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Remagen/Andernach

Neue Einblicke in die Rheinwiesenlager

Im Badeanzug stehen Frauen auf einer Freifläche. Es muss sommerlich warm sein. Andere waschen sich gegenseitig die Haare, spielen Karten. Es sind vor allem diese Bilder des Rheinwiesenlagers Goldene Meile zwischen Remagen und Sinzig, die so gar nicht zu einer Kriegsgefangenschaft passen wollen.

Im Kriegsgefangenenlager Goldene Meile zwischen Remagen und Sinzig waren die Frauen separat untergebracht.
Im Kriegsgefangenenlager Goldene Meile zwischen Remagen und Sinzig waren die Frauen separat untergebracht.

Fotos wie diese haben Wolfgang Gückelhorn und Kurt Kleemann in ihrem jetzt veröffentlichten Buch gesammelt: "Die Rheinwiesenlager Remagen und Sinzig – Fakten zu einem Massenschicksal 1945 – Eine Dokumentation". Fotos, die noch nirgends veröffentlich worden sind, wie die beiden Autoren versichern.

Kameras vor US-Soldaten versteckt

Es sind Fotos, die deutsche Soldaten im Rheinwiesenlager Goldene Meile heimlich gemacht haben. Sie hatten es irgendwie geschafft, ihre Kameras bei der Leibesvisitation der US-Wachsoldaten zu verbergen. Viele dieser Fotos haben Zeitzeugen dem Remagener Friedensmuseum Brücke von Remagen zur Verfügung gestellt – in den Jahren und Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Es sind auch Fotos, die US-Piloten aus der Vogelperspektive geschossen haben.

Neben diesen bislang unveröffentlichten Bildern wartet die Dokumentation mit einer beachtlichen Zahl an Fakten und Informationen rund um das Lager auf. Die Lage der Kriegsgefangenen an der Westfront zum Kriegsende hin wird geschildert. Gückelhorn und Kleemann führen Definitionen an zu den Themen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter (Displaced Persons), sie fassen die Haager Landkriegsordnung und das Genfer Abkommen zusammen.

Am beeindruckendsten sind die Zeitzeugenberichte deutscher Gefangener und die Erinnerungen von La Verne Keats, einem US-Wachsoldaten. Autor Gückelhorn sagt: "Wir geben ihre Ansicht ungefiltert wieder, weil wir eine möglichst große Bandbreite an Meinungen wiedergeben wollten."

Erbärmliche Verhältnisse im Gefangenenlager

Ein kleines Kapitel widmet sich auch den Gefangenenlagern in Miesenheim und Andernach. In Miesenheim stieg die Gefangenenzahl im April 1945 in kürzester Zeit auf 85.000, bevor die Soldaten an die Andernacher Rheinwiesen verlegt wurden. Karl Wind, der Chronist der Stadt Andernach, hatte exakt notiert, unter welch erbärmlichen Verhältnissen die Gefangenen im Freien kampierten und von der Bevölkerung so gut es ging mit Kleidung und Lebensmitteln versorgt wurden. Hin und wieder kam es zu Schießereien, bei denen Gefangene zum Beispiel durch betrunkene Bewacher getötet oder verletzt wurden. Im September 1945 wurde das Andernacher Lager geräumt

Ausführlich werden zudem in mehreren Kapiteln amerikanische Quellen aufgeführt: Der spätere US-Militärgouverneur im besetzten Deutschland kommt zu Wort; es wird die Organisation im Lager beschrieben, die Entwicklung der Gefangenenzahlen dokumentiert.

Der renommierte Militärhistoriker Rüdiger Overmans gibt eine ausführliche Einschätzung zur Situation im Lager. Er widerlegt zudem detailliert die völlig abstruse Behauptung, in den 20 Rheinwiesenlagern zwischen Wesel und Heilbronn seien 1 Million deutsche Soldaten umgekommen.

Ferner stellt Overmans die Verhältnisse im Lager Goldene Meile in Relation zu den Kriegsgefangenenlagern, die die Deutschen in ihren zeitweise eroberten Gebieten unterhielten. Er konstatiert: "Die Wehrmacht ließ bewusst 3,5 Millionen Gefangene der Roten Armee verhungern."

Die Intention der beiden Autoren Wolfgang Gückelhorn und Kurt Kleemann ist klar: Sie wollen die zweifellos berechtigten Klagen über die anfänglich katastrophalen Lebensumstände im Lager in einen Kontext setzen. Hunger, wochenlange Unterernährung, Erschöpfung, Krankheiten und fehlende Ausrüstung gab es bei den deutschen Soldaten schon vorher und hatte deren Widerstandskraft geschwächt. Mit den vielen deutschen Kriegsgefangenen innerhalb kürzester Zeit waren die US-Streitkräfte im April überfordert.

Regen und Kälte ausgesetzt

US-Pioniere zogen zunächst einen Stacheldraht um die zu dieser Jahreszeit noch feuchten Rheinwiesen. Das Wetter war für kurze Zeit miserabel: Regen, Kälte und nur dürftiger Schutz durch eine Zeltplane oder einen Mantel – wenn man sie denn hatte. Doch die Amerikaner erkannten, dass sie die Zahl der erwarteten Gefangenen grob unterschätzt hatten und bessere Vorsorge hätten treffen können.

Dass sich nach diesen schwierigen Anfängen die Lage erheblich verbesserte, zeigt dieses Buch. Es besticht durch seine Flüssigkeit, die nicht verloren geht trotz der Vielzahl an Fakten und Informationen, die Gückelhorn und Kleemann zusammengetragen haben.

jl/atk

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