Teheran
Kommentar zum Angriff Israels auf den Iran und die Folgen: Nichts als Säbelrasseln zur Gesichtswahrung
Claus Ambrosius
RZ-Redakteur Claus Ambrosius
Jens Weber. MRV

Eine Nacht des Grauens. Eigentlich. Bis ins historische Zentrum Teherans waren Detonationen des israelischen Angriffs am Samstagmorgen zu hören. Erstmals seit dem Krieg gegen den Irak in den 1980er-Jahren stand die iranische Hauptstadt wieder unter Beschuss.

Lesezeit 1 Minute

Doch die Bevölkerung reagiert gelassen auf die dreistufige Angriffswelle, die nach der vorausgehenden Aggression des Irans gegen Israel angekündigt und erwartet worden war. Am Morgen die Nachlese der Regierungschefs: Benjamin Netanyahu nennt die Aktion „präzise und mächtig“, Irans Revolutionsführer Ali Chamenei spielt sie so weit wie irgend möglich herunter. Das Wichtigste: Er bemüht nicht erneut die Drohformel der „harten Rache“, die zu folgen habe.

Ist also Ruhe in der Region, kann endlich über einen Waffenstillstand in Gaza und Libanon verhandelt werden? Die Chance, dass nach diesem für beide Seiten gesichtswahrenden Säbelrasseln bessere Zeiten anbrechen, ist gering. Denn beide Regierungen brauchen den Konflikt, um mit ihrer Politik ein „Weiter so“ fahren zu können. Dem Iran steht ein Winter bevor, in dem Stromausfälle, Heizölknappheit und womöglich eine weitere erneute staatliche Erhöhung der Benzinpreise den Volkszorn entfesseln könnten, in Israel regiert ein Kriegskabinett, das nach Ende der Notlage kaum auf Wiederwahl hoffen dürfte, ganz abgesehen von den dann anstehenden Prozessen gegen den umstrittenen Netanjahu.

Trump-Sieg könnte die Karten neu mischen

Wer gehofft hatte, Israel würde im Schulterschluss mit den USA endlich den Hegemonieträumen des Irans nach dem großflächigen Kaltstellen seiner Verbündeten, der Hamas und der Hisbollah nun ein Ende bereiten, wurde enttäuscht: Netanjahu hält sich zu 100 Prozent an die Zurückhaltungsdirektive der US-Regierung, die in der heißesten Wahlkampfphase vor der Präsidentschaftswahl in keinen Krieg eintreten will. Nach einem eventuellen Sieg Donald Trumps im November könnten die Karten neu gemischt werden.

Unverändert bleibt: In der Region, in der seit Jahren der Weltfrieden zunehmend eskalierend gefährdet wird, haben wir uns über Monate an immer grausamere Bilder, fallende Tabus und Grenzüberschreitungen des Sag- und Machbaren auf allen Seiten gewöhnt. Dass die beiden Erzfeinde dabei gegeneinander vorgehen wie zwei gut aufeinander eingespielte Schachspieler, sollte eher erschrecken und vorsichtig machen, als zu beruhigen.

Ressort und Schlagwörter