Archivierter Artikel vom 09.07.2022, 06:00 Uhr
Ahrtal

Das angestrengte Tal und seine wahren Helden: Was im Ahrtal schon geschafft wurde und was noch zu tun ist

Tage wie diese, in denen sich die Flut im Ahrtal zum ersten Mal jährt, sind für die Menschen in Dorsel, Schuld und Insul, in Altenahr, Dernau und Rech, in Bad Neuenahr, Sinzig und in allen anderen Orten im Tal anstrengend. Es wird Bilanz gezogen, es werden Fragen gestellt. Von Amts wegen, von Medienvertretern und von vielen Besuchern des Tals, die aus echter Anteilnahme fragen: Wo steht ihr? Wie geht es euch?

Von Lars Hennemann

Die Todesflut kam am 14. Juli ins Ahrtal, eine unvorstellbare Welle der Zerstörung.
Die Todesflut kam am 14. Juli ins Ahrtal, eine unvorstellbare Welle der Zerstörung.
Foto: Christian/Adobe

Es ist anstrengend, solche Fragen zu beantworten. Weil die, die antworten sollen, alles noch einmal durchmachen. Den 14. Juli 2021, als das Tal von einer unfassbaren Welle der Zerstörung heimgesucht wurde. Sie riss Menschenleben, Häuser, Firmen, Weinberge, Hoffnungen und Träume mit sich. Und den 15. Juli 2021 und alle Tage seither, an denen sichtbar wurde, wie hart das Tal getroffen worden ist. Und an denen das Aufräumen und der Wiederaufbau begann. Das alles machen die Menschen in diesen Tagen noch einmal besonders intensiv durch. Das fällt immer noch schwer und strengt wieder einmal an.

Warum? Weil trotz allem, was gelungen ist, Enttäuschung in vielen Köpfen herrscht. Enttäuschung vor allem über den Staat. Einen Staat, der bei allem Verständnis für das Unvorhersehbare seine Bürger nicht schützen konnte. Dies lag – so viel weiß man heute – keineswegs nur an der Einzigartigkeit eines Unwetters. Es lag auch an kleinstteiligen Strukturen, mit denen man einer solchen Situation niemals Herr werden kann. Deutschland im Allgemeinen und Rheinland-Pfalz im Besonderen hatten aus anderen Ereignissen – etwa an Elbe und Oder – viel zu wenig gelernt. Das Ahrtal bezahlte dafür bitter.

Nun ist man bekanntlich nach einem Ereignis immer klüger als vorher. Oder man sollte es sein. Aber, und das war der zweite Schlag für die Menschen, nicht so im Ahrtal. Anstatt groß, unbürokratisch und pragmatisch zu denken, überzog man die ins Mark getroffene Region erneut mit dem ganzen kleinteiligen Irrsinn, zu dem die deutsche Verwaltung auch im Angesicht einer Katastrophe jederzeit imstande ist. Frei nach dem Motto „Aufgebaut wird strikt nach Vorschrift, ob die passt oder nicht“.

Absurde Vorschriften

Man frustrierte die auf Hilfe Hoffenden, indem man Hilfe zwar versprach, aber die ISB, die sie organisieren sollte, zum Flaschenhals machte. Indem man von Modellregion redete, aber – wenn die öffentliche Hand baute – dies sichtbar nach alten Mustern tat. Während die Bürger weiter mit Vorschriften überzogen wurden, die teils bis ins Absurde gingen. Kampf gegen den nun wirklich unabweisbaren Klimawandel? Ja, aber nur bei Oma Hilde, auf eineinhalb Quadratmetern im Garten. Und Vater Staat betoniert derweil wieder links und rechts der Ahr, als wäre nie etwas passiert.

Mit Beton wird auch an anderer Stelle gearbeitet: im Untersuchungsausschuss des Landtages. Er folgt einer absehbaren Erzählung: Niemand hat Schuld. Außer natürlich der in jeder Hinsicht katastrophal agierende ehemalige Landrat. Und vielleicht noch die eine oder andere Stelle am Ort. Der Rest? Eine Zeugenschlacht, die vor allem den Innenminister schützt. Auch die ehemalige Umweltministerin wäre heute noch (in Berlin) in Amt und Würden, hätten nicht Journalisten Details ans Tageslicht gezerrt, die Anne Spiegels Erzählung einer frauenfeindlichen Hexenjagd auf sie zum Einsturz brachten.

Menschen im Tal geben nicht auf

Ein Jahr nach der Flut sind Schuldfragen für viele Menschen allerdings eher nebensächlich. Weil sie ihre Häuser wieder aufbauen wollen. Ihre Kinder wieder in eine Kita am Ort schicken. Feiern, sich freuen, fröhlich sein. Anlass dazu gibt es mittlerweile jeden Tag ein kleines bisschen mehr. Weil die Menschen im Tal nicht aufgeben. Sie und die uneigennützigen, im Sinne des Wortes echten Helfer sind die wahren Helden. Sie renovieren und reparieren, wo immer und so schnell es eben geht. Sie pflanzen Blumen, eröffnen Cafés, lesen bald wieder Wein und kümmern sich umeinander. Auch wenn längst noch nicht überall alles klar ist und noch manche Enttäuschung zu verkraften sein wird: Sie geben nicht auf.

Gar nicht hoch genug loben kann man die idealistischen Freiwilligen und die professionellen Handwerker, die bis zur Erschöpfung arbeiteten, um möglichst schnell wieder für ein Stückchen Normalität zu sorgen. Auch viele Firmen aus der Region taten und tun das Ihrige. Das einzige Problem dabei: Diese großartige Hilfsbereitschaft ist nicht unendlich vermehrbar. Am Ende kommt selbst sie nicht für jeden und jede so schnell, wie er oder sie es erhofft und verdient hätte. Auch weil die Bilanz zu den Versicherungen durchwachsen ausfällt. Die Enttäuschung, die sich daraus und aus dem Missmanagement der öffentlichen Hand speist, motivierte auch falsche „Helfer“, die „Hilfe“ sagten, anfangs durchaus halfen und dann immer öfter zu Agenten in eigener Sache wurden. Weil sie zu lange leichtes Spiel hatten und weil des Mutes bedarf, sich ihnen öffentlich in den Weg zu stellen. Aber auch diese Episode wird vorübergehen.

Staatliche Fehlerkultur

Wer heute ins Ahrtal fährt, ist vor allem von der riesigen, ungebrochenen Liebe zur Heimat beeindruckt, mit der die Menschen sich all dem stellen, was noch vor ihnen liegt. Wenn der Wiederaufbau am Ende gelingt – und er kann es nach wie vor –, dann nur deshalb. Alles andere muss funktionieren und besser werden. Vor allem die staatliche Fehlerkultur. Nicht im Sinne von Anklage, sondern im Sinne von stetem Dazulernen. Mit dem Nachrüsten bei der ISB und dem Konzept der „Aufsuchenden Hilfe“ (entstanden rund um eine Diskussionsveranstaltung der Rhein-Zeitung) hat das Land spät, aber immerhin den Willen dazu bewiesen. So kann das Ahrtal eine Zukunft haben. Sie wird immer eine besondere sein. Weil die Menschen da, wo sie es selbst in der Hand haben, sich diese nicht mehr aus der Hand nehmen lassen werden. Das ist Modellregion – und nicht irgendein abgehobenes Bürokratengeschwätz.

Lars Hennemann, Chefredakteur bei der Rhein-Zeitung
Lars Hennemann, Chefredakteur bei der Rhein-Zeitung
Foto: Kevin Rühle

Wer heute etwas für den Weg in diese Zukunft tun will, sollte einfach an die Ahr fahren. Gelegenheiten zu helfen gibt es viele. Jeder, wie er kann: Auch wenn man wandert, Spätburgunder oder ein Stück Kuchen kauft, hilft man. Dann muss man die Frage „Wie geht es euch?“ immer seltener stellen. Weil man es sieht. Und dann hat es das Tal geschafft. Noch nicht immer und überall, aber jeden Tag ein bisschen mehr.