Archivierter Artikel vom 29.08.2012, 12:26 Uhr
Andernach

Bahnlärm: Güterverkehr mitten in Andernach

Während sich entlang des Rheins breiter Widerstand gegen donnernde Güterzüge formiert, dessen Ruf sogar bis nach Berlin hallt, gibt es abseits des Getöses Menschen, die unter Bahnlärm leiden, der mitten in der Stadt entsteht. So geht es Marlene und Franz-Josef Schumacher: Die beiden wohnen seit fast 30 Jahren in der Andernacher Privatstraße, direkt an den Gleisen.

Franz-Josef und Marlene Schumacher können von ihrem Balkon aus auf die Gleise blicken, auf denen täglich die Güterzüge verkehren. Sie haben 1984 ihre Wohnung gekauft. Hätten sie gewusst, dass der Bahnverkehr und damit der Lärm zunimmt, wären sie nie in die Privatstraße gezogen. 
Foto: Katrin Franzen
Franz-Josef und Marlene Schumacher können von ihrem Balkon aus auf die Gleise blicken, auf denen täglich die Güterzüge verkehren. Sie haben 1984 ihre Wohnung gekauft. Hätten sie gewusst, dass der Bahnverkehr und damit der Lärm zunimmt, wären sie nie in die Privatstraße gezogen.
Foto: Katrin Franzen – kaf

Andernach. Während sich entlang des Rheins breiter Widerstand gegen donnernde Güterzüge formiert, dessen Ruf sogar bis nach Berlin hallt, gibt es abseits des Getöses Menschen, die unter Bahnlärm leiden, der mitten in der Stadt entsteht. So geht es Marlene und Franz-Josef Schumacher: Die beiden wohnen seit fast 30 Jahren in der Andernacher Privatstraße, direkt an den Gleisen. Jeder Güterzug, der zum Hafen und zum Rasselsteinwerk fährt oder von dort kommt, rattert an ihrem Balkon und ihrem Schlafzimmer vorbei. Das war schon immer so. Aber nie war es so schlimm wie in den vergangenen zwei bis drei Jahren. „Als wir 1984 die Wohnung gekauft haben, da fuhr der Zug zwei bis drei Mal am Tag. Heute fährt er fünfzehn bis zwanzig Mal“, sagt die 75-Jährige. Und ihr Mann (69) fügt hinzu: „Das fängt um 5 Uhr morgens an. Und am Wochenende haben wir auch keine Ruhe.“

Foto: privat

Das Ehepaar steht für eine ganze Reihe von Menschen, die entlang der innerstädtischen Gleise unter dem Lärm der Güterzüge leiden. Stahl, Schotter und Container werden über die Strecke gefahren – und es fühlt sich für sie an, als donnere die Fracht mitten durch die Wohnräume. Ein 74-jähriger Nachbar, der gerade in seinem tipptopp gepflegten Garten werkelt, schildert: „Das ganze Haus zittert, wenn der Zug vorbeifährt.“ Und eine 34-jährige Nachbarin berichtet, dass ihr Sohn oft müde in die Schule geht, weil der Zug ihn morgens so früh wecke. Auch Risse am Haus hat sie entdeckt.

Den Anwohnern ist klar, dass der Zug fahren muss und es weiterhin tun wird. Und sie wissen, dass der Weißblechhersteller ein wichtiger Arbeitgeber in der Region ist. Rund 2400 Menschen sind dort beschäftigt. „Aber kann der Zug nicht morgens später fahren? Und muss er am Wochenende rollen?“, fragt Marlene Schumacher – und sagt damit, was viele denken.

Bei Rasselstein ist das Problem bekannt. Auf RZ-Nachfrage heißt es: In größeren Abständen würden Bürger über Lärmbelästigung klagen. Auch am Hafen, der von den Andernacher Stadtwerken betrieben wird, sind solche Hinweise angekommen. Stadtwerke-Geschäftsführer Lars Hörnig betont, dass bei ihnen nur 2,5 Prozent des Umschlags über die Schiene abgewickelt wird: 2010 waren es 54 000 Tonnen, 2011 79 000 Tonnen – der Anstieg hatte damit zu tun, dass der Rhein wegen der „Waldhof“-Havarie gesperrt war und viele Schiffe im Hafen auf Lkw und Schiene abgeladen haben.

Einmal in der Woche würde ein Containerzug in den Hafen rollen und ihn nachmittags Richtung Antwerpen wieder verlassen. Ansonsten gäbe es keine regelmäßigen Zugverbindungen. „Ab und zu kommt mal ein Klinkerzug oder ein Schotterzug“, sagt Hörnig. Das sei im Durchschnitt alle zwei bis drei Monate der Fall: mal mehrmals in einem Monat und dann wieder lange Zeit nicht. Hörnig: „Es ist in einer Größenordnung, in der wir nicht darüber sprechen müssen, dass wir der Lärmverursacher sind.“

Bei Rasselstein heißt es hingegen: „ThyssenKrupp Rasselstein produziert an sieben Tagen in der Woche. Die Zeitfenster an den Werktagen würden nicht ausreichen, die Wochenendverkehre zusätzlich aufzunehmen.“ So fahren bei derzeitigem Produktionsvolumen täglich rund zwölf Züge an den Schumachers und ihren Leidensgenossen vorbei: Vier Züge rattern mit gewalztem Stahl aus Duisburg Richtung Werk und fahren dann wieder leer fort. Zwei Züge verlassen den Produktionssitz mit Fertigmaterial und kehren dann wiederum leer zurück. Der erste Zug erreicht das Werk um 5.30 Uhr, der letzte Zug verlässt es um 18.30 Uhr. „Für den Betrieb unseres Werkes ist der An- und Abtransport von Material über Schienen unerlässlich“, schreibt Rasselstein. Dabei versuche man, die Anliegen der Anwohner ernst zu nehmen. Die Transporte seien in ein komplexes Fahrplanschema integriert. Verschiebungen sind nicht ohne weiteres machbar. Die zuständige DB Schenker Rail nahm am Dienstag keine Stellung dazu.

Was bleibt den Anwohnern übrig? Der 74-jährige Nachbar der Schumachers sagt: „Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich sofort wegziehen.“ Daran sei nun nicht mehr zu denken. Und die Schumachers sagen: „Wir haben die Wohnung damals gekauft. Die werden wir doch heute nicht mehr los.“

Von unserer Redakteurin Katrin Franzen