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Rheinland-Pfalz

RZ-INTERVIEW mit Pastor Hegeler: Sind manchmal nicht weiter als zu Hexenzeiten

Rund 25 000 Menschen wurden in Deutschland zwischen 1450 und 1782 unschuldig als Hexen hingerichtet. Bis heute wurden die Getöteten nicht öffentlich rehabilitiert. Der evangelische Pastor Hartmut Hegeler (66) aus Unna will dies ändern.

Das Flugblatt zeigt Hexen, die 1555 in Derneburg verbrannt wurden. Heute weiß man: Die Urteile waren nicht nur unmenschlich, sondern auch falsch.
Das Flugblatt zeigt Hexen, die 1555 in Derneburg verbrannt wurden. Heute weiß man: Die Urteile waren nicht nur unmenschlich, sondern auch falsch.

Rheinland-Pfalz. Rund 25 000 Menschen wurden in Deutschland zwischen 1450 und 1782 unschuldig als Hexen hingerichtet. Bis heute wurden die Getöteten nicht öffentlich rehabilitiert. Der evangelische Pastor Hartmut Hegeler (66) aus Unna will dies ändern.

Hegeler kämpft für die Rehabilitierung der Opfer – In der Region hat er bisher allerdings nur wenig Zuspruch erhalten

Herr Hegeler, Sie kämpfen dafür, dass die Städte die Opfer der Hexenprozesse rehabilitieren. Haben wir keine größeren Probleme?

Das Thema ist doch hochaktuell. Weltweit können inzwischen mit ein paar Klicks im Internet andere Menschen schlecht gemacht werden. Wir nennen es heute nur Mobbing, aber es sind dieselben Mechanismen wie damals, als Gerüchte entstanden und Menschen an den Pranger gestellt wurden.

Aber es herrscht doch längst ein Konsens darüber: Die damals verfolgten Hexen waren unschuldig. Warum brauchen wir auch noch offiziell eine Rehabilitierung?

Ich glaube nicht, dass diese Überzeugung in allen Köpfen ist. Es gibt Leute, die auch heute noch der Meinung sind, dass die Opfer von damals vielleicht doch etwas Böses getan haben.Vor einiger Zeit hat mir eine Frau in einem kleinen hessischen Dorf von einer Hexe erzählt, die am Waldrand wohnen soll. Wenn junge Mütter mit Kindern die Frau sehen, gehen sie auf die andere Straßenseite, weil sie den bösen Blick fürchten. Als in Münster eine Straße nach einer als Hexe getöteten Frau umbenannt werden sollte, da sind die Bewohner regelrecht Amok gelaufen. Sie haben Protestzüge mit dem katholischen Pfarrer an der Spitze veranstaltet, weil sie nicht in einer Straße wohnen wollten, die nach einer Hexe benannt wurde. Ich glaube, bei 15 bis 20 Prozent der Leute sind die Geschichtsbücher im Kopf noch nicht umgeschrieben.

Wie kann denn so eine Rehabilitierung aussehen?

Wir reden über eine moralische Frage. Es geht um eine Aufarbeitung vor Ort. Die Kommunen sind gefragt, aus sozialethischen Gründen zu sagen, dass diesen Mitbürgern Unrecht getan wurde.

Also es geht um einen symbolischen Beschluss?

Ja, es ist aber wichtig, diesen Akt auch lebendig zu halten. Dem Beschluss kann später beispielsweise ein Gedenkstein folgen, ein Straßenname, auch Schulmaterial könnte entwickelt werden. Die Hexenprozesse sollen im Bewusstsein der Menschen präsent sein. Auch mit der Vorgabe, dass wir unsere Augen offen halten, dass sich das Schreckliche von damals nicht wiederholt.

Wer ist für die Taten der Vergangenheit verantwortlich?

Ich frage nicht nach der Schuld, mir liegt daran, der Opfer zu gedenken. Die Menschen hatten damals mehr Angst vor dem Teufel als Vertrauen in Gott. Die Kirche hatte die Theorie der Hexensekte erfunden und die Hexenverfolgung gefordert. Die Ausführung oblag der Obrigkeit. Die Prozesse wurden vor fürstlichen und kommunalen Gerichten geführt. Die kaiserliche Halsgerichtsordnung Carolina von Kaiser Karl V. im Jahr 1532 war ein Wendepunkt. Hier wurde ausdrücklich formuliert, dass wer sich mit dem Teufel einlässt, nicht nur eine Straftat gegen Gott und die Kirche begeht, sondern auch gegen den Staat. Damit war von nun an der Staatsanwalt beauftragt, die Verfahren durchzuführen. In dieser Zeit gab es zudem mit der kleinen Eiszeit eine große Klimaveränderung. Die Temperaturen sanken, die Sommer waren kalt und nass. Die Ernten schlecht. Die Menschen hatten keine Erklärung für diese klimatologischen Veränderungen, sie sahen darin schwarze Magie und das Wirken des Teufels. Die kirchliche Theorie von Teufelspakt und Schadenszauber einer angeblichen Hexensekte kam gerade recht, um das Unerklärliche irgendwie fassen zu können.

Die Gewalt ging also weniger von der Obrigkeit, sondern vielmehr von der Bevölkerung aus?

Es gab beides: In vielen Orten erfahren wir in den Hexenprozessakten, dass die Bürger voller Angst vor das Rathaus zogen und fragten, warum überall das Hexengeschmeiß verurteilt werde, nur bei ihnen nicht. Der katholische Fürstbischof in Bamberg beispielsweise sah die Prozesse als ein Mittel, die Gegenreformation durchzuführen, um zu zeigen, wer hier nicht den richtigen Glauben hat, der weiß, was ihm blüht.

Die Prozesse wurden auch politisch genutzt?

In einer Dissertation über die Hexenprozesse von Minden wird ganz klar aufgezeigt, dass jede Welle der Hexenprozesse stets auch politische Ursachen hatte. Mal war es eine Krise in der Stadt, mal eine Bedrohung von außen durch den Landesherrn oder die Nachbarfürsten. Hexenverfolgungen gab es dann, wenn sich der Rat der Stadt nach innen als verlässliche Obrigkeit zeigen wollte oder Stärke nach außen demonstrierte. Wer den Teufel als Feind präsentiert, schart die eigene Bevölkerung schnell hinter sich unter das christliche Banner. Heute verlaufen diese Mechanismen ganz ähnlich, nur die Bezeichnungen haben sich geändert. Denken Sie nur an George Bush und seinen Kampf gegen den Terror. Das Präsentieren von Sündenböcken hilft, um von den eigenen Fehlern abzulenken oder um eigene Interessen durchzusetzen. In wichtigen Zügen des Zusammenlebens ist die Menschheit keinen Millimeter weiter als zur Zeit der Hexenprozesse.

Wie reagiert die Kirche auf Ihre Forderungen?

Die Kirche scheut das Thema sehr. Sie verweist meist auf die damaligen Fürsten, auch weil sie Angst hat, dass nach der großen Missbrauchsdebatte hier ein weiteres Kapitel ins Bewusstsein der Menschen kommt, wo sie nicht gut aussieht. Dabei sind die Menschen tief beeindruckt, wenn die Kirche sich ihrer dunklen Seite stellt und zugibt, dass Fehler gemacht wurden.

Auch manche Kommunen tun sich schwer mit Ihrem Ansinnen. Warum?

Oft sind es die Bürgermeister, die ihre Stadt nur in einem positiven Licht sehen wollen. Sie wollen nicht ihr Nest beschmutzen. Sie präsentieren lieber die Zukunft der Stadt als das Gestern mit seinen dunklen Seiten.

Immerhin, viele Gemeinden haben das Thema Hexen als Tourismuswerbung entdeckt ...

In Olpe werden die Räume eines Folterturms von einem Restaurant genutzt, das dort ein Hexenmenü anbietet. Dort werden Foltergeschichten erzählt, während Menschen ihr Steak essen. Das finde ich absolut geschmacklos. Es sollte das Gedenken an die Menschen im Vordergrund stehen und nicht das Geschäft mit dem Schauder.

Was ist Ihnen durch die Beschäftigung mit dem Thema wichtig geworden?

Ja, Sie haben vielleicht Recht, es gibt wichtigere Probleme in diesem Land. Aber mir ist erst durch die Beschäftigung mit dem Thema bewusst geworden, wie verletzlich und kostbar die Menschenrechte sind, und wie viel Tränen und Blut nötig war, um sie zu erkämpfen. Ein ganz großer Teil der Menschen, die hingerichtet wurden, waren Zugezogene. Dieser Fremdenhass und dieses Misstrauen gegenüber Fremden ist aus vielen Hexenprozessakten zu lesen. Das, was heute passiert, ist in unserer Gesellschaft schon ganz lange angelegt worden. Es passiert nur deshalb immer wieder, weil man sich zu wenig damit beschäftigt.

Die Fragen stellte Dietmar Telser

Mehr über Hartmut Hegeler finden Sie auf seiner Internetseite www.anton-praetorius.de

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