Wer könnte die Bilder je vergessen? Verschwitzte, müde, kohlenschwarze Gesichter, in denen aber Augen voller Hoffnung funkelten und die Zähne beim Lachen weiß aufblitzten. Es waren die ersten Videoaufnahmen aus der Tiefe. 17 lange, für die Familien schier unerträgliche Tage hatte es gedauert, bis ein Bohrer endlich an der richtigen Stelle durchbrach. Durch den schmalen Kanal kamen zuerst der erlösende Zettel und später auch Bilder nach oben. Chiles Präsident Sebastián Piñera reckte damals, am 22. August, das kleine zerknitterte Stückchen Papier in die Kameras und rief: „Heute weint ganz Chile vor Freude und Ergriffenheit.“
Wer könnte die Bilder je vergessen, als Mario Sepúlveda, der „Talkmaster aus der Tiefe“, am 13. Oktober, einem Mittwoch, gegen 1 Uhr aus der Rettungskapsel „Phönix“ stieg. Er, der in den Wochen zuvor die Videos unter Tage gekonnt und mit Witz kommentiert hatte, kam als Zweiter nach oben. Er umarmte seine Frau, dann alle, die ums Bohrloch standen, samt Präsident Piñera, tanzte wild wie ein Derwisch herum und feuerte die Bohrarbeiter zu einem „Chi Chi Chi, Le Le Le“ an. „Ich war bei Gott, ich war beim Teufel, sie kämpften um mich, Gott hat gewonnen“, sagte er später.
Familien und Angehörige hatten bei dem Minengelände im Camp „Esperanza“ (Hoffnung) wochenlang ausgeharrt. Als der Tag der Rettung näherrückte, kamen immer mehr, auch 1600 Medienmitarbeiter aus der ganzen Welt. Das Schicksal der 33 Kumpel bewegte Präsidenten und Regierungschefs. Auch Papst Benedikt XVI. wünschte den Verschütteten Glück. Viele hatten in der Tiefe nur mit dem festen Glauben an Gott durchgehalten. „In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge“, diesen Auszug aus Psalm 95 trugen die meisten bei der Rettung auf den T-Shirts.
Im zurückliegenden Jahr lebten viele von ihnen so, als wollten sie vieles nachholen. Einige heirateten, andere flogen zu TV-Interviews nach Spanien, und alle 33 traten in einer Dokumentation des US-Senders CNN über Helden auf. Es gab auch Kurioses. So zog sich Sepúlveda fürs Fernsehen nackt aus, und sein als Unter-Tage-Jogger und Elvis-Fan bekannter Kollege Edison Peña sang beim US-Fernsehmoderator David Letterman „Suspicious Minds“ von Elvis Presley. Er lief auch den Marathon in New York mit.
All das ist der Stoff, aus dem Kinofilme gemacht werden. Das weiß auch Hollywoods Erfolgsproduzent Mike Medavoy („Black Swan“), der sich erst vor einigen Tagen die Filmrechte an der Geschichte der 33 sicherte. Die Produktion soll im kommenden Jahr beginnen.
Doch für einige der Kumpels will sich ein echtes glückliches Ende nicht einstellen. Viele hätten Schwierigkeiten, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, und könnten nicht mehr arbeiten, sagte Luis Urzúa, der am 5. August Schichtleiter war, kürzlich in einem Interview. 14 der 33 wollen deshalb in Frührente gehen und hoffen auf eine positive Entscheidung der Regierung.
Von Helmut Reuter
