Archivierter Artikel vom 09.07.2022, 06:07 Uhr
Ahrtal

Die letzten Tage der Helene Rieck: Die Nacht der Flut bricht ihr das Herz und lässt sie für immer verstummen

Als Helene Rieck im Sterben liegt, ist ihr Sohn Hubert seiner Mutter ganz nah. „Mutter hat nur noch mit den Augen korrespondiert und reagiert. Sie war eine religiöse Frau. Daher habe ich das Vaterunser mit ihr gebetet. Das hat sie mit den Augen mitgesprochen.“ Helene Rieck hat ihre Stimme, ihre Sprache in der Nacht verloren, als die Ahr 134 Menschen das Leben raubte. Mutter Rieck hat die Ahr verschont. Zunächst.

Von Christian Kunst

Hubert Rieck auf der Treppe seines Wohnhauses in Bad Neuenahr. Ganz nahe dabei ist ihm seine Mutter Helene.
Hubert Rieck auf der Treppe seines Wohnhauses in Bad Neuenahr. Ganz nahe dabei ist ihm seine Mutter Helene.
Foto: Jens Weber

Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme

Am frühen Abend des 14. Juli 2021 ist Hubert Rieck sehr unruhig. In seiner Gründerzeitvilla in der Kreuzstraße in Bad Neuenahr schaut er immer wieder auf die Wetter-App des Deutschen Wetterdienstes. „Das Regengebiet hat sich nicht verändert. Normalerweise wandert es, aber da kam immer wieder Nachschub.“ Gegen 20.30 Uhr bringt er seine 97 Jahre alte Mutter ins Bett. Helene Rieck ist seit einigen Jahren pflegebedürftig. Sie und ihr Sohn reden noch miteinander, sie hilft ihm beim Kochen. Doch die Demenz nagt schon an ihr. Sie lebt im Erdgeschoss, wo ihr Sohn und der Pflegedienst sie an diesem Abend versorgen. Sie schläft schnell ein.

Hubert Rieck ist hellwach. Alarmiert. Er legt Sandsäcke vor sein Haus, schaut in den Keller, hinters Haus. Vom dritten Stock kann er die Ahr sehen. „Sie war sehr hoch, aber noch in ihrem Bett. Ich hatte ein unwohles Gefühl, aber nicht das einer elementaren Bedrohung.“ Rieck pendelt wie ein Lotse auf seinem Schiff hin und her.

Gegen 23 Uhr hört er plötzlich, wie das Wasser tost, gurgelt, brüllt. „Der Keller war voll mit Wasser. Hinten im Garten war ein großer See. Die Straße war ein reißender Fluss mit einer wahnsinnigen Strömung. Autos schossen vorbei. Durch die Enge entstanden Wellen. Bei mir quoll das Wasser aus dem Keller, durch die Haustür, und von hinten drückte der See rein, vorn war das Haus wie ein leckgeschlagenes Schiff.“

Hubert Rieck läuft in das Zimmer, in dem seine Mutter immer noch schläft. Er greift unter ihre Schultern, zieht sie aus dem Bett, den Flur entlang, die Treppen hoch in den ersten Stock, die Ahr krabbelt immer wenige Zentimeter unter ihnen, will die Flüchtenden packen. Rieck kennt den Rettungsgriff aus dem Pflegekurs. Doch in der Panik der Nacht ist jede Stufe eine Qual. Seine Mutter wird wach und schreit: „Hilfe! Hilfe! Wir ertrinken!“ Hubert Rieck redet auf sie ein.

Ganz ruhig! Wir kriegen das hin. Wir ertrinken nicht.

Hubert Rieck

Irgendwann erreichen sie den ersten Stock. Er legt seine Mutter in ein Bett, deckt sie zu und beruhigt sie. „Ich hatte keine Todesangst. Ich war so beschäftigt mit der Rettung meiner Mutter und mit mir. Da müssen Sie funktionieren. Machen. Ums Überleben kämpfen. Und es war mir ja möglich zu kämpfen. Ich wusste: Je höher ich gehe, umso größer ist die Chance, dass wir beide überleben. Das unterscheidet mich von Menschen, die weiter unten an der Ahr manchmal mit ihrem ganzen Haus weggespült worden sind. Oder von Nachbarn, die nur einige Meter entfernt von mir in ihren Wohnungen plötzlich eingeschlossen waren und nicht mehr herauskamen.“

Doch Hubert Rieck hat auch Angst, dass ihn die Kraft verlässt. Seinem Pfarrer Jörg Meyrer wird er später berichten, wie ihm Gott in dieser Nacht hilft, dieser Angst zu begegnen. In seinem Buch „Zusammenhalten“ schreibt der Seelsorger der Pfarreiengemeinschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler: „Hubert betet, stellt seine Muttergottes-Figur auf den Treppenabsatz, und er weiß: Noch ein Stockwerk schafft er die Mutter nicht. Zwei Stufen vor dem Absatz hört das Steigen auf, mitten in der Nacht. Das Wasser steigt nicht weiter ... Dann legt Hubert sich zu seiner Mutter und hofft, dass sie schläft.“

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden

Schon zwei Tage nach der Flut kommen die ersten Helfer in die verschlammte Gründerzeitvilla. Unzählige unbekannte Freiwillige, Verwandte von Hubert Rieck und ehemalige Schüler. Er war Lehrer an mehreren Schulen im Ahrtal, zuletzt von 2003 bis 2014 Rektor an der Grundschule Bad Neuenahr. Ein 18 Jahre alter ehemaliger Schüler steht mit ihm im Schlamm und sagt: „Sie haben gesät, jetzt ernten Sie mal.“ Lichtblicke in einer Zeit, in der Hubert Rieck vor allem funktionieren muss.

Erst nach der Flutnacht erfährt er, welches Leid sich in seiner Nähe abgespielt hat. Viele seiner Nachbarn haben sich nur knapp retten können. Da ist der drahtige Mann, der aufs Dach geklettert ist, die Tochter hat ihm die Küchenleiter aufs Vordach gestellt. Sie hat ihn gerettet. „In einem anderen Haus wurde stundenlang um Hilfe gerufen, die Nachbarn waren hilflos. Sie konnten nichts tun, weil da ein reißender, acht Meter breiter Fluss war. Später wurden die Leichen in einer Garage gefunden.“

Oder die alleinstehende Rentnerin, im Schlaf ertrunken, Rieck kann ein Fenster ihrer Wohnung von seinem Haus aus sehen. Und dann ist da seine ehemalige Schülerin, die gerade ihren Meister gemacht hat, die in ihrer ersten eigenen Wohnung ertrunken ist, wenige Meter von Riecks Haus entfernt. „Das ist doch fürchterlich, wenn ein Elternpaar ein Kind verliert, das gerade zu leben begonnen hat, das gerade flügge war. Das ist Wahnsinn. Das ist Wahnsinn.“ Anfang Juni laden ihn die Eltern zum 23. Geburtstag ihrer Tochter ein. Tränen fließen am Grab.

„Der Tod gehört zum Leben“, sagt Hubert Rieck. „In der Zeugung ist der Tod angelegt. Jedes Lebewesen stirbt. Aber dieser gewaltsame, überraschende Tod, besonders wenn er so junge Menschen trifft – der hat etwas Brutales, Hinterhältiges.“ Er wird auch verdrängt. Ja, sagt Hubert Rieck. Und ihm fällt Herbert Grönemeyers Lied „Mensch“ ein: „Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt. Und weil er schwärmt und glaubt, sich anlehnt und vertraut. Und weil er lacht. Und weil er lebt. Du fehlst.“

Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Im Mittelalter, sagt Hubert Rieck, hätte man nach einer solchen Katastrophe gepredigt: Gott hat es so gewollt, es ist seine Strafe.

Nein. Das war kein Schicksal. Das war eklatantes Versagen.

Hubert Rieck

Wenn es um die Schuld für die Ahr-Flut geht, dann gerät Hubert Rieck in Rage: „Die Schuldfrage muss der Rechtsstaat beantworten. Aber in mir kommt starke Wut hoch, wenn mir wieder klar wird, wie ahnungslos wir waren. Ich war zwar unruhig an diesem Abend, aber es gab keine Warnungen. Als die Menschen an der oberen Ahr schon um ihr Leben rangen, wiegten wir uns noch in Sicherheit. Und als wir um unser Leben kämpften, da waren sie in Sinzig noch völlig ahnungslos. Wir sind doch ein Land, das so viel Wert auf Technik legt, auf Genauigkeit. Wo war all das in dieser Nacht?“

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Zwei Tage nach der Flutnacht, in der Hubert Rieck seine Mutter gerettet hat, ruft er seinen Freund, den Palliativmediziner Dr. Ekkehard Louen, an. „Ich glaube, Mutter wird sterben“, sagt er dem Freund. Warum, fragt der. Rieck antwortet: „Mutter ist plötzlich nicht mehr ansprechbar. Mit den Augen ja, mit dem Gefühl ja, aber sie redet nicht mehr mit mir, sie isst und trinkt nur noch wenig.“ Für Hubert Rieck sind es die Folgen eines Schocks. „Es sind untrügliche Zeichen, dass sie sich auf den Weg gemacht hat.“

Louen, der vor seiner Pensionierung als Oberarzt im Remagener Krankenhaus tätig war, schlägt sich durch das Chaos nach dem 14. Juli in Bad Neuenahr zu Rieck durch. „Plötzlich stand er vor der Tür. Er hat Mutter untersucht und palliativ wunderbar behandelt. Er ist ein Engel gewesen. Wenn man stirbt, wird man unruhig. Er hat ihren natürlichen Sterbeprozess erleichtert.“ Und er macht Riecks Leben etwas leichter. „Das Haus ist ein Trümmerfeld, die Mutter liegt im Sterben. Da rufen Sie doch laut: ,Herr! Was hast du noch für mich? Hast du noch was?“ Seinen Freund fragt Rieck: „Ekki, wie lange wird es dauern?“ Der antwortet: zwischen drei und sieben Tagen.

Louen beantwortet ihm auch Fragen, die fürchterlich weh tun, die Rieck aber schwer auf der Seele liegen. Was, fragt er seinen Freund, heißt eigentlich ertrinken? Rieck schildert, was der ihm geantwortet hat: „Das sind zwei, drei Minuten mit fürchterlichsten Todesängsten. Das Wasser steigt, man steigt mit hoch, man versucht zu schwimmen. An der Decke angekommen, bleibt erst noch Raum, um Luft zu bekommen. Dann irgendwann ist das Wasser über einem. Aus einem Reflex heraus schließt man den Mund. Aber man muss doch atmen. Irgendwann öffnet man den Mund. Und das Wasser und der Schlamm treten in den Mund ein, laufen runter in Luft- und Speiseröhre, in die Lunge. Man versucht zu husten, kann es aber nicht. Man erlebt also einen fürchterlichen Erstickungstod, der vielleicht nach zwei oder drei Minuten eintritt. Für den Betroffenen ist es eine Ewigkeit.“

Und dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Am Abend des fünften Tages nach der Flut fährt Ekkehard Louen nach Hause, um etwas zu essen. Er will später wiederkommen. Hubert Rieck setzt sich zu seiner Mutter. Während er mit ihr das Vaterunser spricht, hält er immer wieder seinen Finger an ihre Halsschlagader.

Er spürt wohl, dass sie jetzt gehen möchte. „Sie mögen es glauben oder nicht. Beim Amen war der Puls weg. Da ist sie gestorben. Beim Amen. Nicht schmerzverzerrt. Sie war nie lebensmüde. Louen hat mir gesagt: Ohne die Flut wäre sie nicht gestorben. Ich hatte in dieser Zeit die professionelle Hilfe eines Palliativarztes. Das hat es für mich ertragbarer gemacht. Da sind 134 Menschen, die in ihren letzten Minuten keinen Beistand hatten.“

Amen

Am 10. September 2021 wird die Urne von Helene Rieck auf dem Bad Neuenahrer Friedhof beigesetzt. Die Urne ist umrahmt von Bildern aus dem Leben der Bergmannstochter aus dem Saarland, die aus der Gründerzeitvilla eine kleine Fremdenpension gemacht hat. Das wichtigste Bild, erzählt Hubert Rieck, ist leider in der Flut versunken. Er hat nur noch eine Kopie. Auf dem Original stand auf der Rückseite: „Für Klaus Rieck, meiner großen Liebe, 1944“. Das Bild, sagt Hubert Rieck, „hat meinen Vater im Krieg am Leben gehalten. Dafür hat er gelebt, für seine große Liebe.“

Es gab im Ahrtal nach der Flutnacht etwas, das Jörg Meyrer „einen anderen Tod“ nennt. „Denn“, schreibt er, „es sind in den Tagen nach der Flut Menschen an der Flut gestorben. Nicht weil sie ertrunken sind. Nicht weil sie Verletzungen davongetragen haben, an denen sie gestorben wären. Sie sind an den Folgen der Flut gestorben; ich sage: an gebrochenen Herzen. Oder anders ausgedrückt: Sie konnten mit all diesen Erlebnissen nicht weiterleben.“ Helene Rieck war eine von ihnen.