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Wenn das Leben kein Erbarmen kennt

Zuerst erkrankt ein Kind, dann der Ehemann. Später stellen Ärzte bei dem ältesten Sohn Krebs fest. Claudia Breuer, Mutter von sechs Kindern, kämpft sich trotzdem durch. Die Aktion „Nachbar in Not“ hilft ihr dabei.

Armut in Rheinland-Pfalz: Familie Breuer, die nicht möchte, dass man sie erkennt, ist auf die Hilfe der AWO angewiesen. Nur so ist es möglich, den Kindern Weihnachtsgeschenke zu überreichen.
Armut in Rheinland-Pfalz: Familie Breuer, die nicht möchte, dass man sie erkennt, ist auf die Hilfe der AWO angewiesen. Nur so ist es möglich, den Kindern Weihnachtsgeschenke zu überreichen.
Foto: Thomas Frey

Zuerst erkrankt ein Kind, dann der Ehemann. Später stellen Ärzte bei dem ältesten Sohn Krebs fest. Claudia Breuer, Mutter von sechs Kindern, kämpft sich trotzdem durch. Die Aktion „Nachbar in Not“ hilft ihr dabei.

Gerade genug zum Essen: Viele Menschen leben am Existenzminimum.
Gerade genug zum Essen: Viele Menschen leben am Existenzminimum.
Foto: picture alliance / dpa

Es gab in Claudia Breuers Leben ja auch andere Zeiten. Anfang der 80er-Jahre reiste sie mit ihrem heutigen Mann Rolf nach Spanien. "Eine Woche nur, aber Urlaub", sagt Claudia Breuer (Namen geändert). Sie hatten beide eine Arbeit, er als Angestellter in einem Unternehmen, sie als Aushilfe im selben Betrieb. Sie sind ans Meer gefahren, es waren wunderbare Tage. Wenig später haben sie geheiratet. "Nichts Großes mit Kutsche oder so", sagt sie, "aber es war eine schöne Hochzeit." Claudia Breuer war vorher beim Friseur. Das ist das letzte Mal, dass sie sich Geld für einen Friseurbesuch leisten konnte. An Urlaub wagt sie heute gar nicht mehr zu denken.

Claudia Breuers (47) Leben ist nicht plötzlich aus dem Ruder gelaufen. Es hat auch nie den großen Knall gegeben, die Katastrophe, die alles umgeworfen hat, von einem Tag auf den anderen. Es waren Schwierigkeiten, die immer mehr wurden und irgendwann für die Mutter von sechs Kindern nicht mehr zu bewältigen waren. "Es haut halt alles nicht so hin", sagt Claudia Breuer einmal, und vielleicht beschreibt das am treffendsten, warum sie auf die Hilfe der Aktion "Nachbar in Not" von HELFT UNS LEBEN und der AWO angewiesen.

Es gibt viele Menschen im Land, bei denen es nicht hinhaut. Allein rund 245 000 Rheinland-Pfälzer mussten im vergangenen Jahr Hartz IV beantragen. Fast 8 Prozent aller Rheinland-Pfälzer unter 65 Jahren waren das. Gerade die Kinder leiden darunter. Jedes achte rheinland-pfälzische Kind lebt in einer Hartz-IV-Familie, hat die Bertelsmann Stiftung im Frühjahr errechnet.

Breuer sitzt im Wohnzimmer ihrer Mietwohnung im Kreis Mayen-Koblenz. Es fällt nur wenig Licht in das Gebäude, die Feuchtigkeit hat die Tapeten schrundig aufgewellt. Auf dem Tisch liegen Medikamente. Die Kinder sind jetzt in der Schule.

Den ersten Rückschlag in ihrem Leben gibt es Anfang der 80er-Jahre. Die Breuers haben da bereits zwei Kinder. Sie kommen von einem Besuch bei der Schwiegermutter. Es hat geregnet, und die Straße ist nass. Auf der Autobahn bei Mendig platzt einer der hinteren Reifen. Der Wagen überschlägt sich sechs Mal. Rolf Breuer wird schwer verletzt. Brustkorb und Augenhöhlen sind gebrochen, er hat ein Ohr verloren, sein Körper ist von Schnittwunden übersät.

Von dem Unfall hat er sich bis heute nicht erholt. Er hat Schmerzen, wenn er länger stehen muss. Er verliert seinen Job, weil er kein Auto mehr besitzt. Er schreibt trotzdem Bewerbungen, aber es stellt ihn niemand ein. In dieser Zeit kommt der dritte Sohn zur Welt. Er ist nur wenige Monate alt, da bekommt er den ersten epileptischen Anfall. Er krampft und zuckt und kriegt kaum mehr Luft. Breuer muss sich nun ständig um den kranken Jungen kümmern, sie muss reagieren, wenn sich sein Gesicht wieder blau verfärbt und um Luft ringt. "Mein Junge war mehr im Himmel als auf Erden", sagt sie.

Dann erkrankt ihr Mann an Diabetes. Er muss nun ständig Medikamente nehmen und Insulin spritzen. Breuer aber kämpft sich durch. Bekannte und Verwandte helfen ihr und kümmern sich um ihre Kinder, während sie selbst Gelegenheitsjobs sucht. Bei der Tafel holt sie regelmäßig Obst und Gemüse. "Wir brauchen das", sagt sie. Jedes Mal, wenn sie um den Berechtigungsschein bittet, fürchtet sie, dass es nicht klappen könnte.

Die Familie Breuer lebt mit ihren sechs Kindern von 500 Euro Hartz IV und 1000 Euro Kindergeld. "Wenn wir alle festen Kosten abziehen, bleiben am Ende etwas mehr als 300 Euro übrig", sagt sie.

Claudia Breuer hat einen kranken Sohn, einen kranken Mann, der keine Arbeit findet, aber die Schwierigkeiten haben noch kein Ende gefunden. Vor eineinhalb Jahren ist ihr ältester Sohn Vater geworden. Die Freude hielt nur wenige Tage. Knapp eine Woche später bricht der junge Vater zusammen. Im Krankenhaus entdecken die Ärzte Wasser in der Lunge und stellen wenig später die niederschmetternde Diagnose Krebs. Der 21-Jährige leidet unter dem Non-Hodg-kin-Lymphom.

Breuer hat sechs Kinder, aber mit dem Enkelkind sind es jetzt sieben. Ihr Sohn ist nun seit mehr als einem Jahr in Behandlung. Sie sind in das Nachbarhaus ihres Sohnes und seiner Partnerin gezogen. Jetzt helfen und unterstützen sie sich gegenseitig dort, wo es geht. Aber es ist kein einfaches Leben in dem Haus. Es ist feuchtkalt, immer wieder funktioniert der Durchlauferhitzer nicht, sie frieren, Schimmel ist in der Wohnung. "Das haut alles noch so rein", sagt Breuer.

Wenn man Claudia Breuer fragt, was sie sich in ihrem Leben wünscht, fallen ihr als Erstes die Weihnachtsgeschenke für die Kinder ein. Bereits in den vergangenen Jahren unterstützte "Nachbar in Not" die Familie mit Geschenken für die Kinder. "Ich hoffe, dass es dieses Jahr wieder klappt." Und sie sagt: "Man möchte den Kindern auch mal etwas bieten." Sie meint einen Zoobesuch oder Kino und Schwimmbad. Dann gibt es noch die großen Träume, die sie kaum auszusprechen wagt. "Eine neue Mietwohnung, die hell und groß ist." Wo die Wände trocken und die Räume nicht kalt sind. Und wovon träumt Claudia Breuer, wenn sie nur an sich denkt? "Ich würde gern mal zum Zahnarzt gehen", sagt sie. Und dann vielleicht noch zum Friseur.

Von unserem Redakteur Dietmar Telser

Zum AWO-Bezirksverband Rheinland gehören 19 Kreis- und Stadtverbände und 200 Ortsvereine. Die AWO beschäftigt 1750 Mitarbeiter und hat rund 21 000 Mitglieder. Unter anderem gehören zur AWO 14 Altenpflegeheime, zwei Seniorenresidenzen, drei Kindertagesstätten, ein Hort, ein Haus der Generationen, Einrichtungen der Jugendhilfe und Fachdienste für Migration und Integration.

Mehr Informationen bei der AWO Rheinland, Tel. 0261/300 60, Vorsitzender: Rudi Frick, Geschäftsführer: Winfried Bauer.

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