Archivierter Artikel vom 09.07.2022, 06:00 Uhr
Ahrtal

Das Treibgut der SolidAHRität: Von guten Menschen, viel Geld und starken Gefühle

Wilhelm Hartmann, Chef einer Gärtnerei mit Winterdienst in Fulda, filmt am 16. Juli, zwei Tage nach der Flut-Katastrophe, eine Kolonne von Landwirten aus dem Westerwald, die zum Helfen ins Ahrtal kommt. Der Film hat bis heute über 2,1 Millionen Aufrufe erreicht.

Von Frank Bugge

Eimer für Eimer voll mit Schlamm. Tausende Helfer kamen ins Ahrtal und packten mit an. Mobilisiert in der Regel durch die sozialen Netzwerke. Foto: Thomas Frey
Eimer für Eimer voll mit Schlamm. Tausende Helfer kamen ins Ahrtal und packten mit an. Mobilisiert in der Regel durch die sozialen Netzwerke.
Foto: Thomas Frey

Was das Amateur-Video zeigt, beschreibt der „Post Event Review Capability Ereignisbericht“ (PERC) der Zurcher Versicherung später in nüchternen Worten: Vom 16. Juli an gibt es neben den Einsätzen von Feuerwehr, TWH, Bundeswehr und anderen Hilfsorganisationen im Ahrtal „einen massiven Zustrom von spontanen, privaten Freiwilligen, bei denen die Selbstorganisation durch soziale Medien erfolgte“.

Lohnunternehmer Wipperfürth

Der landwirtschaftliche Lohnunternehmer Markus Wipperfürth aus Pulheim im Rhein-Erft-Kreis hilft mit Traktor samt Muldenanhänger in Walporzheim, unermüdlich Treibgut und Sperrmüll aus den verstopften Straßen abzufahren. „Wippi“ berichtet auf Facebook und kommentiert seine Live-Filme. Eines seiner ersten Videos vom 15. Juli findet gerade mal 3100 Zuschauer, ein weiteres vom 16. Juli allerdings schon 53.086, ein Film vom 21. Juli sogar 66.745 Zuschauer. Die Beiträge werden tausendfach geteilt und kommentiert. Privat-Videos der Helfer und der Betroffenen berichten neben den Medien weltweit und authentisch über die katastrophale Situation. Das bringt Menschen dazu, zum Helfen ins Ahrtal aufzubrechen und sich Einsatzstellen zu suchen.

In den Tagesberichten des Katastrophenstabes ist lange Zeit von den Freiwilligen keine Rede. Bis sie plötzlich zum Problem werden, weil sie mit ihren vielen Autos das Tal blockieren. „Letztlich musste die Einsatzleitung den Zugang für private Freiwillige sperren“, hält der PERC-Bericht für den 24. Juli fest. Die Lösung haben die Bad Neuenahrer Geschäftsleute Thomas Pütz und Marc Ullrich.

An vielen Häusern und Ruinen hängen Banner mit einem schlichten „Danke“.
An vielen Häusern und Ruinen hängen Banner mit einem schlichten „Danke“.
Foto: picture alliance/dpa

Sie organisieren den „Helfer-Shuttle“ im Gewerbegebiet Ringen. Dort gibt es ausreichend Parkplätze für die Helfer-Pkw, von dort werden sie gezielt in Bussen ins Tal gebracht. Schließlich sind es mehr als 100.000. Für die Freiwilligen gibt es am Shuttle die Verpflegung, Ausrüstung und physische und psychische Betreuung, sogar ein großes Übernachtungscamp, in dem abends Stimmung aufkommt. In der Hochzeit transportiert der Shuttle bis zu 5000 Personen am Tag in das Wiederaufbaugebiet. Wie sehr die Katastrophe die Öffentlichkeit beschäftigt, zeigt die Tatsache, dass es das Flutbuch „Es war doch nur Regen“ des Flutbetroffenen und BKA-Beamten Andy Neumann aus Ahrweiler schnell in die Bestsellerliste schafft.

Immer wieder Thema

Dass es eine Grenze beim freiwilligen Einsatz und Konfliktlinien gibt, zeigt eine Pressekonferenz am 6. August in Walporzheim. Die Helfer Markus Wipperfürth, Marcus Zintel, Christian Lohmeyer und Wilhelm Hartmann machen klar, dass sie und bis zu 1200 andere ihre Arbeit nicht länger kostenlos anbieten wollen. Sie stellen Arbeiten in Rechnung, bekommen aber bis dahin von Kommunen, Kreis und Land kein Geld. Das mahnen sie Anfang August an, drohen mit dem Ende ihrer Aufräumarbeiten. Seither sind Rechnungsstellungen, Abrechnungen, Zahlungen aus dem Wiederaufbaufond oder die Verwendung von Spendenmittel immer wieder Thema.

Über ihre Facebook-Reichweite gelingt es „Wippi“ und „Willi“, Menschen zu mobilisieren, viele Projekte zu starten und einzelne Hilfseinsätze gezielt zu organisieren. Wipperfürth berichtet, dass er auf einen konkreten Aufruf hin mit 20.000 bis 30.000 Euro an Spenden rechnen kann.

Neben der „Eimerkette“, den ungezählten, meist jungen Helfern, die im Juli und August mit Gummistiefeln, Eimern und Schippen zum Aufräumen durchs Tal ziehen, gibt es eine sehr große Gruppe von Helfern, die sich an Versorgungsstationen, in Spendenverteilzentren mit Material- und Werkzeugausgaben und Gemeinschaftstreffpunkten engagieren. Diese Anlaufstationen entstehen in allen 26 Orten entlang der Ahr, bestehen zum Teil noch heute wie etwa die Versorgungspunkte in der Kreisstadt, in Walporzheim, Laach, Marienthal oder Altenburg. Überregional bekannt geworden sind der „Tante Emma Laden“ in Dernau, der „HangAHR 21“ in Ahrweiler oder die „AHRche“ auf dem Gelände des Campingplatzes Ahrweiler.

Kreative, unkoordinierte Eigeninitiative herrscht im Tal. Auf dem zerstörten Ahr-Sportplatz in Walporzheim baut Gartenbauunternehmer Hartmann sein „Wilhelmshafen“, ein Container-Schlafdorf, auf. Nebenan entsteht das „Baustoffzelt Kaiser“, in dem – von Freiwilligen verwaltet – Spenden von Baumaterial und Maschinen wiederum kostenlos an Flutbetroffene weitergegeben werden. Im Sportlerheim etabliert eine Helfer-Initiative die „Elektroseelsorge“, in der Fachleute, sich immer wieder beim Dienst im Tal abwechselnd, elektrische Geräte kostenlos reparieren. Auf dem Gelände gibt es zudem die „Helferwerkstatt“. Hier wird „alles mit Verbrennungsmotor“ – Fahrzeuge und Maschinen – repariert. Beide Einrichtungen sind heute in Heimersheim untergebracht.

Nach Landespolitikern und der Bundeskanzlerin besucht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Anfang Oktober das Ahrtal. Am Abend wird er im Zelt am Helfer-Shuttle von über tausend Helfern begrüßt, die sich und ihren Einsatz feiern, als das Staatsoberhaupt die „SolidAHRität“ lobt. Er sei stolz, der Präsident einer Gesellschaft zu sein, die so füreinander einstehe. Später bleibt dem Staatsoberhaupt noch Zeit für ein Gespräch mit Markus Wipperfürth und Wilhelm Hartmann.

Doch im Hintergrund brodelt es schon. Zeliha Atac, die in der Kreisstadt ein Versorgungszelt („Zelihas Treff“) mit Essensausgabe koordiniert, hat das Staatsoberhaupt abgepasst. Sie klagt emotional und medienwirksam darüber, dass ihr so wichtiger Treffpunkt von der Stadt geschlossen werden solle, weil sich angeblich die Bürger wieder selbst versorgen könnten. Dem sei nicht so. Für Zeliha gibt es breiteste Unterstützung auf Facebook und harsche Kritik für Politik und Verwaltung.

Hilfeleistungen erfassen

Steinmeier hatte auf die lokale Entscheidungsebene verwiesen, auf der bereits ein weiterer Konflikt eskaliert. Beim Übergang der Katastrophenverwaltung von der ADD auf den Kreis macht der eine „Inventur“, will Hilfseinrichtungen erfassen und wissen, wofür Geld fließt, verlangt Nachweise. Wilhelm Hartmann kündigt an, Baustoffzelt und Containerdorf abzubauen, seine Hilfe einzustellen. Über Nacht tobt ein Shitstorm gegen die Kreisverwaltung, teilweise mit militanten Aufrufen.

Die Welle der Empörung ebbt erst ab, als Hartmann zusammen mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Horst Gies sowie Thomas Pütz vom Helfer-Shuttle verkünden kann, dass das Zelt und das Dorf sicher finanziert nach Ringen auf einen zudem hochwassersicheren Platz umziehen werden. Die Empörungsszenarien, durch Beiträge und Kommentierungen geschürt, sowie die Facebook-Debatten haben sich seither mehrfach wiederholt. Wobei viele der diskutierenden und kommentierenden Teilnehmer gar nicht aus dem Ahrtal kommen, gar nicht die Situation im Tal aus eigener Erfahrung oder Anschauung bewerten können.

Ein anderes Problem: Bereits Anfang Oktober hat sich der Heilpraktiker für Psychotherapie, Godehard Pötter aus Recklinghausen, als Notfallseelsorger im Tal zum Thema „Wenn das Helfen süchtig macht“ geäußert. Es geht ums „Helfersyndrom“. Die Ahrtal-Hilfseinsätze, voller Dankbarkeit und Gemeinschaftsgefühl, geben einem so viel, machen süchtig, sodass man immer wiederkommen muss, um dieses gute Gefühl zu erhalten. Pötter erklärt, wie man wieder heraus- und zurück in den eigenen Alltag finden kann.

Die mediale Erregungskurve schlägt im Februar vehement aus. „Sie kamen als Helfer und wurden Fluthelden, nun sind sie für manche Besatzer: Zwei Unternehmer haben sofort angepackt. Doch inzwischen wächst das Unbehagen, weil sie ihre riesige Fangemeinde auf Facebook als Druckmittel einsetzen“, heißt es in einem Artikel von Lars Wienand am 6. Februar, der die Helfergeschichte von Hartmann und Wipperfürth beschreibt, zudem ihren Anspruch auf die Deutungshoheit im Tal, aber auch die Rechnungsstellung und Abrechnungspraxis der beiden kritisiert. Tage- und nächtelange ziehen sich die Diskussionen durchs Netz, gefüllt mit Sachargumenten, aber auch mit viel Hass.

Fachleute sind gefragt

Im Frühjahr startet der Shuttle vor allem Begrünungsaktionen und muss registrieren, dass die Zahl der Helfenden deutlich zurückgeht. Helfer und Hilfsorganisationen orientieren sich in Richtung Ukraine-Hilfe. Im Ahrtal seien statt der Abriss- und Abbrucharbeiten für ungelernte Helfer beim Rückbau nun vermehrt die Fertigkeiten und Fähigkeiten von Fachleuten und Firmen beim Aufbau gefragt, begründet Marc Ullrich. Der Shuttle hat daher seit Ende Mai geschlossen. Er bietet allerdings eine Onlineplattform, die Helfende und Hilfesuchende zusammenbringt.

An einem Beitrag des „Helfer-Stabs“ auf seiner Internetseite und auf Facebook am 17. März entfacht sich eine erzürnte Auseinandersetzung. „Die akute Katastrophensituation ist bewältigt... Grundsätzlich steht einer Selbstversorgung und damit einem weiteren Schritt in Richtung Normalität nichts im Wege und der Wunsch der Bürger nach Eigenständigkeit wird immer größer“, heißt es auf der von Geschäftsführerin Nicole Schober verantworteten Seite des „Helfer-Stabs“. Den klassifizieren Kritiker ohnehin als verlängerten Arm der Landesregierung und Schober, die unter dem Künstlernamen Missy Motown agiert, als Abwieglerin, die die Not leidenden Menschen verhöhne.

Seither haben sich die Fronten in der Auseinandersetzung verfestigt. Es stehen sich in der Beurteilung der Lage, der Not und der notwendigen Hilfe im Ahrtal zwei Lager mit gewaltiger Unterstützung aus den sozialen Netzen. Alle Stellungnahmen und Kommentierungen auf Facebook erzeugen Anschuldigungen, Beleidigungen, Unterstellungen und privat-persönliche Attacken bis hin zur Androhung von körperlicher Gewalt. Motive und Motivationen werden unterstellt, die vom „Geschäftemachen“ über „Spendenunterschlagung“ bis hin zur politischen Agitation von Rechtsextremisten und Querdenkern reichen. Glaubt man den Beiträgen, schleichen sich auch „Trolle“ in Diskussionen ein und sabotieren diese. User werden gesperrt und es geht bis hin zu Anzeigen und Unterlassungsklagen vor Gerichten. Politiker oder öffentliche Verwaltung reagieren nicht auf diese Auseinandersetzungen, nehmen auch nicht teil.

In einem Beitrag „Wie funktioniert das mit den Hatern im Internet?“ hat Psychologe Pötter in elf Schritten beschrieben, wie das Kommunikationsmodell des sogenannten Dramadreiecks funktioniert. Beteiligte – allerdings aus beiden Lagern – verweisen darauf und meinen damit stets nur die Gegenseite.

Fluthilfe in Ringen

Heftigste Debatten gibt es bis heute über die Entscheidung des Kreistages im November, für den Umzug und den Weiterbetrieb von Einrichtungen der Fluthilfe in Ringen 3,5 Millionen Euro bereitzustellen. Schließlich entschied der Kreistag mit Landrätin Weigand an der Spitze am 31. Mai, diese Einrichtungen und das Verteilzentrum Gelsdorf herunterzufahren und zu schließen. Abrechnungen seien nicht transparent, und der Kreis könne sie nicht mehr finanzieren. Hartmann und Co. halten entgegen, dass der Kreis nicht richtig nachgefragt habe und nicht mit ihnen kommuniziere.

Im Tal haben sich Hilfsangebote etabliert, in denen Menschen neue Aufgaben und Erfüllung finden. Das Problem: Die „klammernden Helfer“ (Pötter) leisten den Betroffenen nicht die Hilfe zur Selbsthilfe, die schließlich die Helfer überflüssig macht, „sondern sie werden in der Hilflosigkeit fixiert, quasi von den Helfern abhängig macht“. Das müsse aufgebrochen werden. Viele Helfer seien mittlerweile selbst hilfebedürftig, sagt der Psychologe.