Archivierter Artikel vom 29.05.2017, 14:05 Uhr
Koblenz

Nachgefragt: So realistisch ist ein Seilbahnnetz für Koblenz

Fantasterei, Hirngespinst, reizvolle Utopie? Oder gar eine realistische Vision für den Innenstadtverkehr der Zukunft? Die Meinungen zu einem Seilbahnnetz in Koblenz gehen weit auseinander. Die Idee, die OB-Kandidat Torsten Schupp (FDP) in den Wahlkampf geworfen hat, ist jedenfalls eindeutig die, die bislang die größten Wellen geschlagen hat. Die RZ hat nachgefragt.

Von Ingo Schneider

Keine Frage: Für die Anbindung der Festung Ehrenbreistein an die Koblenzer Innenstadt ist die Seilbahn ein Segen. Doch wäre ein Ausbau der Seilbahn-Idee hin zu einem Liniennetz ein Ansatz für den Innenstadtverkehr der Zukunft? Darüber wird gerade kontrovers diskutiert.
Keine Frage: Für die Anbindung der Festung Ehrenbreistein an die Koblenzer Innenstadt ist die Seilbahn ein Segen. Doch wäre ein Ausbau der Seilbahn-Idee hin zu einem Liniennetz ein Ansatz für den Innenstadtverkehr der Zukunft? Darüber wird gerade kontrovers diskutiert.
Foto: Sascha Ditscher

Der Anwärter der Liberalen musste zwar selbst einräumen, dass er sich mit der Umsetzbarkeit noch nicht näher beschäftigt hat. Und doch reichte die Idee alleine bereits aus, eine höchst kontroverse Debatte in der Stadt auszulösen.

Mit dem Koblenzer Seilbahnbetreiber Doppelmayr hat Schupp, der für die Liberalen der nächste Oberbürgermeister von Koblenz werden will, noch nicht gesprochen. Das hat jetzt unsere Zeitung getan. Klares Signal des Weltmarktführers in Sachen Seilbahnen: Denkbar ist es, machbar ist – es ist aber eine Frage des politischen Willens.

Die „Vision“ von Torsten Schupp

„Zurzeit entsteht in La Paz in Bolivien ein Seilbahnnetz mit zehn Linien und einer Länge von 30 Kilometern“, berichtet Eugen Nigsch, Geschäftsführer der Skyglide Deutschland Event GmbH, einem Unternehmen der Doppelmayr-Gruppe, das die Seilbahn zwischen Rheinufer und Festung Ehrenbreitstein betreibt. Noch ist dieses bolivianische Netz nicht fertig, aber die ersten Zahlen zeigen, dass das Konzept dort offenbar aufgehen wird. Bei bislang vier Linien, die in Betrieb sind, kamen in drei Jahren 75 Millionen Fahrgäste zusammen, wie Nigsch betont. Wichtig ist aus seiner Sicht vor allem eins: „Zu wissen, wo ich hin möchte.“ Im Zentrum für Koblenz muss die Frage stehen, wie der öffentliche Nahverkehr in 10 oder 15 Jahren aussehen soll. Zumindest eine Ergänzung könnte eine Seilbahn aus Nigschs Sicht sicher sein.

Natürlich ist ein Seilbahnbauer und -betreiber bei der Beurteilung dieser Frage keine neutrale Instanz. Argumente für das luftige Verkehrsmittel hat er aber sehr wohl zu bieten. Denn der ökologische Fußabdruck, den eine Seilbahn hinterlässt, wird sicher ein Pluspunkt für sie sein – im Vergleich jedenfalls zum Verkehr mit Verbrennungsmotoren auf der Straße. Ein Punkt, der angesichts der großen Probleme der Innenstädte mit der Feinstaubbelastung immer wichtiger werden dürfte. Und der Bau einer Seilbahn ist zwar zweifellos aufwendig, wie die Koblenzer im Vorfeld der Buga 2011 hautnah miterleben konnten. Aber: Er ist nicht so aufwendig oder so teuer wie der Bau einer U-Bahn oder S-Bahn.

Wie genau ein Seilbahnnetz aussehen könnte? Technisch ist vieles möglich, betont Nigsch. FDP-Kandidat Schupp hatte recht vage mögliche Linien angesprochen, etwa die Verbindung vom Festungsplateau zur Fritschkaserne, wo perspektivisch ein neuer Stadtteil entstehen soll, sowie eine Linie über die B 9 zum Zentrum und von dort vielleicht bis ins Verwaltungszentrum. Mit Doppelmayr konkret diskutiert wurde bislang nur über die Verbindung auf dem Festungsplateau, wie Skyglide-Chef Nigsch berichtet. Aber auch da fehlt es noch an vielen Details – von Betriebszeiten über die Kosten bis zur Frage, wer denn am Ende dafür bezahlt. Andere Linien wurden noch nicht konkret diskutiert.

Die Kosten sind daher für Nigsch auch noch nicht zu beziffern. „Man kann nicht sagen, ein Kilometer Seilbahn kostet so und so viel.“ Das hängt von vielen Faktoren ab. Um seriöse Angaben dazu machen zu können, brauche es klare Vorstellungen, wie eine Streckenführung aussehen soll. Dann könne man mit Fachplanern ans Werk gehen, schauen, ob sich das wirtschaftlich darstellen lässt, könnte es in den Entscheidungsgremien der Stadt diskutieren. Einfach eine Zahl in den Raum stellen, werde er jedenfalls nicht, betont Nigsch.

In die Überlegungen, wie ein Seilbahnnetz für Koblenz aussehen könnte, würde er aber gerne mit einsteigen – wenn es denn den politischen Willen dafür gibt. Was Nigsch dabei keinesfalls möchte: sich in den laufenden OB-Wahlkampf hineinziehen zu lassen. „Das ist nicht unser Job.“

Von unserem Redaktionsleiter Ingo Schneider