Archivierter Artikel vom 10.11.2016, 14:06 Uhr
Koblenz

Wirtschaftstag betont: Bendorf ist eine Kulturstadt mit Potenzial

Bendorf ist ein gewaltiges Industriekultur-Areal, das einen Strukturwandel erfolgreich gemeistert hat. Dennoch muss die Stadt mehr für die „Wohlfühlfaktoren“ tun. Und sie muss sich anders und besser darstellen. Ein Schmetterling als Werbebotschafter: Aus Sicht von Imageberater Andreas Köhler passt das überhaupt nicht.

Der Hafen ist ein Herzstück des Bendorfer Wirtschaftslebens. Aus Sicht des Imageberaters Andreas Köhler könnte er auch eine wichtige Rolle in einem kulturellen Gesamtkonzept spielen.
Der Hafen ist ein Herzstück des Bendorfer Wirtschaftslebens. Aus Sicht des Imageberaters Andreas Köhler könnte er auch eine wichtige Rolle in einem kulturellen Gesamtkonzept spielen.
Foto: Sascha Ditscher

Der Imageberater aus Solingen war der Hauptredner des 22. Wirtschaftstages in der Stadthalle. Gekommen war eigentlich jeder, der im Wirtschafts- und Kulturleben der Stadt einen Rang und Namen hatte. In den Vorträgen und in der von Raphael Stenzhorn moderierten Podiumsrunde hörten sie eigentlich wenig neues. Doch manchmal hilft der Blick von außen, Altbekanntes mit neuen Augen zu betrachten. Und genau das tat Andreas Köhler, der auch deutlich machte, dass er nicht nur gekommen war, um zu kritisieren. Ganz im Gegenteil: Der Berater stellte der Stadt grundsätzlich ein gutes Zeugnis. Allerdings erläuterte er auch, warum sich Bendorf unter Wert verkauft. Und das beginnt aus seiner Sicht schon mit der Beschilderung. Die ist zwar vorhanden, aber für Ortsfremde nur schwer erfassbar.

Zudem kritisierte der Berater fehlende Toiletten und den Nachholbedarf an Grünflächen. Er nannte damit bewusst Maßnahmen, die mit kleinen Etats zu machen sind. Seine Kernforderung ist jedoch, die Kulturstadt Bendorf als Ganzes erlebbar zu machen und sogar das Hafengebiet in die Überlegungen einzubeziehen. Ein Widerspruch zu den kühnen Plänen für Sayn ist das nicht. Auch Andreas Köhler sieht hier die Möglichkeit, Großes mit internationaler Strahlkraft zu schaffen.

Sie leben in keiner Schlafstadt, sondern in einer Stadt, in der sich etwas bewegt.

Bendorfs Stadtchef
 Michael Kessler

Der Ansatz von Andreas Köhler dürfte auch Wasser auf die Mühlen der Stadtverwaltung sein. Besonders Bürgermeister Michael Kessler hat sich in den vergangenen Monaten einiges anhören müssen. Der Hauptvorwurf: Die Stadt würde sich zu sehr auf das Denkmalareal Sayner Hütte konzentrieren und die Innenstadt vernachlässigen. Diesen gängigen Vorurteilen versuchte der Stadtchef mit Fakten zu den aktuellen Maßnahmen im Stadtkern zu begegnen. Und er wies darauf hin, dass die Stadt an den Maßnahmen auf dem Denkmalareal nur 18 Prozent der Kosten trägt. Das heißt: Der Löwenanteil wird mit Zuschüssen des Landes, des Bundes und des Kreises gedeckt.

Engagierte Debatte mit (von links): Andreas Köhler, Meinrad Maria Grewenig, Ernst Josef Lehrer, Henning Schröder und Rafael Stenzhorn.
Engagierte Debatte mit (von links): Andreas Köhler, Meinrad Maria Grewenig, Ernst Josef Lehrer, Henning Schröder und Rafael Stenzhorn.
Foto: Reinhard Kallenbach

Ob diese Botschaft ankommt? Das bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall dürfte der in etablierten Kreisen heute weit verbreitete Ansatz, Kritiker als „Rattenfänger“ – auch Kessler wählte dieses Wort – zu bezeichnen, wenig zielführend sein. Daran, dass die Fakten eher für seinen Ansatz sprechen, ändert dies jedoch nicht. Auch Prof. Dr. Meinrad Maria Grewenig stellte sich hinter den Stadtchef. Der Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte erinnerte an die massive Anfangskritik an der Großinvestition im Saarland und die Tatsache, dass der zu geringe Schrottpreis schließlich einen Abbruch des Industriedenkmals verhinderte, weil dieser eben nicht refinanziert werden konnte. Heute dürfte man sich ungern an die Vorgeschichte erinnern – die Völklinger Hütte gehört heute zu den wichtigsten wirtschaftlichen Zielen des Saarlandes.

Rund um das Weltkulturerbe wurden rund 350 Arbeitsplätze geschaffen. Und das Beste: Es rechnet sich. Mehrere Millionen Euro wurden bereits mithilfe des Monuments erwirtschaftet. Dieses Potenzial sieht der Professor, der sich auch für das Denkmalareal engagiert, auch für Bendorf. Aus seiner Sicht ist das ehemalige Hüttengelände ein weltweites Alleinstellungsmerkmal. Auch aus Sicht der Sparkasse Koblenz ist der Weg zur Industriekultur-Stadt genau richtig. So arbeitete Vorstand Ernst Josef Lehrer heraus, dass sich Unternehmen genau dort ansiedeln, wo Lebensqualität und Potenziale gut sind. Dass vieles mit Bürgerengagement und relativ bescheidenem Materialeinsatz erreicht werden kann, zeigte die Autorin und Gartenbauingenieurin Heike Boomgarten am Beispiel der „grünen“ Stadt Andernach, die inzwischen europaweit beachtet wird.

„Blühendes Eisen“ als neue Marketingformel

Auch wenn Landrat Alexander Saftig und WFG-Geschäftführer Hennig Schröder auf die gute Vernetzung von Bendorf in einer erfolgreichen Region hinwiesen, gibt es Faktoren, die kaum beeinflusst werden können. So leidet Bendorf besonders unter den Leerständen. Heike Boomgarten will dieses Problem, lösen, in dem junge Existenzgründer preiswert Flächen anmieten können. Mehr Grün in der Innenstadt soll Jüngere anziehen, die aus Sicht der Autorin sehr wohl bereit sind, sich für das Gemeinwohl zu engagieren. In Sachen neuer Dachmarke ist man sich inzwischen einig. Unter der Formel „blühendes Eisen“ sollen alle Aktivitäten, auch im Kulturbereich, gebündelt und vermarktet werden. Nicht aufgegriffen wurde die Idee von Andreas Köhler, ein neues Konzept für das Schloss zu schaffen.

Von unserem Mitarbeiter Reinhard Kallenbach