Dieser Eindruck drängt sich nach einer typischen Woche im Corona-Sommer 2022 auf: Am Montag kommt der Anruf einer Freundin, mit der man am Wochenende deren Geburtstag feierte. Der Sohn sei positiv. Tage später leuchtet die Corona-Warn-App, die kaum noch jemand nutzt, rot. Ergo: Sein Fall ist aktenkundig geworden, weil er der Schule erst mal fernbleiben muss. Am Samstag meldet sich der Freund vom Flusskreuzfahrtschiff in Koblenz, mit dem man tags zuvor unterwegs war. Der Bruder sei positiv, sitze im Mietwagen auf dem Weg zurück nach Norddeutschland. Sein Fall taucht in keiner Statistik auf, weil ihn niemand dazu zwingt. Er ist Teil der wachsenden Dunkelziffer. Immerhin: Bislang sind alle Kontaktpersonen, zumindest jene, die davon erfahren haben, negativ.
Und so steuern wir wieder einmal orientierungslos, korrigiere: so konfus wie nie zuvor in den Corona-Herbst. Wir haben keinen Überblick über das Pandemiegeschehen, immer noch in vielen Bundesländern nur extrem zeitverzögerte Daten über die Auslastung der Kliniken und sich diametral widersprechende Aussagen über die Notwendigkeit einer vierten Impfung unter 60.
Die größte Sensation ist, dass die FDP eine Maskenpflicht in Innenräumen für den Herbst erwägt. Dabei sollte das Wissen über die hohe Wirksamkeit von Masken bei der Pandemiebekämpfung doch eigentlich schon seit zwei Jahren zum Allgemeingut gehören. Jedes kleine Kind weiß da mehr als FDP-Justizminister Marco Buschmann, der längst stärker über die Corona-Politik entscheidet als der originär zuständige Bundesgesundheitsminister, der sich aber längst durch seine Fettnäpfchenpolitik ins Abseits manövriert hat.
Letztlich müssen wir konstatieren, dass die Politik vor Corona kapituliert hat, zumal in Zeiten drängender Probleme wie steigenden Energiepreisen und einer galoppierenden Inflation. Also hoffen wir alle, dass dieses verfluchte Virus jetzt endlich endemisch wie ein Erkältungsvirus wird. Auf dem Weg dahin nehmen wir in Kauf, dass jeder Corona-Welle eine Welle von Long-Covid-Fällen folgt, deren Konsequenzen wir volkswirtschaftlich ja erst später spüren werden. Und in armen Ländern sterben sie jetzt an Hunger wegen der Getreidekrise und nicht mehr allein an Covid-19. Das ist zynisch? Genau. So ist das deutsche Corona-Laissez-faire. Aber vielleicht geht ja alles gut. Hoffen statt handeln. Auch eine Art, Politik zu betreiben.
E-Mail: christian.kunst@rhein-zeitung.net
