.
Foto: Frank Bugge
Er ist seit September 2020 Kommandeur des Landeskommandos Rheinland-Pfalz der Bundeswehr und führte den Einsatz der „Helfer in Flecktarn“ von der Flutnacht bis zum offiziellen Ende am 3. September. Die Personalie – ein Glücksfall fürs Ahrtal, wie im RZ-Gespräch deutlich wird. Stefan Weber stammt aus dem Brohltal, machte sein Abitur in Sinzig, lebt in der Region, die er kennt und in der er sich auskennt. Die Ahr, die Bahn, die Straßen, die Dörfer und Städte und nicht zuletzt auch viele Menschen sind ihm vertraut. Die beste Voraussetzung, die „Lage“ gut einschätzen und richtige Entscheidungen treffen zu können.

Menschen retten

In den Katastrophen- und Krisenstäben der Landkreise sitzen immer auch Offiziere der Kreisverbindungskommandos, um für den Fall der Fälle die Hilfe von der Bundeswehr zu organisieren. So auch am 14. Juli 2021 in der Einsatzleitstelle im Keller der Kreisverwaltung Ahrweiler. Wichtigste Maßnahme: Menschen in Lebensgefahr müssen mit Hubschraubern gerettet werden. Die Lagemeldungen aus Ahrweiler gehen auch an Oberst Weber vom Landeskommando Rheinland-Pfalz, der zudem Informationen aus den anderen Starkregengebieten in der Eifel und in Trier bekommt. Er hält Verbindung zum Innenministerium. Am frühen Donnerstagmorgen macht sich Weber auf zur eigenen Lageerkundung. Mit dem Ahrtal will er anfangen. Als er von der Autobahnbrücke der A 61 ins Ahrtal hinunterschauen kann, da wird ihm klar, dass hier die Bundeswehr dringend gebraucht wird.

Vom Segelflugplatz Bengener Heide oberhalb von Bad Neuenahr, dem später zentralen Luftverkehrspunkt im Katastropheneinsatz, fliegt er ahraufwärts. Mit einem Polizeihubschrauber, da ja alle Bundeswehrmaschinen gebraucht werden, um vor der Flut geflüchtete Menschen, die auf Dächern und Balkonen oder in Dachgauben ausharren, in Sicherheit zu bringen. Webers Maschine spürt immer wieder Hilfesuchende auf, kreist über ihnen und ordert die Luftrettung herbei. „Bis nach Schuld hinauf“ verschafft er sich einen Überblick über die Situation an der Ahr. Wichtige Erkenntnisse, die die spätere Einsatzplanung und Auftragsvergabe erleichtern und präzisieren.

Schlimme Nachrichten von draußen

Zur Arbeit und zur Arbeitsfähigkeit des Katastrophenstabes in der Flutnacht in der Kreisverwaltung kann Oberst Weber nichts sagen, da er nicht dabei war. Er erinnert sich, dass Informationen über die Wasserstände ausblieben, weil die in dieser Situation wichtigen Ahrpegel ausgefallen waren; die Lagebilder blieben unklar, und schließlich setzte vielerorts mit dem Strom auch die Kommunikation aus. Kräfte der Einsatzleitung erfuhren, dass sie auch persönlich betroffen waren, und erhielten schlimme Nachrichten von draußen. „Viele wurden von der Lage konsumiert“, beschreibt der Soldat es mit einem plastischen Wort. Die Dimension des Hochwassers, das eher ein Tsunami ähnelte, habe das überstiegen, „was man im Katastrophenstab üben und planen und schließlich mit den Mitteln auf Kreisebene bewältigen kann“. Das anzunehmende Schadensmaximum sei durch das „Jahrhunderthochwasser 2016“ definiert worden. Doch die Lage 2021 war viel schlimmer.

Die Bundeswehr baute erste Notbrücken in Rech. Foto: Ira Schaible/dpa
Die Bundeswehr baute erste Notbrücken in Rech.
Foto: Ira Schaible/dpa

Der Einsatz der Bundeswehr bei Großschadensereignissen erfolgt gemäß Grundgesetz nach dem „Subsidiaritätsprinzip“, das den Umfang der Hilfe definiert: Bevor die Streitkräfte unterstützen, sollten alle zivilen Unterstützungsmöglichkeiten ausgeschöpft sein. So gehe es nicht darum, dass Soldaten straßenweise Keller in Privathäusern leer räumen. Die Streitkräfte sollen vielmehr die Helfer und Hilfsorganisationen unterstützen, damit diese zum Einsatz kommen können. „Einsatzwichtige Infrastruktur wiederherstellen“, heißt das im Militärjargon. „Wir werden angefordert, wenn nichts anderes mehr geht und unsere Ausstattung gebraucht wird, welche andere nicht haben.“

1156 Soldatinnen und Soldaten

Das heißt konkret, die Bundeswehr ergänzte mit in der Spitze bis zu 1156 Soldatinnen und Soldaten die durchaus begrenzten Einsatzmöglichkeiten der „Blaulichtfamilie“ aus Polizei, Feuerwehr, THW und Rettungsdiensten. Grundlage sind offizielle Hilfeleistungsanträge öffentlicher Stellen wie zum Beispiel eines Landkreises. Im Ahrtal half die Bundeswehr in der Phase „Retten und Bergen“ bei der Luftrettung und dem Lufttransport mit zehn Hubschraubern und setzte watfähige und geländegängige Fahrzeuge ein, um unmittelbar Menschen aus ihrer Notlage herauszuholen oder sie zu versorgen.

Dann ging es vor allem darum, die Straßen und Wege so herzustellen, dass andere Hilfskräfte, später auch Baufirmen mit ihren Geräten oder auch Freiwillige erst einmal zum Einsatzort durchkommen. Bergepanzer und schwere Räumgeräte wurden eingesetzt. Unter anderem auch, um im Bett der oberen Ahr möglicherweise bei starkem Regen gefährlich werdende Anschwemmungen zu beseitigen.

In der Akutphase legte das Militär mehrere Panzerschnellbrücken, um die Verbindungen der beiden Ahrseiten herzustellen, zwischen denen die Brücken von der Flut weggerissen worden waren. So etwa in Liers und Rech, wo neben der Schnellbrücke für Fahrzeuge zudem für Fußgänger eine kleine Pontonbrücke gebaut werden musste. Die einfachen Panzerschnellbrücken haben Bundeswehrpioniere später durch drei Leichtbaubrücken aus britischer Produktion vom Typ „Medium Girder Bridge“ (MGB) in Liers, Rech und Insul ersetzt und diese im Herbst zusätzlich wieder abgebaut, weil breitere Bauwerke des THW errichtet werden konnten.

Drei Millionen Liter Diesel vertankt

Die Bundeswehr übernahm zudem die Auffüllung der Trinkwassercontainer und die Versorgung aller Fahrzeuge und Maschinen im Tal mit Treibstoff. Drei Millionen Liter Diesel, von Mineralölfirmen gesponsort, wurden durch die Bundeswehr an Betroffene, Hilfsorganisationen und Helfer vertankt. Große Treibstofflaster standen an zentralen Tankpunkten, „Spritmulis“ der Bundeswehr waren im Tal unterwegs, um direkt am Ort die Traktoren, Bagger, Baumaschinen und Aggregate bei den Aufräumarbeiten zu betanken.

Das alles funktioniere, so Oberst Weber, nach dem Grundsatz „Führen mit Auftrag“, reine Befehlstaktik sei zu wenig flexibel. „Gerade in einer unklaren Lage ist es wichtig, den Leuten vor Ort die Entscheidungsfreiheit und Verantwortung zu überlassen. Das heißt: Euer Auftrag lautet wie folgt! Wie das militärische Vorgesetzte am zweckmäßigsten umsetzen, überlasse ich ihrer Beurteilung vor Ort, erklärt Oberst Weber das Bundeswehrprinzip, „das uns stark macht.“ Er selbst war ständig in der Ahrregion unterwegs, dort im Gespräch mit Soldaten, Bürgern, Bürgermeistern oder den Krisenstäben. Nicht weniger als 5000 Kilometer sind auf dem Tacho zusammengekommen.

Spezialisten im Einsatz

Einheiten aus der gesamten Republik haben im Ahrtal geholfen. Pioniere aus Minden, Holzminden und Gera, IT-Einheiten aus Kastellaun, Versorgungstruppen aus Unna. Dörfer im Sahrbachtal, die durch die Flut des Sahrbachs vom Ahrtal abgeschnitten wurden und nur noch aus Nordrhein-Westfalen zu erreichen waren, bekamen Hilfe von einer ABC-Einheit, die eine Wasseraufbereitungsanlage, eine Feldküche und Duschen mitbrachte.

Die Soldaten und Soldatinnen in ihren Heimatstandorten überraschte die Hilfsaktion im Ahrtal weitgehend unvorbereitet. Wenn jemand in den Auslandseinsatz gehe, erhalte der eine „einsatzvorbereitende Ausbildung“, beschreibt Weber als Beispiel. Fürs Ahrtal gab es keine Vorbereitung, aber die Motivation, den Menschen im eigenen Land zu helfen.

Verwüstete Friedhöfe

Wobei die Aufgaben herausfordernd und vielfältig waren. Unter anderem übernahmen Soldatinnen und Soldaten die für die Menschen im Tal so wichtige Aufgabe, von der Flut verwüstete Friedhöfe in Altenahr und Ahrweiler pietätvoll wieder in einen würdigen Zustand zu versetzen. „In der damaligen Situation war das eine Selbstverständlichkeit“, erwidert Stefan Weber auf die Frage, inwieweit das eine Aufgabe für die „helfenden Hände von der Bundeswehr“ sei. Zudem wurden der jüdische Friedhof in der Schützenstraße von Ahrweiler und der Ehrenfriedhof Bad Bodendorf vom Militär wiederhergerichtet. Eigene Militärseelsorger und die psycho-soziale Betreuung seien dort und auch während des gesamten Einsatzes überall zur Stelle gewesen.

Ahr-Einsatz gemeistert

„Mit Entschlossenheit und zugleich Empathie“ auf der Grundlage einer guten Ausbildung habe die Truppe aus dem Stegreif den Ahr-Einsatz gemeistert, dabei zudem Selbstbewusstsein fürs eigene Tun herausgezogen, bilanziert der Kommandeur. Wichtig auch: Alle Soldatinnen und Soldaten seien „heil rausgekommen“. Ein Landeskommando sei für eine solche Aufgabe geradezu prädestiniert: Es kenne die handelnden Personen im Land, vom Landrat bis zur Ministerpräsidentin, es verfüge über die notwendigen Kenntnisse zu den Besonderheiten im Bundesland (Geographie, Infrastruktur, Politik), und „es hat aufgrund seiner Dislozierung im Land immer relativ kurze Anmarschzeiten“.

Was hat die Bundeswehr insgesamt aus dem Einsatz gelernt? Die Truppe müsse beim Personal und der Ausrüstung ertüchtigt werden, so die Botschaft von Oberst Weber. Im Fokus stehe natürlich die Landes- und Bündnisverteidigung. „Wenn wir als Militär das scharfe Ende beherrschen, können wir alles andere wie einen Hilfseinsatz zur Bewältigung einer Katastrophe auch.“