Konzert Rockmusiker und Rapper locken Massen nach Chemnitz - Schräge Plakate und Antifa-Werbung der ganz Linken
Protest gegen Rechts: 65 000 sind mehr

Vor der Chemnitzer Johanniskirche haben sich Zigtausende versammelt, um die Bands zu sehen – und um gegen rechtsextremistische Umtriebe in der Stadt zu protestieren.

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Chemnitz. Das eine Motto liefern die Veranstalter an diesem Montagabend in Chemnitz: „Wir sind mehr.“ Auf mehr als 20.000 Konzertbesucher hoffen die Bands, die spontan zu Rock gegen Rassismus eine Woche nach den rechtsextremistischen Ausschreitungen in der sächsischen Stadt eingeladen haben.

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Vor der Chemnitzer Johanniskirche haben sich Zigtausende versammelt, um die Bands zu sehen – und um gegen rechtsextremistische Umtriebe in der Stadt zu protestieren.

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Sie wollen ein Gefühl des Mehr-Seins vermitteln, mehr sein als jene 6000, die nach der tödlichen Messerstecherei vor einer Woche aufmarschierten. Das andere Motto liefert zufällig die großformatige Kekswerbung nahe des Konzertes: „Lass krachen.“ Ja, sie lassen es krachen in der Stadt der empörten und verunsicherten Bürger. Auch wenn der Auftakt etwas schräg daherkommt.

Denn bevor der in Chemnitz geborene Hip-Hop-Sänger Trettmann mit seinem Freiheitslied zur Eröffnung loslegt, gibt es nicht nur eine Schweigeminute für den getöteten Chemnitzer. Sondern die Bühne gehört auch dem Bündnis „Chemnitz nazifrei“. Und dieses kritisiert erst einmal die CDU, die den Rechtsextremismus in Sachsen verharmlose, und die Polizei, die gegen kleine Gruppen von Antifaschisten vorgehe, bei Rechtsextremisten jedoch überfordert sei. Gerade haben die Veranstalter noch kritisiert, dass die Vorgänge in Chemnitz von einer Gruppe für ihre politischen Ziele instrumentalisiert worden seien, als die „Nazifrei“-Sprecherin zur Solidarisierung mit dem „konsequenten Widerstand“ im Braunkohlenrevier Hambacher Forst aufruft. Das erste „Hoch“ gilt denn auch der „internationalen Solidarität“, dem Schlachtruf der Linken. „Wir sind alle Antifaschistinnen und Antifaschisten“, schallt es von der Bühne.

Ohnehin ist die Stimmung weit über Chemnitz hinaus aufgeladen, weil mit Feine Sahne Fischfilet auch eine Band auf die Bühne kommt, die der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern einige Jahre unter Linksextremismus-Verdacht gestellt hat. Drastisch reagiert Sahne-Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow auf diese Debatte: „Ich gebe einen F... darauf, wenn die uns sch... finden, ich empfinde das als Kompliment“ – und damit meint er den Verfassungsschutz als jene Behörde, die den rechtsterroristischen NSU ermöglicht und unterstützt habe.

Der Hip-Hop-Sänger Trettmann, selbst Chemnitzer, machte den Auftakt.

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Campino von den Toten Hosen aus Düsseldorf versucht zu vermitteln. Es gehe nicht um einen Kampf links gegen rechts. Vielmehr stelle sich alles, was normalen Anstand habe, gegen einen Rechtsaußenmob, der übergriffig werde. Zusammen wollten sie „dieses Betragen stoppen und zerstören, so lange es noch ein Schneeball ist und keine Lawine wird“. Alle auftretenden Bands erlebten in den sozialen Netzwerken wahre Shitstorms. „Da muss man schon ein dickes Fell haben“, sagt Campino. Und erst recht als Bands zusammenstehen. „Kein Löschblatt“ passe zwischen die Künstler an diesem Abend.

Solidarität zwischen den Gruppen hat auch mit einschlägigem Unterstützungsbedarf zu tun. So erinnert der Rostocker Rapper Marteria an den rechtsextremistischen Mob in Rostock-Lichtenhagen, als 1992 eine ganze Stadt in Verruf kam. Damals habe er mit Mutter und Schwester heulend im Wohnzimmer gestanden, als Ausländerfeinde Molotowcocktails in ein Flüchtlingsheim warfen. Ähnlich argumentiert „Monchi“: „Ich würde mich schämen, nicht dabei zu sein.“

Und so strömen am späten Nachmittag immer mehr Menschen in die Stadt. Es sind nicht Hunderte, es sind Tausende, die allein per Bahn anreisen. Viele haben selbst gebastelte Transparente dabei. „Katzen würden Glatzen kratzen“, steht darauf. Oder „Hass ist krass, Liebe ist krasser“. An einem nahe gelegenen Hochhaus ist eine Außentreppe auf allen 14 Stockwerken mit feiernden Gästen gefüllt

Spaßplakate zum ernsten Problem gab es auch.

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Die Satire-Politiker von „Die Partei“ wollen auch mitmischen. „Schlimm, schlimm, schlimm“, skandiert eine Gruppe mit Megafon. Und: „Wir sind die Mauer, weg mit dem Volk.“ Doch damit können sie sich nicht einmal am Rande durchsetzen. Die inzwischen deutlich mehr als 20.000 Besucher finden eher zusammen beim Schlachtruf „Nazis raus, Nazis raus“.

Die Rechten wollten an diesem Abend ebenfalls Präsenz zeigen und an zwei Stellen unweit des Konzertes demonstrieren. Doch weder „Thügida“ noch „Pro Chemnitz“ bekamen ihre Anmeldungen durch. Die Stadt lehnte mit dem Hinweis ab, die Plätze seien schon belegt. Eine Stunde vor dem Festival gegen Rassismus stimmt das zwar noch nicht. Doch je länger gerockt wird, desto voller wird es auch in den umgebenden Straßen. Nach einer Stunde ist der Platz überfüllt, stehen die Menschen auch auf den breiten Straßen daneben dicht an dicht. Die Polizei wird am Ende circa 65.000 und mehr Teilnehmer an diesem Abend für möglich halten. Selbst vor dem Marx-Monument heizt ein DJ denjenigen ein, die es noch nicht bis zum eigentlichen Veranstaltungsort geschafft haben.

50 Helfer streifen mit Sammelbüchsen durch die Menge. Viele geben gern. Die Einnahmen sollen zur Hälfte der Familie des Getöteten zugutekommen, zur anderen Hälfte Anti-Rassismus-Gruppen in der Region.

Hinter den Zehntausenden von Chemnitz stehen Hunderttausende, wenn nicht Millionen, die sich via Liveübertragungen im Internet und zahlreichen Rundfunksendern überall zuschalten. Das Konzert ist noch nicht zu Ende, da weiß Marteria schon, dass „Chemnitz 2018“ ein Ereignis ist, das in die deutsche Musikgeschichte eingehen wird. Felix Brummer, der mit seiner Chemnitzer Band Kraftclub die Initiative ergriff, gibt sich allerdings keinen Illusionen hin. Die Bedrohung werde „morgen leider nicht weg sein“.

Unser Korrespondent Gregor Mayntz berichtet aus Chemnitz

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