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Was ist das Beste für den blinden Noah?

Bei den Eheleuten Volkensfeld macht der blinde Noah große Fortschritte. Trotzdem soll der Junge die seit einem halben Jahr gewohnte Umgebung ohne Angabe von Gründen verlassen und ins Heim. Die Pflegeeltern sind sprachlos. Und nicht nur sie.

Noah hat bei Nicole Volkensfeld und ihrem Mann Otto wieder das Lachen gelernt. Sein bisheriges Leben ist alles andere als normal verlaufen. Normalität wollen die Bereitschaftspflegeeltern wieder in sein Leben bringen.
Noah hat bei Nicole Volkensfeld und ihrem Mann Otto wieder das Lachen gelernt. Sein bisheriges Leben ist alles andere als normal verlaufen. Normalität wollen die Bereitschaftspflegeeltern wieder in sein Leben bringen.
Foto: Suzanne Breitbach

Von unserer Mitarbeiterin Suzanne Breitbach

St. Goar-Biebernheim – Noah ist vier Jahre alt. Er lebt seit Anfang des Jahres bei den Eheleuten Otto und Nicole Volkensfeld. Doch Noah ist ein Pflegekind, das besondere Anforderungen an die Pflegeeltern stellt: Aufgrund einer hirnorganischen Fehlbildung ist der kleine Junge blind.

Die Eheleute Volkensfeld, 65 und 66 Jahre alt, haben sich beim Sozialdienst Katholischer Frauen, Ortsverein Koblenz, als sogenannte Bereitschaftspflegeeltern beworben. Die ehemalige Altentherapeutin und der selbstständige Unternehmer sind erfahrene Eltern und Großeltern.

Sie wollten, wie sie sagen, einem Kind die Chance geben, bei ihnen eine vorübergehende Bleibe zu finden. So kam Noah zu ihnen. Am 10. Januar hatte man der leiblichen Mutter des Jungen das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen. Jugend- und Sozialamt Bad Kreuznach kümmerten sich um den Verbleib von Noah und seinem älteren Bruder. Er ist das jüngste von vier Kindern. Die älteren Zwillinge sind bereits bei einem Verwandten in Dauerpflege untergebracht.

Experten bescheinigen deutliche Fortschritte

Noah hat die neue Umgebung gutgetan. Das bestätigen mehrere Experten. In den vergangenen sechs Monaten hat er deutliche Fortschritte dank einer "Rund um die Uhr"-Betreuung in seiner Entwicklung gemacht. Im kleinen Ortsteil von St. Goar hoch über dem Rhein haben sich die Bereitschaftspflegeeltern ganz auf die Bedürfnisse des Jungen eingestellt. Der offene Wohn-Esszimmerbereich mit integrierter Küche ist ins Noah-Reich verwandelt worden. "Noah hatte keine Tagesstruktur. Das Kind war unglücklich und schrie ständig", erläutern die Volkensfelds die Situation bei Noahs Ankunft in Biebernheim im Rhein-Hunsrück-Kreis. Es wurden Rituale eingeführt, Noah beruhigte sich langsam und spürte die Wärme, die ihm entgegengebracht wurde. Musik spielt in Noahs Leben eine besondere Rolle. Ob eine aufgezogene Spieluhr oder Tom Dooley auf dem hauseigenen Klavier, Noah fühlt sich dann besonders wohl und verlangt nach mehr. Spielsachen, die Geräusche verursachen, liebt der kleine blinde Junge. Täglich heißt es um 19.30 Uhr für Noah Schlafenszeit. Noah hat in dem halben Jahr eine derart gute Entwicklung genommen, dass sich Logopädin und Ergotherapeutin positiv zu seinem Werdegang geäußert haben. Noah hat die Möglichkeit, nach den Sommerferien den integrativen Kindergarten Castellino in Kastellaun zu besuchen.

Gründe für Entscheidung sind nicht bekannt

Doch Anfang Juni erreichte die Bereitschaftspflegeeltern ein Brief des Vormundes. Noah soll heute Mittag aus der häuslichen Geborgenheit in Biebernheim herausgerissen und in einer Einrichtung für mehrfach und schwerstbehinderte Menschen untergebracht werden. Eine Erklärung dafür haben die Eheleute Volkensfeld nicht, wie sie sagen. Sowohl sie als auch Noahs leibliche Mutter sind entsetzt. "Noah ist nicht gefährdet, es geht ihm gut", halten sie der Entscheidung des Vormunds entgegen. Auch ein Anwalt wurde eingeschaltet. "Das Kindeswohl steht im Vordergrund", argumentieren die Biebernheimer, die Noah in ihr Herz geschlossen haben und Noah gern bis zu einer Einschulung ein Zuhause bieten würden.

Auch Dr. Joachim Kohler, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Schwerpunkt Neuropädiatrie beim Rehabilitationszentrum Bethesda in Bad Kreuznach, springt den Pflegeltern zur Seite. Er sieht die Heimaufnahme von Noah als eine Entscheidung gegen das Kindeswohl. Aus seiner Sicht ist es eine zweifache Fehlentscheidung: Sie schade der Förderung des Kindes und bedeute auch eine stärkere finanzielle Belastung für Sozialamt und Land. Ähnlich schätzt das Institut für Vollzeitpflege und Adoption in Frankfurt den Fall Noah ein. Der dritte Wechsel von Noah hat aus deren Sicht zur Folge, dass das Kind unsäglich leiden wird. Eine gerichtliche Entscheidung darüber steht noch aus.

Die Volkensfelds wünschen sich eine möglichst lange Übergangsphase für Noah, damit er sich langsam auf eine neue Lebenssituation einstellen kann. "Wir machen uns große Sorgen", sagen die Bereitschaftspflegeeltern am Wochenende bei einem Besuch unserer Zeitung in St. Goar-Biebernheim. Sie sitzen nervös in ihrem Garten, während Noah in seinem Planschbecken mit Sonnensegel munter vor sich hin spielt und nichts ahnt.

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